Sänger und Texter Maxim: „Ich denke gern über den Tod nach. Man kann das Thema nicht outsourcen“

Musiker Maxim im biografischen MEEDIA-Interview: „Ich habe ein paar Issues mit meinem Ego“
Musiker Maxim im biografischen MEEDIA-Interview: "Ich habe ein paar Issues mit meinem Ego"

Maxim, 35, gehört zu den gefühlvollsten Musikern und Textern der deutschen Szene. In Köln sprach der ‚Halb-Franzose‘ mit Christopher Lesko über seinen Weg auf Bühnen und in Studios und über deutsche Scham als kulturelle Narbe des zweiten Weltkrieges. Maxim zu Würde und dem „Bio-Monster Kapitalismus“: „Natürlich will auch ich Erfolg. Aber ich werde vor ihm nicht auf die Knie gehen.“

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Maxim, nun haben wir etwa zwei Stunden Zeit für ein Gespräch: Träum Dich ein wenig nach vorne und erzähle mir von Deiner Stimmung nach Abschluss unseres Gespräches.
Maxim:
Die Stimmung am Ende ist mir egal, ich bin mal gespannt. Ich versuche in letzter Zeit, nicht mehr in die Zukunft zu gucken, sondern mich darauf zu fokussieren was jetzt passiert.

Je nach Zukunft kann das für Menschen ja auch Sinn machen, wenn man sich die Laune nicht versauen will.
Meine Antwort klingt bestimmt Eso-mäßig.

Wozu diese Einengung des Blickfeldes?
Das macht glücklicher.

Klingt angemessen egoistisch.
Ja, mir ist es zu anstrengend, unglücklich zu sein.

Erzähle mir drei kurze Geschichten über Dich. Eine davon muss gelogen sein.
Wow. Okay: Gestern bin ich mit einem alten Freund durch Köln marschiert und habe teure Immobilien für investierende Chinesen gesucht. Die zweite Geschichte: Vor vielen Jahren ging ich mit demselben Freund auf der Insel Guadeloupe in den karibischen Dschungel. Seine Kuh war dort mit einem großen Eisen-Seil festgebunden. Er sagte: „Halt mal kurz“. Ich versuchte, die Kette mit der Kuh zu halten, aber die Kuh lief weg, und meine Hände taten tierisch weh. Wir fanden sie später wieder. Dritte Geschichte: Wenn ich in einem Flugzeug sitze, habe ich Angst vor dem Absturz.

Die stimmen alle drei.
Ach, stimmt ja – ich sollte ja bei einer lügen.

Das war der Plan.
Siehste, jetzt habe ich es kaputt gemacht. Da habe ich mich die ganze Zeit auf die Lüge gefreut, habe sie mir bis zum Ende aufbewahrt und dann vergessen. Das tut mir leid. Das war eigentlich mein Hauptanliegen. Obwohl ich bei der Immobiliengeschichte dachte, das glaubst Du nie.

Doch. Wahrheit ist manchmal paradox. Maxim: Wer genau sitzt hier vor mir?
Weißt Du, was daran schwierig ist?

Dass Du einer Frage – statt mit einer Antwort – mit einer Gegenfrage begegnest?
Natürlich wäre es für das Marketing gut, von Stärken zu wissen und sie zu erzählen, aber auch nach 15 Jahren Mucke-Machen ist mir das immer noch extrem unangenehm. Von meinem Wissen, meinem Können, in einem Satz zu erzählen, fällt mir schwer.

Ich wäre mit zwei oder drei Sätzen auch zufrieden. Wenn Du auf Dich schaust: Was für einer bist Du?
(Lachend): Als Erstes bin ich Texter und Musiker. Das gehört zusammen. Müsste ich es differenzieren, wäre ich in erster Linie Texter. Dann bin ich jemand, der seine Vision mit Freunden umsetzen möchte, anstatt sie in die Hände anderer zu geben, die ich nicht mag. Und ich bin jemand, der wenige, sehr wichtige Freunde hat.

