„F für Freiheit, Fummeln, Frittieren, Frauen“: Gruners F MAG wagt die Politisierung des Frauenmagazins

Das FMAG-Team und ihre erste Titelseite: Künftig erscheint das Magazin nur noch in einer digitalen Variante
Das FMAG-Team und ihre erste Titelseite: Künftig erscheint das Magazin nur noch in einer digitalen Variante

Es geht um das F-Wort. Nein, nicht das schlimme englische Schimpfwort, sondern um Frauen, Fashion und Feminismus. Mit dem F MAG wagt Brigitte ein spannendes Print-Experiment: ein junges Frauenmagazin, das über Politik, Sex und Lifestyle berichtet. Die Idee stammt direkt aus der Nachwuchsschmiede der Henri Nannen Schule und wirkt wie ein Mix aus Emma und Vice – nur ohne die Adrenalin- und Testosteron-Überdosis der US-Amerikaner. Dabei bleibt der Neuling aus dem Hause G+J trotz forscher Vokabeln ein wenig zu brav und letztlich konventionell.

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Gleich die ersten Sätze des F MAG sind eine Art Mission-Statement: „Wir finden Politik sexy. Wir wissen, dass Sex manchmal politisch ist. Wir sind überzeugt, dass das Leben mehr Lametta braucht.“ Die logische Schlussfolgerung: Um alle drei Dinge will sich der Newcomer künftig kümmern. Allerdings kommt er erst einmal als One-Shot daher. Am Kiosk liegt eine Ausgabe. Verkauft sich diese gut, ist die Vermarktung zufrieden oder die Kritiker, überlegt Gruner + Jahr das Projekt in Serie zu schicken.

Dabei verbreitet die Entstehungsgeschichte schon einmal den richtigen Stallgeruch, um als Projekt wahrgenommen zu werden, das direkt aus dem Herzen der Zielgruppe kommt. „Die Idee entstand vor über anderthalb Jahren in der Nannen-Schule beim Seminar-Block zum Thema Magazine“, erzählt Sara Schurmann gegenüber MEEDIA. Im Team der Macherinnen firmiert sie als Redaktionsleiterin. Sie und ihre Mitstreiterinnen wollten endlich mal ein Frauen-Magazin, das alles kombiniert, was sie lesen möchten. „Also eines, das Politik und Mode mixt“. Schließlich könne man „mit Freundinnen ja auch über Politik und Röcke reden“. Dann sollte das eigentliche ja auch in einem Magazin funktionieren.

Das Konzept überzeugt offensichtlich. Denn schnell durften die Nannen-Schülerinnen ihre Ideen den Chefredakteuren von Gruner + Jahr sowie dessen Vorstand vorstellen. „Denen gefiel wohl, was sie sahen“, meint Schurmann lächelnd. Denn rund drei Wochen später stand Vorstand Stephan Schäfer „auf einmal bei uns in der Schule und fragte, ob wir nicht Lust hätten einen Dummy zu entwickeln“. Also machte sich das F MAG-Team an die Arbeit. Erst nach der Schulzeit. Ab Juni stellt der Verlag ihnen ein erstes eigenes Büro. Ob sie das behalten dürfen, hängt aber auch vom Erfolg der ersten Ausgabe ab.

Denn bislang steht nicht fest, wie es weiter geht. Allerdings hält der Verlag offenbar sehr viel von dem Konzept. Immerhin werden jedes Jahr an der Nannen-Schule zu Übungszwecken neue Magazine entwickelt. Aber noch nie schaffte es ein solches – im Vergleich zu anderen Verlagen und ihren Ausbildungs-Akademien – später an den Kiosk.

Doch bei F MAG, dem feministisch angehauchten Mix aus Mode und Politik, hatten offenbar alle das Gefühl, dass es genau passt. „In Zeiten von Womans Marches ist es das richtige Projekt zur richtigen Zeit“, meint die Macherin überzeugt. Und Herausgeber Andreas Petzold ergänzt: „Die jüngeren Menschen sind wieder politischer geworden. Wir sind davon überzeugt, dass ein solches Konzept, gerade eine „Lage“ hat.“ Hier liegt das eigentlich Innovative des Magazins: Politik ist kein No Go für ein Frauenmagazin der Zukunft, sondern dessen Themenelixier.

