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„Propaganda-Plattform“ für türkischen Wahlkämpfer Kilic? Anne Wills „Minister-Gipfel“ stößt auf Kritik

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Kaum eine Sendung ist am Wochenende so kontrovers diskutiert worden wie die Talkshow von Anne Will. Kanzleramtsminister Peter Altmaier und der türkische Sportminister Akif Cagatay Kilic sprachen darin über das gespannte Verhältnis Deutschlands zur Türkei. Weil der türkische Minister seinen Auftritt auch zum Wahlkampf nutzte, entbrannte in den Sozialen Netzen Kritik. Die ARD spart sich unterdessen den sonst üblichen Facebook-Post.

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Drohungen, Provokationen, Schimpftiraden: Das europäische Verhältnis zur Türkei wird immer angespannter. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wirft Deutschland und den Niederlanden offen Nazi-Praktiken vor, nachdem Wahlkampfauftritte türkischer Minister dort verboten wurden. Bei „Anne Will“ diskutierten am Sonntagabend Kanzleramtsminister Peter Altmaier und der türkische Sportminister Akif Cagatay Kilic über die Frage: „Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?“

Der Ansatz der Will-Redaktion, erstmals Mitglieder der streitenden Regierungen öffentlich miteinander debattieren zu lassen, zahlte sich durchaus aus. Dabei entwickelte sich der selbst ernannte „Minister-Gipfel“ ohne weitere Gäste keinesfalls zu einem Schlagabtausch, sondern verlief diplomatisch und ruhig. Schon bei seinem Wahlkampfauftritt in Köln am Freitag hatte der AKP-Politiker Kilic vergleichsweise versöhnliche Töne angeschlagen.

Die Nazi-Vorwürfe der türkischen Regierung nahm er allerdings nicht zurück. „Was gesagt worden ist, ist ein Vergleich der Methoden“, sagte der Minister. „Dass Deutschland ein Nazi-Regime ist, ist nicht gesagt worden.“ Altmaier wies die Aussagen entschieden zurück. Sie relativierten die Untaten der Nazis. „Diese Vergleiche müssen aufhören.“

Dabei überraschte der Saarländer gleich zu Beginn mit seinen Sprachkenntnissen, als er einige Sätze in fließendem Niederländisch sprach. Der in Siegen (Nordrhein-Westfalen) geborene Kilic wechselte immer wieder zwischen der deutschen und türkischen Sprache. Beide Minister machten ihre Standpunkte, die zu der Krise geführt hatten, nochmals deutlich. Annäherungen gab es erwartungsgemäß nicht.

Kilic beschwerte sich darüber, dass am Wochenende der türkischen Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya der Zutritt zum türkischen Konsulat in Rotterdam verweigert worden war. „Hier wurde ihr Recht auf Versammlungsfreiheit aus nicht verständlichen Gründen mit Polizeigewalt und aggressiven Methoden gestoppt. Das kann man einfach nicht tolerieren.“ Altmaier verwies dagegen auf das Recht der niederländischen Regierung: „Jeder souveräne Staat darf darüber entscheiden, ob ausländische Vertreter willkommen sind.“

Der CDU-Politiker ließ es sich nicht nehmen, Kilic die Grundzüge der Pressefreiheit zu erklären, als der sich über eine angeblich zu negative Berichterstattung über die Türkei in deutschen Medien aufregte. „Die Presse schreibt das, was sie möchte, und nicht das, was ihr die Regierung vorschreibt.“

Das türkische Vorgehen gegen Beamte und Journalisten und die Inhaftierung des deutsch-türkischen Welt-Reporters Deniz Yücel begründete Kilic mit der Unabhängigkeit der Justiz. „Wir sind ein Rechtsstaat.“ Altmaier sprach von Fragezeichen, die es in dem Bereich gebe. „Ich kenne kein anderes Land in Europa, in dem derzeit so viele Journalisten im Gefängnis sitzen.“ Der Chef des Kanzleramtes pochte in der Causa Yücel erneut auf konsularischen Zugang und einen fairen Prozess.

Am Ende der sachlichen Diskussion, in der Kilic nochmal ausführlich für den Plan eines Präsidialsystems in der Türkei werben konnte, schlugen beide Politiker versöhnliche Töne an. Altmaier machte aber deutlich: „Es muss noch viel Porzellan, das zerbrochen ist, aus dem Weg geräumt werden.“

ARD spart sich den Facebook-Post zur Sendung

Viele Zuschauer der Sendung reagierten in den Sozialen Netzwerken empört. Vor allem dass Kilic während seiner Aussagen trotz perfektem Deutsch immer wieder zur türkischen Sprache wechselte, um Türken in Deutschland zu erreichen, sorgte für Diskussionen. Auch die Tatsache, dass er sich während der Sendung als Opfer und die Türkei als Rechtsstaat darstellte, ließ viele Nutzer in den Netzwerken verärgert zurück.

Auch unter dem Mediatheken-Eintrag zur Sendung haben sich inzwischen fast 1000 Kommentare angehäuft. Sie schlagen ähnliche Töne an wie die Reaktionen in den Sozialen Netzwerken.

Zu den Kritiken zum türkischen Sportminister reiht sich auch die Kritik gegenüber der ARD. Dass der Sender türkischen Erdogan-Änhängern eine solch prominente Plattform verschafft, stieß bei vielen Nutzern auf Unverständnis. Immerhin sahen mehr als 4 Millionen Menschen die Talkshow. Im Internet scheint die ARD die Sendung wohl auch deshalb etwas weniger prominent zu platzieren. Für die Anne-Will-Sendung hat es nicht einmal für einen Facebook-Post auf der Seite der ARD gereicht, was sonst üblich ist.

In den Kommentaren auf Facebook macht sich entsprechend der Zorn der Nutzer breit:

Warum die ARD in diesem Fall den Facebook-Post zur Sendung vermieden hat, bleibt unklar. Die Rundfunkanstalt war für ein Statement gegenüber MEEDIA zur Zeit nicht zu erreichen.

Update, 16:42 Uhr: Die ARD hat in einer Stellungnahme reagiert: „Wir posten die Sendung von Anne Will nicht jeden Sonntag. Gestern hatte der Facebook-Kanal von Das Erste den Livestream auf ihrer Seite. Im Gespräch mit den Nutzern haben wir direkt auf die Forumsseite der Sendung hingewiesen.“

Mit Material von dpa

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