Menschen gehen ja häufig in Gesprächen ungeprüft davon aus, sie verstünden unter genutzten Begriffen dasselbe. Nicht wenige übrigens sitzen für Visionen in Nervenkliniken. Was ist denn das, was Du „Vision“ nennst?
Meine Vision ist es, dass es in Deutschland auch für jüngere Leute möglich wird, traurige, gefühlvolle Musik, so etwas wie Poesie und ihre Texte so zu machen, dass Menschen sie hören wollen. Zunächst einmal, sie zu machen – danach dann, Gehör zu finden. Es gibt hier in Deutschland viele, die selbst in meinem Alter noch versuchen, cool zu sein. Wer mit 35 noch nicht cool ist, wird es vielleicht nie. In diesem Alter Sachen nachzuahmen, ausgedacht von die 20-jährgen Kids, die mit all ihrer kreativen Energie explodieren, anstatt einfach man selbst zu sein, finde ich lächerlich.

Es gibt hier in Deutschland ein Defizit im Umgang mit ehrlichen Gefühlen, gerade für Männer. Im Süden Europas ist es ganz normal, dass Männer sich hinstellen und ihre Herzen ausschütten, ohne als verweichlicht verurteilt zu werden. Und eigentlich ist genau das auch Musik. Das gilt natürlich auch für Frauen: Für mich wachsen der größte Mut, die größte Stärke aus der Schwäche und aus dem Stolz auf diese Schwächen. Sich hinzustellen und herzzerreißend mit dem größtmöglichen Gefühl etwas aus Deinem Leben preiszugeben: Das höre ich sauselten in Deutschland.

Vision verstanden. Wenn Du Deinen Eindruck der Wüste des offenen, musikalischen Umgangs mit Gefühl so sehr auf Deutschland beziehst: Gibt es deutsche Ursachen dafür?
Ich glaube, vieles hat immer noch mit der riesigen Kerbe des Zweiten Weltkrieges zu tun, die mit Tod und Vernichtung in die deutsche Kultur geschlagen wurde. Nach dem Krieg dann die Scham auf alles, was deutsch ist. Ich habe die Deutschen nicht soweit verstanden, um zu wissen, was ein gewachsenes, kollektives, deutsches Bewusstseins ausmacht, falls es das überhaupt gibt. Aber ich glaube im Vergleich mit anderen Ländern und Kulturen spielt Scham hier eine große Rolle. Natürlich müssen sich Deutsche auch für ihre Geschichte schämen.

Ich bin ja halber Franzose, und die Franzosen scheren sich einen Scheiß um die Kacke, die sie verzapft haben. Der deutsche Umgang mit Scham produziert irgendwie auch die paradoxe Furcht, sich musikalisch im natürlichen Zugang zu Gefühlen ernst zu nehmen. Selbst, wenn es viele Musiker gäbe, die das täten, interessiert das nicht so, wie es interessieren müsste. In Frankreich ist das anders, vielleicht auch wegen dieser französischen Mischung von Charme und Stolz. Ich bin ja halber Deutscher und hasse das Wort Stolz. Spreche ich es aus, finde ich es ekelhaft. Das ist genau der deutsche Reflex in mir: Sich für etwas Normales irgendwie zu schämen.

Klingt anstrengend.
Ja. Viele meiner flüchtigeren Freunde finden etwa Humor in der Kunst geil. Ich schätze ihn auch, aber richtig geil finde ich es, wenn jemand sich hinstellt und man spürt, dass er etwas wirklich meint. Humor alleine passt zu Comedy oder Kabarett: Selbst bei Volker Pispers finde ich bei allem Humor die Stellen gut, wenn es am Ende richtig bitter wird.

Pispers ist klug, aber eben in Summe auch nicht so erfolgreich, wie er sein könnte. Vielleicht, weil er nur im Komfort einer kleinen Ecke des Zuschauer-Spektrums mutig genug ist.
Wenn man ihn mit Mario Barth vergleicht, ist er sicher nicht so erfolgreich. Dass Erfolg als der neue Gott, als der große Magnet, gesehen wird, geht mir gegen den Strich. Das ist nicht gut für Menschen.

Abgesehen davon, das Pispers und Barth unterschiedliche Genres bedienen – falls Barth überhaupt ein Genre bedient – sind wir wieder an der Stelle, wo geklärt werden müsste, was wir beide mit dem Begriff des Erfolges verbinden. Auf Pispers bezogen unterstelle ich, ihm wäre es lieb, mit seinen Gedanken erfolgreicher mehr Menschen zu erreichen, als das meiner Einschätzung nach aktuell geschieht. Magneten sind ja nur dann schwierig, wenn man die Steuerung über sie verliert. Zunächst sorgen sie für Bindung.
Stimmt, aber findest Du nicht, dass Menschen häufig nur noch dahin schielen, was ‚Erfolg will‘, was ‚die Leute wollen‘? Ich halte das für falsch: Früher ‚wollten die Leute‘ – oder einige – auch den totalen Krieg. Natürlich will auch ich Erfolg. Aber ich werde vor ihm nicht auf die Knie gehen.