Wie Schurmann und ihr Team dies Lage publizistisch interpretieren und umsetzen wollen, verraten sie in ihrem Editorial: „Wir stehen auf gründliche Analysen und kluge Unterhaltung. Wir diskutieren gern, wir masturbieren gern, und wir lassen uns gern inspirieren. Wir halten nichts von Tabuthemen und noch weniger von Must-haves. Wir wollen nicht mehr lesen, was junge Frauen müssen, sondern zeigen, was sie draufhaben.“

Das hört sich toll und kämpferisch an. Leider bringt das Heft von all dem dann immer doch etwas zu wenig. Die Politik-Stories, wie eine Vorstellung der jüngsten Abgeordneten des Bundestages, sind weder frech noch innovativ. Vergleichbares hat man überall schon gelesen. Auch die Titelgeschichte über die Frage, wie man sich als junger Mensch heute engagieren kann, ist weder ein Alleinstellungsmerkmal noch ein Top-Verkäufer. Das gilt auch für das Cover, das trotz Fackel dann doch zu wenig kämpferisch und auch zu wenig feministisch daher kommt. So vermittelt das gesamte Magazin immer das Gefühl von einer Produktion mit angezogener Handbremse.

Denn so gut die einzelnen Geschichten (ob über Narben, Hautfarbe und rassistische Diskriminierung) auch sind: Es fehlt ihnen stets an Wumms, an Wut und wohl auch an aufrechtem Feminismus. Die Zeiten der großen Meinungs-Koalition und des Medien-Mainstreams sind vorbei. In der Presse darf und soll wieder mehr gestritten und getobt werden – vor allem in einem jungen Medium, das immer von „wir“ und von „unserer Generation“ spricht. Die 20- bis 40-Jährigen sollten keinesfalls den Fehler machen, die Wut den alten weißen Männern zu überlassen. Wohin das führen kann, zeigte die US-Wahl und die Brexit-Abstimmung.

Ähnlich disharmonisch und zuweilen kryptisch kommt das Layout daher: viel Bewegung, aber keine Linie. Ein Gewimmel an unterschiedlichen Schriften soll wohl originell wirken, erschwert aber im Zweifel den Zugang zu den Inhalten. Die Aufmacherseiten wirken mitunter blass, und oftmals wird eine Typo-Lösung einem starken Aufmacherbild vorgezogen. Vom gelackten Cover hätte man den F MAG-Macherinnen abraten sollen: Das wirkt am Kiosk zu uniform und im Sinne der Heftabsicht kontraproduktiv. Dabei funkelt das Heft durchaus im Kleinen. So gibt es einen Test von feministischen Pornos, in dem die Filme mit Strohballen statt Movie-Stars bewertet werden. Die Menschen in Wedding (Achtung Wortspiel) werden gefragt, was sie vom Heiraten halten und die beigelegten Sticker sind teilweise sehr explizit. So sollten Menschen, die Angst vor Wörtern wie Muschi haben, den Beileger meiden.

Herausgeber und „Geburtshelfer“ Andreas Petzold hält den Namenszusatz „Brigitte“ für strategisch sehr richtig: „Wir wollen ganz bewusst die Kraft der Marke Brigitte auch am Point of Sale nutzen und den Neuling ganz klar als Frauenmagazin platzieren. Außerdem steht Brigitte für Qualitätsjournalismus“. Die Redaktionsleiterin ergänzt: „Unsere Mütter haben alle Brigitte gelesen und so hoffen wir, dass ihre Kinder, die wir ansprechen wollen, die Marke auch für journalistisch wertvoll halten“. Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass seine Aussage auch belegen könnte, dass die Ausflaggung der Markennähe zur Brigitte für die junge Generation eher ein Handicap sein könnte. Schließlich gehört es zu den Impulsen jeder nachwachsenden Generation, mit den Gewohnheiten der vorherigen zu brechen.

