Anzeige

Fünf Gründe, warum Blendle in Deutschland (noch) nicht aus der Nische kommt

Die Blendle-Gründer Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping
Die Blendle-Gründer Marten Blankesteijn und Alexander Klöpping

Seit rund eineinhalb Jahren ist das Online-Kiosk Blendle nun in Deutschland am Markt. Der Dienst setzte Maßstäbe in Sachen Einfachheit bei Bezahlvorgängen und Usability. In Verlagen hört man aber auch immer wieder Unzufriedenheit mit den Erlösen. Blendle scheint in Deutschland noch nicht über den Status als Nischenprodukt vor allem für Medienschaffende hinaus gekommen zu sein. MEEDIA analysiert, was die Gründe sein könnten.

Anzeige
Anzeige

1. Erlöse sind zu niedrig

Fragt man Verlagsmenschen oder leitende Journalisten nach ihren Erfahrungen mit Blendle, ergibt sich in den allermeisten Fällen ein ähnliches Bild: Viel Lob für den Ansatz und die Usability. Blendle ist erst einmal sympathisch. Aber dann kommt mehr oder weniger verblümt die Ansage, dass Blendle nicht wesentlich zu den Erlösen beiträgt und im Hause nicht als zentraler Bestandteil eine Pay-Strategie verfolgt wird. „Blendle ist nur ein Kuchenstück im Umsatz-Mix der Verlage, genau so wie etwa E-Commerce oder Veranstaltungen. In Zeiten, in denen Werbeerlöse unter enormem Druck stehen, ist es für den Qualitätsjournalismus von großer Bedeutung, Leser-Umsätze zu generieren. Wir arbeiten zusammen mit unseren Verlagspartnern hart daran, dass dieses Kuchenstück wächst“, sagt Felix Hooss, Chefredakteur Blendle Deutschland. Um dauerhaft eine Rolle zu spielen, müsste Blendle aber auch dauerhaft zumindest signifikante Umsätze für die Verlage bringen. Dass Handlungsbedarf besteht, hat man erkannt. In Holland hat Blendle mittlerweile einen Premium-Service gestartet, bei dem Nutzer zum Preis von 9,99 Euro Zugriff auf „eine personalisierte Auswahl der besten Artikel aus mehr als 120 Publikationen“ bekommen. Eine Art Flatrate mit Vorauswahl also, die pro Tag 20 Artikel enthält. Ob dieses Modell geeignet ist, dauerhaft höhere Erlöse als der Einzelverkauf zu generieren, muss sich noch zeigen.

2. Kein Werbekampagne

Ein weiterer Kritikpunkt, den man im Zusammenhang mit Blendle häufig hört ist, dass der Dienst zu wenig bekannt sei. Da müssen sich die bei Blendle engagierten Verlage aber vielleicht zu allererst selbst an die Nase fassen. In den einzelnen Medien finden sich wenn überhaupt nur dezente Hinweise auf Blendle. Die Verlage pushen viel lieber ihre eigenen Bezahl-Lösungen, vor allem Digital-Abos. Aus ihrer Sicht ist das auch verständlich. Dazu kommt, dass Blendle bislang zumindest auf eine Werbe- und Marketingkampagne verzichtet. Ist es ein Wunder, dass ein neuer Service ganz ohne Werbung noch nicht einer breiten Masse bekannt ist? Eher nicht.

3. Inhalte sind oft auch gratis zu haben
Anzeige

Jeder Verlage hat eine eigene Strategie, was die Vermarktung von Inhalten betrifft. Viele setzen auf ein so genanntes Freemium-Modell, d.h. einige Inhalte werden gratis angeboten, andere nur gegen Geld. Bild.de verfolgt diese Strategie, ebenso die FAZ. Bei der Welt wurde ein Metered Model (eine bestimmte Anzahl an Artikeln gibt es gratis) durch ein Freemium-Modell ersetzt. Nun kann es passieren, dass Blendle eine Story anpreist und auf der Website der Zeitung oder des Magazins gibt es exakt dieselbe Story gratis. Hooss sagt dazu: „Unsere User lieben die ‚Premium‘-Erfahrung, bei Blendle den besten Journalismus im deutschsprachigen Raum unter einem Dach zu finden, und zwar von uns kuratiert, so dass sie nichts verpassen.“ Manchmal empfehle Blendle auch Artikel, die frei verfügbar sind, weil man diese für sehr relevant ansieht. „Wir haben sogar angefangen damit zu experimentieren, auf Gratis-Inhalte der Verlage zu verlinken – einfach, um unseren Usern das Gefühl zu geben, dass sie bei uns alles Wichtige mitbekommen“, so Hooss. Das ist für die Nutzer ein netter Service, aus ökonomischer Sicht aber keine stringente Strategie. Folgt man der Argumentation des Chefredakteurs, dann verkauft Blendle gar nicht in erste Linie Inhalte, sondern stellt nur eine besonders nutzerfreundliche „Premium“-Verpackung für diese zur Verfügung. Es ist aus Kundensicht einfach irritierend, wenn man für ein Produkt zahlen soll, dass es woanders gratis gibt.

4.  Newsletter-Marketing wird überreizt

Ein wichtiger Bestandteil von Blendle sind die Newsletter, die der Dienst versendet. Einmal täglich gibt es eine Zusammenstellung mit handverlesenen Artikel-Tipps inklusive kurzen Anreißern. Ergänzt wird der tägliche Letter durch eine Wochenzusammenfassung namens „Essentials“ und einen Letter namens „Blendle fürs Leben“, der zu Beginn der Woche diverse Ratgeber-Artikel zusammenstellt. Die Lesetipps sind sorgfältig kuratiert, allerdings übertreiben es die Autoren bisweilen mit der „Verkaufe“ der Themen. Gefühlt jeder zweite empfohlene Text ist „brisant“, „überraschend“ oder man „muss ihn lesen“. Das und die Ausweitung der Letter sorgt bisweilen für eine gewisse Übersättigung mit Blendle-Lesestoff.