Ethisch und orthopädisch keine schlechte Haltung. Du hast also wenige, sehr wichtige Freunde.
Ja. Und innigere oder weniger innigere Bekanntschaften.

Bewegen wir uns da zahlentechnisch im dreistelligen Bereich?
Eindeutig einstellig. Es gab ja auch Zeiten, in denen es nicht leicht war, mein Freund zu sein: Wenn man das dann miteinander überlebt, meint es wirklich etwas.

Erzähl von Deinem Weg. Wo und wie begann der?
Ich bin in Siegburg geboren, im Siebengebirge. Mein Vater, Sohn eines Verlegers, der einen kleinen, wissenschaftlichen Verlag für Philosophie und Sport hatte, war Deutscher. Meine Mutter und ihre Eltern sind in Tunesien geboren, ich also ein halber Pied-noir. Als der Unabhängigkeits-Krieg in Tunesien begann, flohen meine Großeltern, meine Mutter irrte viel in Frankreich herum, weil sie in Familien an verschiedenen Orten gesteckt wurde. Eine nomadenhafte Jugend. Mit 17 kam sie nach Deutschland und lernte meinen Vater kennen, der Austauschschüler ihrer Schwester war. Sie verliebten sich, und meine Mutter blieb hier. Sie ergriff die erste Gelegenheit, Frankreich zu verlassen, sie hatte keine schöne Kindheit.

Bist Du denn bilingual erzogen?
Nicht wirklich: Ich spreche nicht perfekt Französisch, weil meine Mutter aufgrund ihrer Geschichte eine Aversion gegen Französisches hatte. Ich wuchs bis zum 16. Lebensjahr in Thomasberg, einem Kaff im Siebengebirge, auf.

Was haben denn Deine Eltern im Umgang mit dem Leben für Dich repräsentiert?
Oberflächlich betrachtet, typisch bürgerliche, fast schon arbeitermäßige Werte. Mein Vater war eine tierische Arbeitskanone und erweiterte den Verlag: Er stand um 11.00 auf und ging nachts um 03.00 schlafen. Jahrelang.

Leistung also.
Ja, nicht im Sinne von Ehrgeiz, sondern von Fleiß. Meine Mutter war die Bunte, Kreative, Flippige. Französisch halt. Witzig: Sie mochte Frankreich nicht, wurde das aber irgendwie doch nicht los.

Marie Le Pen ist auch französisch.
So war sie nicht. Sie war Teil einer kreativen Familie: Mein Großvater als Pfarrer liebte klassische Musik und war hochkulturmäßig unterwegs. Eine meine Tanten ist Künstlerin, ihr Sohn auch. Mein Vater als krass-analytisch sehr intelligenter, fleißiger Mann einerseits und meine Mutter als Kreative, Intuitive, andererseits. Das waren konträre Haltungen und Werte, mit denen ich groß wurde.

Kreativität allein ist mir zu dünn: Hast Du ein Beispiel für einen Wert, den Deine Mutter Dir vermittelt hat?
Dass ich intensive Freundschaften suche, die zu etwas führen, ist das Werk meiner Mam. Sie hat auch eingegriffen in Freundschaften, die ich als Kind hatte: „Was bringt der Dir?“ fragte sie an Stellen, wo sie Kontakte kritisch fand. Und nicht oberflächlich, etwa weil Bekannte rauchten, eher im Gegenteil: Gutsituierte fand sie richtig Kacke, wenn sie großkotzig waren und ihre Intuition ihr das sagte. Und den strangesten Typen im Kaff, einen wichtigen Menschen in meinem Leben, mit dem ich bis heute befreundet bin, fand sie ganz toll.

Was warst Du denn für ein Kind? Hast Du Autos der Nachbarn angezündet, wenn Dir langweilig war? Hast Du Dich vergraben, um zu lesen?
Ich war schon ein wildes Kind.

Das, was Du wild nennst, ist was?
Autos angezündet habe ich nicht. Ich sprang überall herunter, wo man runterspringen konnte und hab nie darüber nachgedacht, ob ich mich verletzen konnte. Ich war viel im Wald, spielte viel Basketball: ich hatte wirklich eine schöne Kindheit. Ich war übrigens von der 3. bis zur 8. Klasse an einer Waldorf-Schule.

