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Jakob Augsteins Kritik im Fall Yücel: „Warum hat Springer seinen Korrespondenten nicht rechtzeitig abgezogen?“

Welt-Korrespondent Deniz Yücel sitzt in der Türkei in Haft: Jakob Augstein (r.) wirft die Frage auf, wieso sein Chef Ulf Poschardt (l.) den Korrespondenten nicht rechtzeitig aus der Türkei abgezogen hat
Welt-Korrespondent Deniz Yücel sitzt in der Türkei in Haft: Jakob Augstein (r.) wirft die Frage auf, wieso sein Chef Ulf Poschardt (l.) den Korrespondenten nicht rechtzeitig aus der Türkei abgezogen hat

Das politische Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei spitzt sich aufgrund der Gefangenschaft von Deniz Yücel zu. Nachdem ein Richter die – im Zweifel bis zu fünf Jahre lange – Untersuchungshaft angeordnet hat, wird der Ton aus Berlin schärfer. In die Kritik eines prominenten Medienmachers gerät aber auch Yücels Arbeitgeber, der Axel Springer Verlag. Es geht um die soziale Verantwortung.

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Die Solidarität für den Türkei-Korrespondenten der Welt, Deniz Yücel, ist seit Verhängung der Untersuchungshaft überwältigend. Deutschlandweit fanden am Dienstag in mehreren Städten Autokorsos mit Dutzenden bis Hunderten Teilnehmern statt, die sich mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten solidarisieren und seine Freilassung fordern. Besonders viel berichtet wurde über die Demonstration vor der türkischen Botschaft in Berlin, zu der unter anderem Reporter ohne Grenzen aufgerufen hatte. Neben Yücels Arbeitgeber Welt und dem ehemaligen Arbeitgeber taz solidarisieren sich auch andere Medien, beispielsweise der Spiegel. In der Mittwochausgabe der Bild räumte die ebenfalls zu Springer gehörende Bild-Zeitung ihre Seite eins frei und fordert ebenfalls Freiheit für Deniz Yücel. Dazu veröffentlicht Bild eine Liste mit den insgesamt 150 in der Türkei inhaftierten Journalisten.

Die Solidarität erhöht vor allem den Druck auf die deutsche Politik, sich der Causa Yücel auch öffentlichkeitswirksam stärker anzunehmen. Yücel, der neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, ist für die bislang erfolglose Diplomatie der in den vergangenen Monaten stets auf Beschwichtigung setzenden Bundesregierung eine immense Herausforderung.

Etwas über zwei Wochen nach Yücels Inhaftierung wächst aber auch der Druck auf den Medienkonzern Axel Springer. Nachdem vor wenigen Tagen ein in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienener – mindestens unglücklich formulierter und viel diskutierter – Kommentar die erste Frage nach der Verantwortung von Yücels Arbeitgeber aufwarf, reihen sich vor allem im Social Web weitere Diskutanten ein – unter anderem Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung Freitag und Spiegel-Kolumnist wie auch Gesellschafter. Via Twitter warf er die Frage auf, weshalb Yücel – der seit vergangenem Jahr als persönlich gefährdet galt – überhaupt noch aus der Türkei heraus berichtete.

Augstein stellt die Frage nach sozialer Verantwortung durch den Arbeitgeber – hätte Springer Yücel aus der Türkei abziehen müssen, um ihn vor der Inhaftierung zu bewahren? Andere Medien wie die FAZ oder auch der Spiegel haben das getan. Für die Frankfurter Allgemeine berichtet Korrespondent Michael Martens mittlerweile aus dem angrenzenden Griechenland, Spiegel und Spiegel Online versetzten ihren Korrespondenten Hasnain Kazim nach Wien, nachdem sich die Lage auch für ihn erheblich zugespitzt hatte und die Türkei eine weitere Akkreditierung als Journalist verweigerte. Für den Spiegel Verlag berichtet mit dem Journalisten Maximilian Popp mittlerweile wieder jemand direkt aus der Türkei. Auch die Welt holte ihren Korrespondenten Yücel zwischenzeitlich zurück, äußerte sich damals aber nicht zu Gründen. Zudem kehrte er vergleichsweise schnell zurück nach Istanbul. Die aktuelle Situation zeigt, dass ihn der türkische Staat womöglich nicht als deutschen, sondern einheimischen Journalisten behandelt, was die deutsche Diplomatie vor besondere Herausforderungen stellt.