5. Nur Journalisten-Liebling sein ist zu wenig

Trotz aller Kritik muss man festhalten, dass Blendle in Sachen Usability und Bezahlvorgängen Maßstäbe gesetzt hat. Kaum ein anderer Service macht Inhalte von komplett unterschiedlichen Verlagen so einfach gegen Bezahlung zugänglich wie Blendle. Darum und weil Blendle einen tatsächlich auch immer wieder auf neue Themen stößt, ist der Dienst gerade in Journalistenkreisen sehr beliebt. Journalisten haben eben auch den Bedarf, sich Artikel aus den verschiedensten Medien zu beschaffen, sei es aus Recherchegründen oder schlicht aus berufsbedingter Neugier und sie sind notorische Vielleser. Man könnte auch sagen, dass Blendle für die Bedürfnisse von Journalisten optimal positioniert ist. Felix Hooss sagt bezogen auf die Nutzer in Deutschland: „Wir sind sehr zufrieden. Wir haben zweistellige monatliche User-Wachstumsraten, seit wir vor anderthalb Jahren in Deutschland gestartet sind. Unser Wachstum in Deutschland und den Niederlanden verdanken wir allein der Unterstützung durch die Verlage und Mundpropaganda durch unsere User. Wir haben viele glückliche User, die unser Produkt lieben.“ Das ist sicher auch so. Für einen dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg wäre es aber dringend notwendig, das Produkt Blendle auch außerhalb der Medienszene bekannt zu machen und zu etablieren.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Ich halte einen Blendleaccount für vollkommen überflüssig, weil ich die Beiträge die ich gerne lese, als Newsfeed bekomme. Desweiteren bin ich bereit für einen Artikel zu zahlen, wenn er dann kostenpflichtig ist. Er muss mir nur interessant genug erscheinen.

  2. Die Artikel die ich mal gelesen habe, bleiben im Archiv. Dann kann ich später den Artikel nochmal zitieren etc. Ansonsten weiß man bei der Informationsflut gar nicht mehr, wo man was gelesen hat.

  3. Man kann auch nur von 4 deutschen Medien die Abos mit Blendle verknüpfen, müsste bei allen anderen also doppelt zahlen, wenn man sie abonniert hat und einen Artikel bei Blendle klickt.

  4. Ich habe begeistert mit einem „Na endlich!“ das Blendle-Angebot angesteuert. Weiss der Geier, wie ich auf die gekommen bin, irgendwo war halt mal ein Link.
    Mein erster Eindruck: Usability brauchbar, wenn auch gar nicht nach meinem Geschmack. Artikeldarstellung lesbar, aber auch hier sehe ich noch großen Spielraum nach oben. Kein PDF-Download – nunja, muss auch ohne gehen.
    Hier was gelesen, da was gelesen, dort einer Empfehlung gefolgt… nichts davon war interessant für mich. Zu dröge, zu kurz, zu irrelevant, und immer wieder zu teuer, zu teuer, zu teuer. Irgendwas war immer. Paar mal Geld zurückgeben lassen, wenn ich Artikel nach Sekunden als unbrauchbar klassifiziert habe. War mir irgendwann aber auch zu lästig.
    Irgendwie finde ich da nur Schrott. Obwohl manche für mich relevanten Titel dabei sind treffe ich fast nur auf Artikel mit Boulevardniveau. Meine wichtigsten Zeitungen sind nicht vorhanden.
    Liegt es an dem Schwall der Empfehlungen? Am Fehlen meiner Spezialtitel? Oder hat der deutsche Journalismus einfach nicht mehr zu bieten?

    Habe einen weiteren Tag das Angebot genutzt: keine Änderung. Da ist einfach nichts, was ich lesen möchte. Dabei lese ich sehr viel in Online Zeitungen.
    Konsequenz:
    Ich schau dann nächstes Jahr nochmal rein.

  5. Ich finde das Konzept von Blendle nach wie vor super, habe bestimmt auch schon 50 Euro in Blendle-Artikel investiert. Neben der fehlenden Werbung sowohl durch Blendle selbst als auch durch die Verlage sehe ich zwei große Probleme:

    1.) Die flapsige Ansprache der Kunden mag zwar in den Niederlanden üblich sein, aber nur weil Ikea seine Kunden duzt, mögen das viele Leute trotzdem nicht. Das hat einige aus meinem persönlichen Bekanntenkreis abgeschreckt.

    2.) Die Preispolitik der Verlage: Warum soll ich für einen Spiegel-Leitartikel 1,99 Euro bei Blendle zahlen, wenn er bei SpiegelPLUS nur 39 Cent kostet? Warum soll ich für einen Welt-Artikel, der online frei verfügbar ist, bei Blendle 75 Cent zahlen?

    Das ganze kann nur funktionieren, wenn die Verlage die Paywall konsequent hochziehen.

  6. Volle Zustimmung! Mich nerven auch die reißerischen Newsletter und die Tatsache, dass die beworbenen Artikel oft auch kostenlos auf der Website der ursprünglichen Anbieter erhältlich sind. Der Tagesspiegel ist das einzige Medium, wo ich bislang auf einen Blendle-Verweis gestoßen bin.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*