Warum?
Siehste, da habe ich lange nicht mehr drüber nachgedacht: Ich kam nicht gut klar in der Grundschule. Weder mit der Lehrerin noch mit Mathe. Die Waldorf-Schule wurde mit unserer Klasse gegründet. Eine komische Zeit: Einerseits dieses Anders-Sein und das Ding mit der Eigeninitiative, das Eltern am Wochenende in die Schule gehen ließ, um Klassenräume zu streichen. Andererseits auch dort komische Hierarchien, die Kinder für blöd hielten, weil sie Michael Jackson mochten.

Mochtest Du Jackson?
Ach, nicht wirklich. Mein Klassenlehrer, ein Spast, der immer der Größte sein wollte und in Namibia nun den großen Deutschen macht, sagte über Michael Jackson mal: „Das ist doch keine Musik!“, während er sich in den Schritt griff.

Immerhin war es der eigene Schritt. Auch nicht immer an allen Schulen gegeben.
Natürlich hat Michael Jackson durch diese Geste und seine Bewegungen die Welt des Tanzes ebenso verändert, wie er der Welt der Musik krasse Impulse gab. Jemand, der sagte, das habe keinen Wert, musste nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. So etwas zu behaupten, ist einfach nur dumm.

Du sprichst so aggressiv mir gegenüber, als hätte ich diesen Satz gesagt. Ich fürchte mich ein wenig.
(Lachend) Nein, nein, nein. Das kommt nur gerade hoch. Also: Ich wollte ja Abi machen und wechselte auf die Gesamtschule in Beuel, nachdem wir nach Bonn gezogen waren.

Warum zogt Ihr um?
Weil meine Eltern eine räumliche Trennung voneinander wollten. Ich zog mit meiner Mutter und meiner drei Jahre jüngeren Schwester nach Bonn. Sie ist übrigens die wichtigste Person in meinem Leben.

Was hatte denn das Bedürfnis nach einer räumlichen Trennung ausgelöst?
Meine Eltern stritten sich sehr viel, obwohl sie sich sehr liebten. Sie hatten ja weiter Kontakt: Die Trennung war ein Weg, um mal etwas anderes zu versuchen, und das hat auch ganz gut geklappt.

Ich war ca. 16, ging auf die Gesamtschule: Schon in Thomasberg fuhr ich viermal die Woche eine Stunde nach Bonn, weil ich mit Breakdance begonnen hatte. Nun also lebten wir dort: Eine neue Zeit, in der HipHop aufpoppte, ein neues Lebensgefühl: Graffiti-Leute, DJ’s, Rapper – wir haben viel miteinander gemacht, da lernte ich auch Martin kennen (Anm. der Red.: Martin Kaulen, Rootdown Music, Manager von Maxim).

Da wuchs Dein Bezug zur Musik?
Er wurde stärker. Ich hatte schon seit dem 8. Lebensjahr Saxophon gespielt: Eigentlich wollte ich E-Gitarre lernen, das fanden meine Eltern nicht so cool, vielleicht dieses Waldorf-Ding. Dann schlug ich Saxophon vor, und sie akzeptierten. Ich war nicht besonders fleißig und habe Saxophon lange sehr gehasst.

Saxophon ist cool.
Finde ich inzwischen auch wieder, wenn man es cool einsetzt.

Irgendetwas lässt Themen ja so attraktiv werden, das man sie im inneren Kern zu den eigenen macht: Beschreib doch mal anfassbar, was das war, was Dich an Musik interessierte.
Wenn man Graffiti, HipHop, Breakdance und Musik betrachtet, habe ich witzigerweise zunächst genau die anderen Dinge gemacht, als die Musik, die später zu meinem Beruf wurde. Ich schrieb alle zwei Wochen mal nen Rap, auch wenn ich nicht arg viel davon verstand.

Musik transportierte für mich eine Energie, die ich krass fand und immer noch krass finde. Power einfach: geil, rotzig, rebellisch.

Warst Du ein guter Schüler?
Sogar ein sehr guter.

Ich beobachte Antworten wie diese mit wachsender Skepsis und Besorgnis.
Na ja, nicht in allen Fächern. Ich machte ein 1,8er-Abi, leider über Fleiß und nicht über Talent.