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Die Inhaftierung von Deniz Yücel beschreibt ein Dilemma. Kampf für und Verteidigung der Pressefreiheit aus dem Innern der Türkei heraus stehen der Sicherheit eines Einzelnen gegenüber. Eine Abwägung fällt schwer. Ist der Ab- und Rückzug von Korrespondenten und kritischen Journalisten die Kapitulation vor dem türkischen Staat und ein Sieg für Staatspräsident Erdogan? Ist mit der Inhaftierung eines kritischen Journalisten, der die Pressefreiheit aus dem Land heraus verteidigen wollte, am Ende zielführend? Funktioniert kritischer Journalismus über andere Staaten (vor allem aus einem nicht freiem Land) nur dann, wenn die Reporter vor Ort sind?

Für die Welt hatte sich nach Erscheinen des umstrittenen FAZ-Kommentars Auslandschef Sascha Lehnartz positioniert und verwies auf Yücel als Rebell, dem man nicht weisungsbefugt sein könne. Es sei eine „derbe Fehleinschätzung der Persönlichkeit Deniz Yücels“, wenn man glaube, „dieser ließe sich von einem Arbeitgeber irgendwo hinschicken, wo er vielleicht nicht hinwill…“.

Diese Fragen aber scheinen genauso berechtigt wie die Frage nach der Verantwortung des Verlages, für den Deniz Yücel schreibt. Es wird auch geklärt werden müssen, welche Mittel und Wege es als Alternativen gegeben hätte. Es sind aber Fragen, die sich aktuell nicht aufdrängen und zeitlich womöglich deplatziert sind, wie Lehnartz ebenfalls schrieb. Die Wiedererlangung der Freiheit von Deniz Yücel hat Priorität. Das zeigen auch die Reaktionen auf Augsteins Tweet, der zum großen Teil als stil- und emptahielos empfunden wird.

 

 

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Alle Kommentare

  1. Rückzug ist keine Alternative zur Verteidigung der Pressefreiheit und der Grundrechte im eigenen, wie on fremden Ländern. Es stellt sich allerdings die Frage wo Deutschtürken stehen, die auf zwei Staatsbürgerschaften beharren, wo das eine Staatssystem dem anderen diametral widerspricht!

  2. Dieser Hetzer ist hier nur durch völlig schlechte „Kolumnen“ aufgefallen. Was sich so alles Journalist nennen darf…

  3. Who the f…. cares, wenn in der Türkei ein zweifelhafter Staatsbürger gemäß den Gesetzen dieses Landes behandelt wird? Dass in Deutschland die üblichen Berufsprovokateure und Volkspädagogen nun versuchen mit gespielter Moral wieder irgendeine Art Aufruhr vom Zaun zu brechen, daran hat man sich schon gewöhnt. Jetzt fehlt nur noch der Oberpharisäer Klaus Kleber im Staatsfunk mit seiner kruden Sicht auf die Dinge in der Hoffnung, dass die Kanzlerin dann doch noch Verantwortung heuchelt und sich diesem Einzelschicksal annimmt. Hoffentlich ist das Gedränge in den Gefängnissen ihres treuen Kumpels Erdogahn nicht allzugroß. Es sollen dort ja mehr Leute für weniger einsitzen. Aber das spielt ja für die Medien keine Rolle. Es geht schließlich um einen der ihren. Der Rest ist dann wohl türkisches „Pack“.

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