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Begegnung mit einer alten Dame in neuem Gewand: Springer und die hohe Kunst der Print-Verführung

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Vor mehr als 100 Jahren erschien die Dame zum ersten Mal und etablierte sich als Illustrierte für die sich emanzipierende Frau. Mit dem Nazionalsozialismus verschwanden Rollenbild und Blatt. Nun bringt der Axel Springer Verlag den Klassiker zweimal im Jahr zurück an den Kiosk. MEEDIA-Redakteur Marvin Schade über die Begegnung mit einer alten Dame, die moderner nicht sein könnte.

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Ohne Frage, die Dame ist eine von den starken Frauen. Dass sie vielseitig ist – im Sinne von 300 Seiten vielseitig – lässt sie mich nicht nur sehen, sondern auch spüren. 1,5 Kilogram bringt sie auf die Waage. Ein Schwergewicht. Ich schaue sie an und weiß nicht genau, was mich bei ihr erwartet. Berlin, established 1912, steht drauf. Die Dame ist alt, uralt, 105 Jahre, um genau zu sein. Das aber sieht und merkt man ihr keineswegs an – im Gegenteil.

Das Titelseiten-Cover der Dame wurde von Künstler Thomas Ruff gestaltet

Mehr als 100 Jahre nach ihrer ersten Erscheinung: Die Dame zeigt sich in neuem Gewand

Und sie ist stolz auf ihre Herkunft, die muss sie betonen. Geboren im urbanen Berlin, der weltbekannten, aufstrebenden Metropole aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Es waren Zeiten der Weimarer Republik, Aufbruchsstimmung, über den großen Teich schwappte der Unterhaltungswahnsinn aus Hollywood, der Film wurde zum Massenmedium, Deutschland zum Land der Lichtspielhäuser. In den „goldenen Zwanzigern“ begann das Leben Spaß zu machen, die Frau löste sich von alten Rollenbildern, trennte sich von langen Haaren, setzte sich selbst im Auto hinter das Steuer. Aufregende Zeit.

Emanzipation im Jahre 1929: Die Frau entdeckt die Freude am Fahren – auch auf dem Titel der Dame

Trotz ihres Alters gebe ich der Dame eine Chance. Sie ging in jungen Jahren in einen langen Schönheitsschlaf. 1912 gegründet, blühte sie vor allem in den zwanziger Jahren auf, etablierte sich als wöchentlich erscheinende Illustrierte für die moderne, sich emanzipierende Frau. Ich weiß nicht viel über die Dame von früher. Aber ich bin mir sicher: Die Dame konnte viele begeistern – bis die Nazis kamen. Noch bevor es sich durchsetzen konnte, war es wieder vorbei mit dem Rollenbild der modernen Frau, vorbei mit der Dame, die vor ihrer Einstellung 1943 noch ein paar dunkle Jahre durchleben musste.

Ich will sie näher kennenlernen.

Und schon stellt sie mich auf die erste Probe. Das erste Rollenbild, das mir Die Dame zeigt, ist die Frau als Konsumentin. Bevor ich Persönliches über die Dame erfahre, lässt sie mich erst einmal durch ihren Kleiderschrank blättern (oder durch ihre Wunschliste?). Mäntel, Taschen, Uhren, Taschen, Schmuck, wieder Taschen, Kleider, Uhren, wieder Taschen, wieder Schmuck, Lippenstift… Die Dame hat hohe Ansprüche, wer hätt’s nicht gedacht.

25 Seiten später folgt meine erste Begegnung – mit einem Mann. „Als ich sie zum ersten Mal sah, war es um mich geschehen“, schreibt Christian Boros. Ohne ihn würde es Die Dame – in ihrer Form – nicht geben. Boros ist Herausgeber, der Kopf hinter dem neuen Konzept des „superanalogen“ Magazins. Superanalog. Das klingt erst einmal super langweilig. Ist es aber nicht, genau wie Boros. Er ist Kunstsammler, Unternehmer und – wie er sagt – kein Blatt- oder Magazinmacher. Damit habe er zuvor nie etwas zu tun gehabt. Das verlegerische Know How steuerte Axel Springer bei, dessen Vorstandschef eine besondere Hingabe und Leidenschaft für das Magazin entwickelt haben soll. Das Ergebnis ist ein Zeitschriften-Neustart, der deshalb so aufregend ist, weil er so zumindest auf den ersten Blick völlig aus der Zeit gefallen wirkt.

Raum für Fashion: Die Dame spendiert eine über 70 Seiten lange Modestrecke

Mit der Neu-Interpretation der Dame wollen er und sein Team um Redaktionsleiterin Lena Bergmann den heutigen Gewohnheiten etwas entgegensetzen. „Entschleunigung“ ist das in der Zeitschriftenwelt mittlerweile fast schon inflationär gebrauchte Stichwort. Die Dame soll Gegenbewegung sein, wie früher – nur anders. Während sie in den 20er Jahren wöchentlich erschien und damit hochfrequentiert war, ist die neue gemächlicher. Eigentlich als One Shot geplant, soll sie nun öfter – aber immerhin nur zwei Mal im Jahr – erscheinen und dafür dem Leser etwas bieten, das es Wert ist, Zeit und Raum um sich herum zu vergessen. Die Dame soll verführen.