Das Vorbild Deines Vaters.
Beide Eltern erzogen uns nicht Laissez-faire. Da gab es keine Diskussion, auch meine Schwester lernte. Und dieses Widerstands-Ding war nicht meins: Natürlich stritten wir uns, aber ich fand es richtig zu lernen, wollte Abi machen, und natürlich wollte ich meinen Eltern auch gefallen. Ich liebte und liebe sie sehr. Meine Eltern waren immer auf meiner Seite. Immer.

Ich ging gerne in die Schule und war in einer integrierten Klasse, das war Entertainment pur. Ein guter Kumpel hatte Down-Syndrom: Ein cooler Dude, der immer die krasseste Scheiße baute, man konnte ihn dafür ja nicht verknacken. Wir alle liebten ihn. Übrigens eine unfassbare Ungerechtigkeit: Man bekommt ja keine Versicherung, wenn man behindert ist – wobei das Wort ‚behindert‘ wirklich Scheiße ist und überhaupt nicht den Kern dessen trifft, was Menschen mit dem Down-Syndrom sind:

Er hatte nicht unsere Barrieren, und wir Kids wollten alle so sein, wie er.

Das ist ein schöner Satz. Eigenwillig, aber schön. Gab es schon eine Freundin zu dieser Zeit?
Ja. Ich war ja sechsmal in Guadeloupe, einer karibischen Insel in den Antillen. Das erste Mal mit etwa 14, als ich noch in Thomasberg wohnte. Als ich dort zum Schüleraustausch war, wurde ich am Flughafen von ihr angeholt – meiner großen Liebe. Ich verliebte mich sofort Hals über Kopf.

Du kennst meine unwesentliche Neigung, miteinander Begriffe abzustimmen. ‚Sofort‘ bedeutet?
Nach etwa vier Stunden.

Immerhin. Spontaneität will gut geplant sein.
Nach drei Wochen musste ich weg und organisierte einen längerfristigen Austausch. Ich arbeitete nach der Schule bei meinem Vater, um mir die Flugtickets leisten zu können. Ich war danach drei Monate da, sie kam zu mir, ich flog wieder zu ihr. In zwei Jahren flog ich fünfmal zu ihr, sie kam zweimal nach Deutschland.

In was an ihr hast Du Dich denn verliebt?
Oh, das ist so lange her. Keine Ahnung. Vielleicht ist es ja gerade ein Zeichen von Verliebtheit, dass man auf derartige Fragen keine Antwort findet. Ich habe ja auch nie ein Liebeslied geschrieben. Ein Jahr vor dem Abi trennten wir uns, die räumliche Distanz war zu schwierig. Man fliegt 6,5 Stunden von Paris und hat endlos lange Bahnfahrten.

Ich lernte dann sehr schnell meine nächste Freundin kennen, mit ihr war ich 10 Jahre zusammen. Ich machte Abi und danach Zivi.

Du hast also nicht in einer Uniform Deutschland gegen die Russen verteidigt. Warum?
Kommt man in die Nähe einer Waffe, wird man sie auch benutzen. Das war für mich der Grund. Denk doch an das Milgram -Experiment: Die einzige Chance, die Benutzung von Waffen auszuschließen ist, zu verhindern, dass Du in ihrer Nähe bist. Würdest Du die Maschinenpistole benutzen, wenn Du mit ihr vor Adolf Hitler stündest? Klar würde ich. Als 18-Jähriger, der noch in Schwarz-Weiß denken musste, war meine Antwort: Ich möchte gar nicht erst in die Situation gelangen, schießen zu wollen. Heute würde ich das anders sehen.

Ich hatte ja schon in Guadeloupe begonnen, Reggae zu machen, und während des Zivi entschied ich, Musiker zu werden.

Zu studieren war keine belastbare Option?
Wie bei vielen: Wenn Dir nichts einfällt, studierst Du halt BWL. Ich ging ein Semester hin. Sobald ich da war, schlief ich nach vier Minuten ein, zum Ende der Vorlesung wurde ich wieder wach. Ich habs versucht: Es ging einfach nicht.

