„Journalismus ist kein Verbrechen“: Auto-Korsos, Hup-Konzerte sowie aufrüttelnde Titelseiten zum Fall Yücel

free-deniz-yucel-taz-welt-tagesspiegel-2.jpg

Der Kampf vieler deutscher Medienmacher für die Freilassung von Deniz Yüzel geht weiter. Nachdem am gestrigen Montagabend in mehreren deutschen Städten hupende Auto-Korsos durch die Innenstädte fuhren, legen unter anderem die Bild, die Welt, der Tagesspiegel oder auch die taz mit großen Titelthemen und Themenseiten nach. Auch die Kommentatoren widmen sich ausführlich dem Fall der "Geisel" Yücel.

Anzeige

So titelt der Tagespiegel mit einem gemeinsamen Text der beiden Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt, in dem sie unter anderem fordern, dass die Bundesregierung mehr für Yücel tun müsse:

Jetzt ist Angela Merkel gefordert. Ein offenes Wort aus dem Munde der Kanzlerin an die Adresse ihres geschätzten Verhandlungspartners Erdogan ist unerlässlich, eines für alle inhaftierten Journalisten. Nicht um ihrer selbst willen, Merkels willen; obwohl die erkennen müsste, wie sehr der Vorwurf des Grünen Omid Nouripour sie trifft, die Bundesregierung lasse sich von Erdogan erpressen.

Die Welt beschäftigt sich auf den ersten fünf Seiten dem ihrem inhaftierten Korrespondenten. Dort druckt sie unter anderem die Artikel und Interviews noch einmal nach, wegen den Yücel von der türkischen Staatsanwaltschaft Volksverhetzung und Propaganda vorgeworfen werden.

Zudem bringt die Redaktion ein Interview mit Can Dündar. Darin spricht auch er von „Erpressung“ durch die Regierung. So schließt er eine Freilassung inhaftierter Kollegen vor der Volksabstimmung über die Einführung eines Präsidialsystems aus. „Die Kollegen wissen, dass die türkische Regierung sie als Geiseln genommen hat“, zitiert die Welt den Journalisten. Recht und Gesetz seien ausgeschaltet. „Vor dem Referendum am 16. April gibt es meines Erachtens keine Chance auf Freilassung.“

Passend dazu veröffentlicht die Bild auf einer Doppelseite eine Liste aller rund 150 in der Türkei inhaftierten Journalisten. Bei Spiegel Online schreibt Auslandskorrespondent Maximilian Popp aus Istanbul, dass das Erdogan-Regime Yücel als „Geisel“ und „Druckmittel gegen Berlin“ benutze.

Auch die taz widmet sich dem Thema auf ihrer Titelseite unter der Überschrift „Journalismus ist kein Verbrechen“.

In seinem Morning-Briefing kommentiert Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart:

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt in türkischer Untersuchungshaft, weil er im Auftrag der „Welt“ seinem Job nachging: hinschauen, zuhören und kritisch berichten. Damit ist er das jüngste Opfer eines Regimes, das der Rechtsstaatlichkeit hohnspricht und die Menschenrechte mit Füßen tritt. Zur Zeit sind in türkischen Gefängnissen mehr Journalisten inhaftiert als in Syrien, Iran und China zusammen. Die Nato-Mitgliedschaft der Türkei ist unter diesen Bedingungen zur Farce geworden.

Natürlich beziehen sich alle Zeitungen auch auf die Protestaktionen, die wenige Stunden zuvor in über zehn Städten stattgefunden hatten.

Die wichtigste Kundgebung fand dabei wohl in Berlin statt. Dort forderten die Demonstranten vor der türkischen Botschaft die Freilassung des inhaftierten Journalisten. An dem Auto-Protest hatten sich in der Hauptstadt – laut dpa – rund 100 Autos und 19 Fahrräder – beteiligt. Für Leipzig nennt die Agentur Teilnehmerzahlen von 50 Autos und rund 30 Radlern.

 

Anzeige
Anzeige
Anzeige