Peter-Matthias Gaede über das World Press Photo: „Dieses Bild ist die falsche Wahl“

Peter-Matthias Gaede über das World Press Photo: "Wieso müssen wir zu den Protagonisten unserer Zeit die Mörder machen?"

Publishing Das aktuelle World Press Photo zeigt den Attentäter Mevlut Mert Altintas, nachdem er den russischen Botschafter in der Türkei bei einer Ausstellungseröffnung in Ankara erschossen hat. Die Wahl des Fotos ist durchaus umstritten, denn hier wird ein Terrorist in seiner Pose gezeigt. Auch der langjährige Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede halt das Bild für die falsche Wahl. In einem Gastbeitrag für MEEDIA erklärt er, warum.

von redaktion

Von Peter-Matthias Gaede

„Vergesst Syrien nicht“, hat Mevlut Mert Altintas gerufen, nachdem er den russischen Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow, bei einer Ausstellungseröffnung im Dezember 2016 in Ankara gerade hingerichtet hatte. Ja, richtig, vergesst Syrien nicht, vergesst nicht die russische Militärhilfe für den Kriegsverbrecher Assad, vergesst nicht den menschenverachtenden Zynismus des Herrn Putin, vergesst nicht seine Bomben auf Schulen und Krankenhäuser und sogar Konvois von Hilfsorganisationen. Aber ist dieses Bild des echauffierten Attentäters, neben dem sein totes Opfer liegt, das Bild des Jahres? 

Die diesjährige Jury des World Press Photo Awards hat es dazu erklärt. Sie fand es ein „explosives Bild“, „unglaublich schonungslos“, hat es unter 80.000 von 5.000 Fotografen aus 125 Ländern eingesandten Bildern zum wichtigsten Bild unserer Zeit erklärt, einer Zeit des Hasses. Wir haben die Zeit des Hasses, ja schon, von Washington bis Ankara und in andere Himmelsrichtungen darüber hinaus. Und trotzdem finde ich: Dieses Bild ist die falsche Wahl.

Auch „Gott ist groß“ soll der Attentäter gerufen haben, bevor er selber erschossen wurde. Was ihn noch nicht unbedingt zu einem IS-Attentäter macht; die militante syrische Opposition gegen den Diktator Assad und seine Helfer besteht nicht nur aus dem IS, sie ist größer. Und in Teilen auch ganz anders als der IS. Und doch: Das Attentat auf den russischen Botschafter war Mord. War Terror. Und das Foto des Attentäters nach vollbrachter Tat passt nolens volens in die Ikonographie jener Gewalt vermeintlicher Märtyrer, mit der der IS seinen Propaganda- und Rekrutierungsfeldzug bestreitet.

Genau davon hat eine andere Jury des wichtigsten Foto-Preises weltweit mit ihrer Wahl vor zwei Jahren noch explizit Abstand genommen, als sie das stille, fast poetische Bild eines homosexuellen Paares in Russland zum World Press Photo des Jahres wählte. Auch das kein banales, kein unpolitisches Foto, sondern ein Statement gegen die Homophobie nicht nur in Putins Reich. Aber eben eine Absatzbewegung von den üblichen blood-sweat-and-tears-Reflexen all jener, die schon fast alle Scheußlichkeiten gesehen haben und nach noch direkterer Aktion verlangen. Und nun? Ein Rückfall in die spezifische Erotik der Kopf-ab-Bilder. Kein Vorwurf gegen den Fotografen Burhan Ozbilici, der einfach vor Ort war und natürlich abdrückte; das musste er tun. 

Aber musste die Jury dieses Bild wählen? Sie hätte Alternativen gehabt. Den „Hass in unserer Zeit“ – genauer: dessen noch wichtigere Folgen – zeigen andere Bilder eindrücklicher, die mit kleineren Preisen belohnt worden sind: Etwa jene von blutenden, paralysierten, geschockten Kindern in den Städten des syrischen Krieges. Und auch „schonungslos“ sind andere Bilder noch mehr: Etwa jene von den um ihr Überleben kämpfenden Flüchtlingen in den Fluten des Mittelmeers oder von den Opfern eines Attentats auf pakistanische Anwälte, die sich gerade versammelt hatten, um eines toten Kollegen zu gedenken.

Aber viel wichtiger noch: Wenn das World Press Photo des Jahres ein Symbolfoto unserer Zeit sein soll – wieso muss es dann ein Bild des Todes sein? Ja, es wird gestorben. Aber es gibt zum Beispiel auch das in unserer Zeit: Mut. Und es gibt das in unserer Zeit: Zivilcourage. Die Zivilcourage und den Mut und den Stolz jener farbigen 28-jährigen us-amerikanischen Krankenschwester Ieshia Evans etwa, die sich allein auf einer Straße in Louisiana für „black life matters“ einsetzt. Die in einem Sommerkleid dort steht und demonstrativ ihre Hände reicht, auf dass sich Fesseln um sie legen, während drei martialisch hochgerüstete Polizisten auf sie zustürmen, im Hintergrund eine Phalanx von Polizei-Kriegern, wie sie Donald Trump gefallen würde.

Wieso müssen wir zu den Protagonisten unserer Zeit die Mörder machen? Wieso nicht jene, die noch zivil aufstehen und aufbegehren? Und was wohl hat den größeren Nachbrennfaktor im Auge, dann in Hirn und Herz des Betrachters? Das Bild eines kurz darauf erschossenen Attentäters? Oder das Bild einer aufrechten Frau, die nicht meint, nur Blut mache diese Welt besser. Und die hoffentlich ein Ansporn ist, den Verhältnissen in dieser Welt so zu widerstehen, dass am Ende Leben ist.

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