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Das versucht sie nach allen Künsten des Blatt- und eben Nicht-Blattmachens. Fast 300 gedruckte Seiten bedeuten vor allem Platz. Die Dame flirtet mit zurückhaltender Eleganz, gibt ihren Elementen um ihre Wirkung zu entfalten. Eine Seite starke Fotografie oder Illustration, auf der nächsten lediglich der Titel des Textes. Dahinter folgen ein fünfseitiges Porträt über die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz oder die exklusive Kurzgeschichte von Maxim Biller, gestreckt über 13 Seiten. Die Dame von heute gibt sich großzügig, spendiert Margit J. Mayer, Ex-Chefredakteurin der deutschen Harper’s Bazaar, und Philosoph Bazon Brock fünf Seiten (zzgl. ausdrucksstarker Fotografien) für ein Gespräch über Damen und Frauenbilder oder eine mehr als 70 Seiten (!!!) lange Modestrecke.

Bild- und Textkunst: Die Autoren schrieben eine Hommage auf Schnitzlers Traumnovelle

Die Dame drängt sich nicht auf. Sie stört Bilder nicht durch aufbrechende Texteinschübe, ihre Texte unterbricht sie nicht durch eingeschobene Bilder und Illustrationen. Ihre Macher haben die Kunst der Verführung verinnerlicht. Wer sich nicht aufdrängt, bleibt interessant.

Was die Dame in ihrer super-analogen Art vermitteln will, ist kein neues Frauenbild, sondern Haltung und Persönlichkeiten. Kunst definiere Die Dame nicht über Werke, sondern über ihre Macher, erklärt Boros. Die Dame ist eine Begegnung mit Menschen – über Wochen, vielleicht Monate. Die Dame ist kein Coffeetable-Magazin und – trotz ihrer langen Vergangenheit – nicht wirklich retro.

Und so schafft das Magazin auch Altes mit Neuem zu verbinden. Für Künstler war Die Dame schon früher ein Medium, in dem sie sich gerne gesehen haben. Wie vom erst 14 Jahre später erstmals erschienenen und bis heute international anerkannten Magazin New Yorker war auch bei der Dame bereits die Titelseite Kunst. Künstlerinnern und Künstler wie Art Deco-Legende Tamara de Lempicka malten die Cover per Hand. Im Heftinnern bekamen berühmte wie auch viel diskutierte Theater-Größen wie Bertold Brecht, Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer und Arthur Schnitzler ihre Bühne. Letzter hatte Ausschnitte seines Werkes „Traumnovelle“ in der Dame erstveröffentlicht. Heute dient das Stück als Grundlage für eine Montage, mit der Welt-Feuilleton-Chef Andreas Rosenfelder und seine Frau Lydia zeigen, wie aktuell das Werk schon damals war. Die Dame bewegt Künstler auch zu etwas Neuem. So widmete sich der auf Frauenbilder spezialisierte Aquarell-Künstler Martin Eder für Die Dame erstmals der Malerei von Männern und liefert ihr und ihren Leserinnen seine Vorstellung von (offenbar sehr jungem) „Augenfutter“. 

„Augenfutter“ für die Frau: Künstler Martin Eder aquarellierte für Die Dame erstmals Männer

Super-analog bedeutet auch einen Appell an den Sinn für Ästhetik. Die Dame legt es darauf an, angefasst zu werden. Aus dem Inhaltsverzeichnis heraus lässt sie sich kaum lesen, die Seitenzahlen hält sie gut versteckt, fast schon in der Falte gedruckt und auf mittlerer Höhe der Seite – wer will, kann sich in ihr verlieren. Wer wissen will, woran er bei ihr ist, muss die Dame mit ihren drei unterschiedlichen Papiersorten Seite für Seite blättern.

Die Dame bringt mir die starken Frauen näher. Frauen, die provozieren, diskutieren, Frauen die Autorennen fahren und Frauen, die weltgewandt sind. Schade, dass Die Dame selbst ihren internationalen Anspruch dabei vergisst. Begeistern will sie nicht nur in Deutschland, sagt ihr Verlag, sondern europaweit. Berechtigt ist der Hinweis darauf, dass Die Dame sich zwar weltoffen gibt, in ihrer Auswahl an Frauen aber alles andere als bunt ist. Farbige Models oder Protagonistinnen sucht man vergebens. Das, beteuerte Redaktionsleiterin Lena Bergmann bereits, wolle man ändern. Hoffentlich ändern sie das genauso wie die konsequente Ausrichtung in deutscher Sprache. Die Dame als Frau von Welt darf auch englisch mit mir sprechen.

Obwohl die Dame und ich eher unfreiwillig zusammengekommen sind und sie eher auf den genüsslichen Austausch mit anderen Frauen ausgelegt ist als auf Abenteuer mit Männern, habe ich die Zeit mit ihr sehr genossen. Die Dame ist mit ihrer formvollendeten Ansprache geradezu umwerfend. In der heutigen Print-Landschaft verströmt sie den Luxus zeitloser Eleganz, der süchtig machen kann.

Die Dame erscheint am 2. März am Kiosk in einer Auflage von 50.000 Exemplaren, Copypreis: 15 Euro 

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Alle Kommentare

  1. An sich sehr interessant, mehr eine Art Buchzeitschrift als Zeitschrift. Der Preis ist für den Umfang und die Qualität auch ok, steht ja auch mehr im Wettbewerb zum Buchmarkt, nur fürchte ich wird das linke Cover viele vom Kauf abschrecken. Sieht so mehr aus wie ein Kunstmagazin wie „BLAU“, welches leider doch sehr oft in der Nische der modernen Kunst festhängt.

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