Der Körper holt sich halt, was er braucht, BWL war das scheinbar nicht.
Ich schmiss hin, arbeitete für meinen Vater und machte den Versuch, Toningenieur bei der SAE zu lernen. Tontechnik war es auch nicht, weil ich ja permanent on tour war: Ich hatte ja schon länger Deutsch-Reggae gemacht. Unabhängig von mir hatte Nowsliw, den ich aus Bonn kannte, für sich dieselbe Idee. Ich kannte ihn als Rapper, er kannte mich als Breaker, und wir beide hatten denselben Impuls. Klar, dass wir zusammen etwas machten. So lernte ich meine Freunde von Rootdown kennen, die immer noch mein Management machen.

Finanziell ging das, ich verdiente ja immer schon Geld mit der Musik. Ich war also ein ziemlich günstiges Kind. Meine Eltern zahlten zunächst die Miete für meine 14 Quadratmeter-Wohnung.

14? Da wurde es eng mit einem Konzertflügel.
Der hätte reingepasst. Das Bad wäre dann halt in der Ecke des Konzertflügels gewesen. In der kleinen Küche hatte ich mein Studio, vom Hochbett hing eine Decke als Begrenzung herunter. Wirklich sehr, sehr klein, aber eine geile Zeit in einem irren Haus: Nowsliw wohnte dort, mein Manager Martin, andere bauten in ihren 14-Quadartmeter-Hütten Drogen an oder hatten Streichel-Zoos voller Spinnen und Reptilien.

Irgendwann zog meine Freundin wegen des Studiums nach Berlin, ich hatte für 4 Jahre eine Fernbeziehung und besuchte sie regelmäßig am Boxhagener Platz. Ein geiles, inspirierendes Berlin damals: Viele Galerien, Street Art, die Leute saßen auf der Straße, redeten, arbeiten.

Die Beziehung gibt es noch?
Nein, wir trennten uns vor 5 Jahren.

Was führte denn zur Trennung?
Ach, das waren viele Gründe.

So antworten Menschen, die nicht darüber sprechen wollen.
Es war fast wie ein Klischee in solchen Lebenssituationen meiner Generation: Der nächste Schritt in den jeweiligen Karrieren hätte dem nächsten Schritt in der Beziehung – Familie gründen, Kinder bekommen – widersprochen. Auch sie hatte eine Karriere und machte TV-Sachen. Irgendwann muss man sich füreinander committen, sonst tritt man auf der Stelle. Das haben wir halt nicht hinbekommen. Sie ist eine tolle Person, die Trennung war sehr, sehr schmerzhaft für uns.

In Berlin änderte sich mein Fokus: Bücher und Berlin inspirierten mich, ich wollte nicht mehr Reggae machen. Es war wie eine Revolution im Kopf. Mein Ding, zunächst als Singer und Songwriter, entstand, obwohl ich nicht einmal gut Gitarre spielen konnte. Ich ging nach Köln, brachte 2011 mein „Asphalt“-Album raus, dann kam Warner und wollte mit mir eine große Major-Platte machen. Plötzlich hatte ich alle Freiheiten, konnte mit allen Musikern arbeiten, mit denen ich arbeiten wollte. Ich musste mich nicht mehr limitieren auf Singer-Songwriter-Kram, sondern konnte tun, worauf ich Bock hatte.

Was denkst Du denn zu meiner Musik?

Du hast einen präzisen Umgang mit Sprache und ihren Bildern einerseits. Und auf der anderen Seite bist Du ein gefühlvoller, manchmal trauriger, Sänger, der haarscharf eine Distanz zu jenen Gefühlen hält, die er produziert und musikalisch eben nicht in ihnen absäuft. Eine Begegnung mit der Person hinter dieser, meiner Wahrnehmung nach seltenen Kombi, hat mich interessiert. Wie genau arbeitest Du?

Danke Dir. Meine Art zu arbeiten ist widersprüchlich, da reiben sich die ganze Zeit zwei wichtige Pole: Der eine denkt, alles muss doch einfach intuitiv kommen, der andere beißt sich durch und setzt darauf, dass man mit Fleiß mehr erreichen kann als mit Talent. Aus dieser Spannung entsteht meine Arbeit.

Mutter und Vater also.
Ja. Und Fleiß ist für mich, keine Idee zu haben und eine zu finden. Texte zu schreiben selbst macht Spaß und ist nicht Fleiß für mich.

Fleiß bedeutet also, sich durchzukämpfen und in eine arbeitsfähige Stimmung zu versetzen?
Ja, ich sitze zwei Wochen in meinem Zimmer und habe nicht ein Wort geschrieben – das ist Arbeit. In dem Moment, wo ich eine Idee habe, ist die Arbeit vorbei. Dann höre ich auf zu essen, schreibe alles runter und wundere mich einen Tag später, dass 24 Stunden vergangen sind. Ich vergesse alles und jeden und bin unerreichbar. Es ist wie ein Flash, das Schönste, was es gibt.