Petzold verweist zu diesem Thema auf Erfolge aus der Vergangenheit. Mit Hilfe der Strahlkraft des stern konnte er vor Jahren dem jungen Print-Projekt Neon den Anschwung und Rückenwind verschaffen, der aus der schlauen Idee eine echte Erfolgsgeschichte machte. Neon – war – sicher ein starke Marke für eine nachwachsende Zielgruppe. Ob das letztlich aus der früheren SZ-Beilage jetzt hervorgegangene Magazinkonzept die Nähe zum stern tatsächlich gebraucht hätte, ist indes umstritten. Heute, so kann man jedenfalls konstatieren, hilft die große Marke stern dem kriselnden Neon kaum.

Ob F MAG zu einer Erfolgsgeschichte wie Neon wird, bleibt abzuwarten. Für den schnellen Aufbau einer begeisterten Fanbasis, mit deren Hilfe man auflagentechnisch Wachsen könnte, fehlt es dem Heft wahrscheinlich an der nötigen Bindungswärme. Getreu dem alten Leitsatz, dass Reibung Widerstand und Widerstand Wärme erzeugt, bräuchte es beim F MAG mehr als eine wütende Frau mit einer Fackel in der Hand auf dem Cover. Doch Krawall oder auch Kampf wird mit K geschrieben und nicht mit F. Für die Macherinnen steht das F übrigens nicht zwingend für Feminismus: „Für uns steht das F für Freiheit, Fummeln, Frittieren, Frauen – und vieles sonst, das mit F beginnt.“ Laute Worte, die erst zeigen müssen, ob sie in der angepeilten Käufergruppe auf Zustimmung stoßen werden.

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Alle Kommentare

  1. Es kommt endlich ein neues Magazin heraus, das nicht einfach nur die immergleichen Modepüppchen in den neusten Designerfummeln, oder ausgelutschte DIY-Basteltipps beinhaltet. Es ist ein Heft mit mutiger, zeitgemäßer und ansprechender Aufmachung (sage ich als anspruchsvolle Grafikdesignerin), einem tollen Grundgedanke und es steht gerade erst in den Startlöchern.
    Ich finde es sehr vielsagend, dass hier eine solche Kritik verfasst wird, die kaum überlesbar negativ behaftet daherkommt.
    Ich als junge Frau, war positiv überrascht von den gut geschriebenen Artikeln im Heft. Ich denke das F MAG geht genau den richtigen Weg, um offen und dennoch realistisch und bodenständig das Wort Feminismus zu „entschämen“. Feminismus bedeutet doch so viel mehr, als eine agressive Grundhaltung gegenüber jedem männlichen Machthaber an den Tag zu legen!
    Gerade in der heutigen Zeit sollten sich junge Frauen UND auch Männer viel mehr damit auseinandersetzen, wie sie ihre eigene Zukunft in Bezug auf herrschende Geschlechterverhältnisse gestalten wollen, oder besser können.
    Ich halte diese – fast schon vernichtende – Kritik für sehr verwerflich, unfair und bezeichnend zugleich! Ausgerechnet MANN beurteilt dieses neue Magazin nach ganz eigenen Maßstäben und sucht darin nach Hetze, Rebellion und Kampfeslust. Genau dieses Bild vom modernen Feminismus sollten wir endlich widerlegen und verbessern. Das hat das Team vom F MAG meiner Meinung nach bisher sehr gut gemeistert! Bitte weiter so!

    1. Ich finde nicht, dass das Heft den Feminismus „entschämt“. Ich denke, es macht genau das Gegenteil. Ich finde die Muschi-Sticker und den gezwungen offenen und „hippen“ Ton zum Fremdschämen und weglaufen. Als junge Frau möchte ich mit dem Heft in der Hand nicht gesehen werden. Es spricht auch leider junge Frauen nicht an, die Themen sind ebenso wie bei Neon nur sensationslüstern und wenig lebensnah. Es ist Neon – in pink.

