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Wegen #FreeDeniz-Plakat: Zeit-Journalist bei Auftritt des türkischen Außenministers von Erdogan-Fans attackiert

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Mit Blessuren, aus dem Gesicht geschlagener Brille und bösen Drohungen endete für den Zeit-Journalisten Sebastian Kempkens ein Auftritt des türkischen Außenministers in Hamburg. Nachdem der Reporter während der Veranstaltung ein Schild mit der Aufschrift #freedeniz hochgehalten hat, attackierten und bedrohten ihn mehrere Erdogan-Fans und drängten ihn vom Gelände des türkischen Generalkonsuls. Kempkens spricht inzwischen von einem Fehler.

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Eigentlich wollte der Zeit-Reporter Sebastian Kempkens nur vom Auftritt des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu am Dienstagabend in Hamburg berichten. Ein normaler Termin also. Er wollte beobachten, wie tausende Erdogan-Fans in der Residenz des türkischen Generalkonsuls dem Außenminister zujubeln. Doch plötzlich eskalierte die Situation.

Was war passiert? In dem Zeit-Newsletter „Elbvertiefung“ schildert Kempkens die Situation: „Ich habe mir die Rede des Außenministers mit einer Kollegin angehört, die für mich übersetzt hat. Çavuşoglu hat auf die deutsche Demokratie geschimpft und gefordert, die Bundesregierung solle sich nicht in türkische Angelegenheiten einmischen. Die Leute haben ihm dafür zugejubelt. Ich musste da an meinen Kollegen Deniz Yücel denken: Der Korrespondent der Welt sitzt in einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis, weil er nur seinen Job gemacht hat.“

Kempkens kennt Yücel nur flüchtig, da er früher als Reporter für die taz.am wochenende gearbeitet hat. Trotzdem wollte der Reporter in diesem Moment ein Zeichen setzen. Er habe sich deshalb eins der herumliegenden Plakate gegriffen, „Free Deniz“ draufgeschrieben und es hochgehalten – drei Sekunden lang, bis die umstehenden Erdogan-Fans die Provokation erkannten. „Dann riss es jemand herunter, und die Umstehenden schubsten mich und schlugen auf mich ein. Sekunden später stand ich schon vor dem Gartentor der Konsulatsresidenz, leider ohne Brille, die hatte mir jemand aus dem Gesicht geschlagen. Draußen haben mich dann Männer umringt und bedroht, einer sagte: Du verdankst es Erdogans Menschlichkeit, dass du noch lebst“, berichtet Kempkens weiter.

Warum die Polizei oder die Ordner in diesem Moment nicht eingegriffen haben, bleibt aber unklar. Befugnisse dafür hätten sie gehabt, schreibt die Zeitung Die Welt. Die Polizei habe den umstrittenen Auftritt des türkischen Außenministers mit 850 Beamten abgesichert. Kempkens hat bei der Polizei bereits Anzeige gegen Unbekannt gestellt, das war ihm „grundsätzlich wichtig“. Da ihm jedoch während des Angriffs die Brille vom Gesicht geschlagen wurde, konnte er die Personen nicht erkennen.

Inzwischen sagt der Zeit-Reporter, es sei ein Fehler gewesen die Erdogan-Fans derart zu provozieren. „Mir ist bewusst, dass ich in diesem Moment meine Rolle als Journalist verlassen habe, dass ich zu einem Aktivisten geworden bin für die Pressefreiheit“, schreibt Kempkens in einem Bericht auf Zeit Online. „Ich trenne normalerweise meine Rolle als Journalist sehr genau von der eines Aktivisten. Nie würde ich mich auf einer politischen Veranstaltung, über die ich berichte, mit irgendwelchen Parolen zu Wort melden“.

Der Hamburger Senat pocht derweil auf Aufklärung der Vorfälle. In einem Schreiben hat der Staatsrat für Auswärtige Angelegenheiten, Wolfgang Schmidt, den türkischen Generalkonsul um eine Stellungnahme gebeten. Darin heißt es: „Die Vorwürfe, sollten sie sich bewahrheiten, sind aus Sicht des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg sehr gravierend.“ Die Meinungs- und Pressefreiheit sei ein Grundrecht, Einschüchterungen und körperliche Angriffe seien nicht zu tolerieren. Auch die Regierungsfraktionen um Grüne und SPD sowie die Linken verurteilten den Vorfall.

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