In dieser inneren Logik bist Du ja abhängig davon, dass dies so geschieht, dass also die innere Tür aufgeht. Und, wenn nicht?
Dann gibt es keinen Song. Entweder so, oder gar nicht.

Dieser Ansatz schließt völlig aus, Du könntest Dich entwickeln und Deine Haltung verändern: strategisch engt das ein.
Vielleicht, ich kann ja nur mit meiner heutigen Sichtweise antworten. Natürlich schreibe ich beim Bahnfahren Ideen auf, habe an anderen Stellen Impulse und Gedanken, aber dann braucht es diesen Moment: Der Moment, in dem viele Dinge, die geschehen auf einmal ein Gewand bekommen. In dem viele Dinge über mich selbst deutlich werden, die ich bisher nicht wusste. Der Moment, in dem all das passieren darf, was am Texten interessant ist. Der Moment, in dem ich merke, ich habe vier Wochen über etwas nachgedacht, ohne zu wissen worüber:

Plötzlich geht eine Tür auf und alles macht Sinn. Das kann durch ein einziges Wort geschehen.

Wenn Du auf das Bündel theoretisch vorhandener Schwächen schaust: welche Deiner Schwächen sind bemerkenswert?
Mit meinem Ego habe ich Issues: Ich will es so weit wie möglich fortschaffen, aber das funktioniert nicht so gut.

Du möchtest weniger Selbstbezug haben?
Über mich selbst den ganzen Tag nachzudenken, ist ja auch mein Beruf. Fortschaffen möchte ich den ekelhaften, eitlen Teil. Diesen Teil, der immer mehr Futter braucht. Und je mehr Futter er bekommt, desto hungriger wird er. Sicher haben das viele Künstler: Aber ich bin schon streng manchmal. Auch diktatorisch. (Lachend): Meine Stärke ist natürlich, dass ich am Gesichtsausdruck anderer schnell erkenne, wenn sie unter meinen Schwächen leiden.

Hast Du weitere Schwächen im Angebot?
Haufenweise. Ich bin nicht der romantischste Typ: Es wäre schön, wenn ich im Leben ein wenig blumiger wäre, zum Beispiel meiner Freundin gegenüber. Dass ich nicht immer alles zerstören muss, was schön ist. Ich bin schon manchmal verbittert in irgendeiner Form.

Wozu?
Ich will das nicht, und es ist dumm. Aber manchmal schaue ich mir die Welt an und denke, mit diesen Scheiß-Menschen möchte ich nichts zu tun haben: Ich hasse sie alle. Auch jeden Musiker, der mit Flacherem tausendmal erfolgreicher ist als ich. Andere würden daraus für sich Coolness machen, ich nicht: Das ist kein schöner Charakterzug, ekelhaft. Aber, Du wolltest ja meine Schwächen hören.

Ja, das Leben ist nicht billig. Wenn ich mir selbst die offen gebliebene Frage „wozu?“, also die Frage nach dem Sinn Deiner Verbitterung beantworte, ist sie vielleicht ein Motor für Energie, die Dir hilft, ein Gefühl in Noten und Texte gießen zu können.
Ja, um daraus etwas Schönes zu machen.

Du hast zu Beginn unseres Gespräches sinngemäß gesagt, Du fühltest Dich in Deutschland mit gefühlvoller Musik, in der es sehr um den Text geht, ein wenig alleingelassen. Welche Kollegen findest Du denn auf der guten Seite?
Max Herre, mit dem ich gerade schreibe. „Berlin Tel a Viv“ auf seinem letzten Album, ist ein wunderschönes Lied, toll geschrieben. Momentan finde ich Tua am besten: ein extrem guter Dichter und Musiker. Mit Judith Holoferness habe ich in meinem letzten Album zusammengearbeitet, und es gibt ein paar Rapper, die ich cool finde: Mit Marten, Materia, habe ich einen Song zusammen gemacht. Wenn Sophie Hunger mal ein deutsches Lied singt, schreibt sie das wunderschön, sie ist richtig toll. Mir würden jetzt noch andere einfallen, aber jemand, zu dem ich richtig krass aufschauen kann, gibt es nicht.