  2. Tja Mädels – HEULT NICHT, MACHT DOCH! wäre schon richtig. Aber ich sehe grade wieder nur die alten und jüngeren „Emanzen“, die sich in diesen Zeiten lautstark melden. Es hilft ja auch niemand, eher winken sie ab – auch die Frauen. Petzold = Mann. Viele andere, die da mit entscheiden sicher auch. Woher sollen DIE für „Heult nicht, macht doch!“ ein Gefühl haben? Vielleicht können oder mögen es „die Mädels“ einfach nicht? Vielleicht wollen sie doch lieber „nett“ sein und die Rechnung fürs Frech- und Laut-Sein nicht bezahlen?? Wie immer wieder aufgezeigt, wird vor allem von öffentlich-rechtlichen Sendern Schindluder getrieben mit Gleichberechtigung und gleichen Chancen. Auf allen, wirklich allen Gebieten (Ausnahme Kostüm) beim Filmemachen dominieren Männer die Frauen. Hier ein Ausriss der letzten beiden Tage mit Meldungen:
    1. Sendestart Kommissar Lukas Laim = Max Simonischek
    2. Sendestart Youtuber Lars Fricke + 3 weitere Männer (Frau in Krankenschwesterkostüm) 3×30 Minuten „neoManiacs“
    3. Dreh Lars Becker mit HR für Ofcarek und Fritz Karl (der auch als Inspektor Jury und Anwalt Falk/ARD jeweils Titelrolle hat und bei Laim dabei ist usw..). Arme Frauen in Dödel-Rollen! Produzent? Network Movie Köln.
    4. Lars Becker mit „Nachtschicht“ on screen, Produzent Network Movie Köln.
    4. „Stralsund“-Drehstartfoto mit VIER „hochkarätigen“ (was sonst?) Männern, Eine Frau=ZDF-Liebling Wackernagel). Sylta Fee als Kassiererin (haha) usw. Autoren: 2 Männer, Regisseur: Mann, Produktion: Network Movie Köln.
    5. Hauptrolle Petra Schmidt-Schaller. Und was spielt Frau? Problematisches Verhältnis zum Vater. Haben die Frauen beim ZDF ständig. Und immer brillieren die Männer in schön geschriebenen Väter-Rollen. Das können die Männer-Autoren prima schreiben. Da war doch was mit Toni Erdmann… über wen spricht man ‚weltweit‘? Über die Frau? Mitnichten… über Simonischek (ah..die HR oben ist sein Sohn? Es gibt viele Söhne, auch Fritz Karl hat einen der grad schöne Rollen spielen darf).
    Mal sehen, welche Filme gedreht oder on-screen uns noch mit Männer-Hauptrollen bevorstehen (Stephan Luca in „Chaos-Queens“ und in „Großer Freund, kleiner Freund“). Die nächste UNI könnte das alles doch mal statistisch auflisten, was diese ÖR Sender da so treiben mit den Frauen und ihrem gesellschaftlichen Auftrag für den ALLE – auch Frauen – Gebühren zahlen. Lautet der – und wir haben das nur übersehen – sie sollen Männern tolle Rollen schreiben und sie vor allem von Männern produzieren und verfilmen lassen? Arme Mädels! Wirklich! Leider traut sich keine, dagegen aufzustehen. Im Gegenteil, die fest angestellten Redakteurinnen machen das mit den Männer-Filmen mit. Wenn Frauen in Hauptrollen sind, sind die krank, eiskalt oder Hebamme, Sekretärin, Tochter von Vätern, Muddi mit Familie usw. HEULT NICHT, MACHT DOCH!! Aber holt Euch den Petzold ins Boot und die übrigen Chefredakteure des Hauses. Schlagt zurück! Dafür gibt es Freiheit für die Presse. Legt den Finger auf die Wunden. Macht den jahrzehntelang auf ihren fetten Plätzen sitzenden Öffis endlich Beine in Sachen Gleichberechtigung bei Rollen, Produzentinnen, Regisseurinnen. Kein einziger öffi-Sender muss einem männlichen Regisseur oder Produzenten die Besetzung der Rollen mit ihren Buddys oder mit ihnen genehmen Mädels überlassen oder zugestehen. Wirklich nicht! Schluss damit!

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