Ombudsmann, Fake-News-Team und Autoren-Sprechstunde: Bild startet Vertrauensoffensive beim Leser

Ernst Elitz (m.) wird neuer Ombudsmann bei Bild und schaut den Chefredakteuren Julian Reichelt und Tanit Koch auf die Finger
Soll den Chefredakteuren Julian Reichelt (l.) und Tanit Koch (r.) auf die Finger schauen: Ex-DLR-Intendant Ernst Elitz

"Bild macht ernst", lautet die neueste Ansage aus dem Hause Springer: Die Boulevardmedien rund um Chefredakteur Julian Reichelt stellen sich im Umgang mit Fakten-Fehlern und Fake News neu auf. Das Ziel: die Marke Bild mit Glaubwürdigkeit aufladen. Helfen soll dabei unter anderem Ernst Elitz, Ex-Intendant des Deutschlandradios, der als Ombudsmann wichtiger Ansprechpartner für Leser werden soll.

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Der 75-Jährige Journalist soll Bild ein vertrauenswürdiges Gesicht geben und Anlaufstelle sein, wenn Leser „Fragen oder Zweifel haben oder sich nicht repräsentiert fühlen“, heißt es bei Bild in eigener Sache. Elitz war in den Jahren von 1994 bis 2009 Intendant des Deutschlandradios und verantwortete damit Geschäfte und Programme der angesehenen Sender Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk. Zuvor machte er Karriere bei Zeit, Spiegel sowie beim ZDF („Kennzeichen D“) und dem Ersten, wo er das Diskussions-Format „Pro Contra“ präsentierte. Dort hatte Elitz erstmals einen Live-Zuschauerdialog ermöglicht. Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes bezeichnete man ihn 2004 als „einen der Väter des interaktiven Fernsehens“. Heute ist er noch als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin tätig.

Elitz soll nach eigenem Ermessen handeln und im Sinne der Leser frei in der Bild-Redaktion recherchieren können, schreiben Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredakteure, und Tanit Koch, Chefredakteurin der Zeitung. „Wir werden keinen Einfluss auf sein Urteil nehmen und es veröffentlichen, wann immer er es von uns verlangt.“

Mit dem unabhängigen Ombudsmann folgt Bild internationalen Beispielen. So können sich Nutzer und Leser der New York Times bereits seit 2003 an den „Public Editor“ wenden, auch die Washington Post arbeitete mehr als 43 Jahre lang  mit einem Ombudsmann, ersetzte diesen 2013 aber durch einen „readers representative„.

Die Vertrauensoffensive der Bild sieht auch einen Strategiewechsel im Aufbau der Redaktionsteams vor: „Wir werden ein zusätzliches Team schaffen, das besonders sensible Geschichten aus Bereichen, in denen häufig Fake News kursieren, über unsere normalen Prozesse hinaus noch ein weiteres Mal prüft und mit anderen vorhandenen Quellen abgleicht“, heißt es. Über die Grüße der Sondereinheit ist bislang nichts bekannt. Probleme mit dem Wahrheitsgehalt von Geschichten bei Bild wurden in den vergangenen Tagen mehrmals öffentlich. So leistete sich die Redaktion in einer Berichterstattung über einen angeblichen Sex-Mob an Silvester in Frankfurt einen kapitalen Fehler. Nach aktuellem Stand hat es diesen Vorfall nie gegeben, Bild saß offenbar falschen Quellen auf. Nur wenige Tage später musste Chefredakteur Reichelt die Berichterstattung über eine im Fernsehen ausgestrahlte Falco-Dokumentation rechtfertigen. Die Inhalte des Bild-Stückes seien „frei erfunden“, kritisierte ein ehemaliger Vertrauter des Sängers.

Bild steht zwar nicht erst seit gestern im Fokus der Medienkritiker (s. Bild Blog), der Druck aber hat sich in jüngster Zeit noch einmal potenziert. Der Grund: In einem Interview mit dem Tagesspiegel unterstrich Chefredakteur Reichelt noch einmal den eigenen Anspruch, „ehrlichstes Medium“ zu sein. Um dem gerecht zu werden, muss das Springer-Blatt nun liefern.

Wichtiger Bestandteil Reichelts neuer Strategie ist auch der direkte Dialog zwischen Leser und Redaktion. Zu Kommentaren sowie „besonders relevanten Artikeln bei Bild“ soll es künftig eine Autoren-Sprechstunde geben, in der Leser via Video-Chat Fragen an die Kommentatoren und Chefredakteure stellen können.

 

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