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Tägliche Abrechnung mit „Volksfeind“ Nummer eins: Was Trump mit seiner Medienschelte wirklich bezweckt

Exzessiver Twitter-Nutzer: US-Präsident Donald Trump
Exzessiver Twitter-Nutzer: US-Präsident Donald Trump

Frontalangriffe gegen die sogenannten "Fake News"-Produzenten: Inzwischen fast täglich arbeitet sich der neue US-Präsident an den führenden Print- und TV-Medien Amerikas ab. Der Ton hat sich mittlerweile drastisch verschärft: Nach Vorwürfen über Falschmeldungen hat Donald Trump die New York Times, CNN, ABC, CBS und NBC nun sogar schon zu "Volksfeinden" stilisiert. Nachdem die politischen Rivalen besiegt sind, sind nun die Medien der ideale Lieblingsgegner, an dem sich Trump abarbeiten kann.

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Die Attacken kommen inzwischen im 24-Stunden-Takt. Nur einen Tag, nachdem der neue US-Präsident in einer denkwürdigen Pressekonferenz mit den amerikanischen Medien abgerechnet hatte, legte Donald Trump Freitagabend auf Twitter in noch schärferen Worten nach.

„Die FAKE NEWS-Medien“ – gemeint waren „die scheiternde New York Times, NBC News, ABC, CBS und CNN“ –  „sind nicht meine Feinde, sondern die des amerikanischen Volks“, twitterte Trump seine bislang drastischste Medienschelte.

Tags darauf legte Trump vor seinen Anhängern in Florida bei einer Veranstaltung nach, die wie ein Warm-up für den 2020er-Wahlkampf wirkte. Kaum hatte er zur Rede angesetzt, waren schon wieder die Medien im Visier, die er diesmal beschuldigte, Teil eines „korrupten Systems“ zu sein.

Die Anschuldigungen folgen einem klar erkennbaren Muster: Die Medien sind Trumps neuer Lieblingsgegner. Dass der Medienprofi Trump die totale Auseinandersetzung mit der Presse sucht, scheint Kalkül seiner Präsidentschaft zu sein, die vom Chaos lebt – je mehr, je lauter, desto besser. Ganz nach dem alten Medienmotto: Es gibt keine schlechten Nachrichten – Hauptsache, man diktiert den Gesprächsstoff selbst.

Dass Trump dabei gezielte und offensichtlichste Lügen verbreitet – wie etwa den leicht zu entkräftenden Mythos, er habe die meisten Wahlmännerstimmen seit Ronald Reagans Erdrutschsieg 1984 gegen Walter Mondale eingesammelt und tags darauf das Märchen eines terroristischen Vorfalls in Schweden verbreitet–, ist Teil des Programms.

Wie ein Fußballspieler, der dauernd „Foul, Foul, Foul“ schreit

Trump agiert wie ein Fußballspieler, der von Minute eins an beim Schiedsrichter reklamiert und selbst Meter vom Gegenspieler entfernt „Foul, Foul, Foul“ schreit. Irgendwann, so der Plan, hat er sich im Kopf des Schiedsrichters festgesetzt und bekommt seinen Freistoß.

Genauso funktioniert es mit dem Dauervorwurf an die Medien, die objektiven Betrachtern absurd vorkommen müssen – doch um die geht es Trump gar nicht. Es geht ihm um die beeinflussbaren Wähler, die bislang kein besonders ausgeprägtes – oder besser noch: ein latent skeptisches – Verhältnis zur Medienlandschaft hatten.

Wer empfänglich dafür ist, glaubt nach dem zehnten Fake News-Vorwurf vielleicht wirklich daran, dass liberale Medien wie die Washington Post, New York Times u.a. eine andere Version der Wirklichkeit verbreiten. Die Verunglimpfung der Medien wird so zum Selbstzweck, um die eigene Politik leichter rechtfertigen zu können. Wenn die Presselandschaft per se die Unwahrheit schreibt, erscheint eine volle Lüge plötzlich als Zweidrittel-Wahrheit – zumindest bei denen, die daran glauben wollen.

Medienschelte, um seine Anhänger bei Laune zu halten
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Es geht Trump um die 46 Prozent, mit denen er gewonnen hat. Er braucht keine Mehrheit hinter sich, um zu gewinnen, das haben die Präsidentschaftswahlen gezeigt, die er bekanntlich um knapp drei Millionen Wählerstimmen verloren hat.

Weil Trump aber in den strategisch wichtigen Bundesstaaten Pennsylvania, Wisconsin und Michigan zusammengenommen rund 100.000 Wählerstimmen mehr als Hillary Clinton erhalten hat, ist er heute Präsident. Trump geht es um die maximale Aktivierung seiner Wählerschaft und Verunglimpfung des gegnerischen Lagers, damit möglichst viele demokratische Wähler gar nicht erst an die Urnen gingen.

Seine Medienschelte trägt nun dazu bei, seine Leute bei Laune zu halten. Hillary Clinton, das nahezu ideale Feindbild, ist besiegt, die Demokraten sind weiter mit sich selbst beschäftigt, die nächsten (Kongress-) Wahlen stehen erst im November 2018 an – da muss ein neuer Gegner gefunden werden, an dem sich Trump abarbeiten kann.

Die verhassten Medien bieten dafür die ideale Projektionsfläche: Tendenziell liberal sind sie dem klassischen Trump-Wähler von vornherein suspekt. Also immer feste drauf! „Die Medien sind ein Teil des Problems geworden“, stachelt Trump seine Anhänger auf. „Sie haben ihre eigene Agenda, und ihre Agenda ist nicht Eure Agenda“, versucht Trump bewusst zu spalten, um von den Inhalten der Tagespolitik abzulenken – je mehr Chaos, desto besser.

„Volksfeind“: Rhetorik-Anleihen an Diktatoren

Dass Trump allerdings nach nur vier Wochen so weit geht, das historisch besetzte Schlagwort „Volksfeind“ in seine Rhetorik mit einzubeziehen, weckt schlimmste Erinnerungen. Auch bei Stalin, bei Mao und in Nazi-Deutschland wurde die freie Presse schnell als störendes Element und als Volksfeind verunglimpft, bevor sie schließlich abgeschafft wurde.

Diese noch vor einem Monat ziemlich undenkbare Befürchtung steht seit dem Wochenende im Raum, wie der frühere CIA-Mitarbeiter Evan McMullin auf Twitter herausarbeitet. „Die Presse ist die einzige Institution, die Präsident Trump tagtäglich zur Rechenschaft ziehen kann – und genau deswegen will er sie zerstören“.

Die Ausschaltung der freien Presse ist bekanntermaßen ein Hauptcharakteristikum von Diktaturen. Genau darauf wies Trumps Parteikollege John McCain am Wochenende in einem Interview mit NBC hin. „So fangen Diktaturen an“, erklärte der republikanische Präsidentschaftskandidat von 2008.

Trump scheint mit seinen täglichen Frontalangriffen auf die freie Presse austesten zu wollen, wie weit er gehen an.

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