In einem Interview auf laut.de hast Du sinngemäß gesagt, es ginge Dir um drei Themen: Politik, Liebe, Tod.
Politik revidiere ich: Es ist eher Ungerechtigkeit. Natürlich hat sie einen Bezug zur Politik. In letzter Zeit mache ich mir schon viel Gedanken über dieses Monster, den Allesfresser Kapitalismus.

Du sprichst auch über Deine Plattenfirma?
Ich bin sehr glücklich mit meiner Plattenfirma.

Aber Du als Teil des Systems sprichst vom Monster Kapitalismus.
Klar, alle sind drin. Ich meine mit Monster eine Art von Organismus ohne Gehirn, der nichts in Frage stellt, nichts innerhalb der eigenen Bio-Maschine verändert. Geld fließt stets nur in eine Richtung, irgendwann hat es nur noch einer. Der Zinseszins alleine ist doch schon krank. Ich bin mir 100%ig sicher: Mit der Idee, wir müssen in dieser Art viel Geld verdienen, sind wir auf dem Holzweg.

Ich schreibe keine politischen Songs, aber in meinem letzten Album habe ich als Spiegel für meine Empfindungen im Song „Ware, Liebe, Geld“ eine Edelhure beschrieben. Wenn sie jemand Hure nennt, schaut sie in den Spiegel über ihrem Bett, und ihr Blick findet den, der auf ihr liegt.

Was ist denn Liebe für Dich?
Bestimmte Menschen. Dann Leidenschaft. Musik, Freundschaft und natürlich meine Familie, die ich unendlich liebe und über die ich viel schreibe. Tod ist dann der letzte der drei Begriffe?

Ja.
Ich denke viel nach über den Tod, darüber, dass ich vergänglich bin. Nicht im Sinne von Melancholie, ich denke gerne drüber nach. Man kann das Thema des Todes nicht outsourcen.

Es gäbe die Berufsgruppe der Profikiller als Dienstleister.
Aber selbst dann kann man es emotional nicht outsourcen. Ich glaube, wie wir denken und fühlen hat auch damit zu tun, dass es irgendwann vorbei ist. Es wird diesen Moment geben, der alles relativiert. In diesem Moment, in dem große Themen plötzlich klein werden, entsteht ein Kontrast: Auch dadurch entsteht Poesie: durch Kontrast.

Wie alt möchtest Du denn noch werden?
Ich will nicht über die Zukunft nachdenken.

Dann sag mir zukunftstechnisch wenigstens, wie Du denn sterben möchtest.
Ich habe ja mal einen Song über die beiden Abschnitte des Lebens gemacht – „Amnesie“: Im ersten Abschnitt versuchst Du, die Erinnerung zu überleben, im zweiten musst Du sie loslassen: Die nächste große Aufgabe. Schaffst Du das mit Würde, ist es geil. Wer sind wir denn? Wir sind diese kleinen Momente dazwischen, die halt da geblieben sind. Wie möchte ich sterben?

Ohne viel zu bereuen, das wäre schön. Das ist wichtiger als die Frage, ob man Wohlstand hinterlässt. Und: aufrecht! Aufrecht sagen zu können: Jetzt ist es gut.

 

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

 

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Alle Kommentare

  1. Ich habe mir dieses Interview nun schon das dritte Mal durchgelesen, und bin immer noch beeindruckt.
    Maxims Musik, bzw, seine Texte begleiten mich schon sehr lange. Für mich ein absoluter Ausnahmekünstler. Vor allem ein Ausnahmekünstler der Worte. Deutsche Poesie auf höchstem Niveau. Die Fragen von Herrn Lesko sind wahnsinnig gut und auf den Punkt gestellt, die Antworten von Maxim sind so ehrlich, dass es fast weh tut. Vieles was er sagt kann ich sehr gut nachvollziehen, und kenne es aus eigenen Erlebnissen. Emotionen die ein wirklich gutes Interview wohl auslösen soll.
    Danke, dass diese Gedanken und Worte mit den Lesern geteilt werden.

  2. Wunderbares Interview .
    Wie immer mehr davon Herr Lesko.

    Kannte ihn nicht ( Maxim ) und muß feststellen , ein sehr interessanter kluger Mensch .

  3. Danke!

    Für mich ist CL der beste deutschsprachige Interviewer. Wenn ich eine Frau treffe, die so küsst, wie er fragt, wird geheiratet.

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