Constructive Journalism – ist der Hype um den Weltverbesserer-Journalismus schon wieder vorbei?

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Im vergangenen Jahr war Constructive Journalism in aller Munde. Neue Angebote, wie das durch Crowdfunding finanzierte Perspective Daily, entstanden. Etablierte Medien, wie Spiegel Online oder Zeit Online, experimentierten mit gezielt gestreuten guten Nachrichten. Seither ist es stiller um Constructive Journalism geworden. Ist der Hype schon wieder vorbei?

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Artikel, die weitergehen“, versprach der damalige Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms in einem Beitrag aus dem August 2015. Das Online-Angebot des Spiegel hatte damals gezielt Artikel veröffentlicht, „die zum Weiterdenken anregen, die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet.“ Das gehörte zum so genannten Constructive Journalism, einem Journalismus, der es sich zum Ziel setzt, nicht nur vermeintlich schlechte Nachrichten zu verbreiten, sondern Lösungen und Perspektiven aufzuzeigen. Die aktuelle SpOn-Chefredakteurin Barbara Hans hält nach wie vor viel von dem Ansatz: „Für uns ist ‚Constructive Journalism‘ eine Haltung und keine Frage einzelner Formate.“ Projekte wie „Expedition Übermorgen“, bei dem es um die Nachhaltigkeitsziele der UNO geht, sieht sie auch als Beitrag zu Constructive Journalism. „Bald starten wir – in Kooperation mit renommierten europäischen Medien – einen Schwerpunkt zum Thema Flüchtlinge – auch das Projekt hat einen ‚konstruktiven‘ Ansatz“, so Hans gegenüber MEEDIA. Sie sieht darin keinen Widerspruch zu kritischem Journalismus.

„Unerwünschter Bias“

Das würde Jochen Wegner, Chefredakteur bei Zeit Online sicher auch für sich in Anspruch nehmen. Nach dem Amoklauf von München vergangenes Jahr begann die Redaktion dort, täglich unter dem Schlagwort „EIL: Welt erneut besser geworden“ positive Nachrichten zu versenden. „Die positiven Meldungen haben zu unserer Überraschung gerade am Anfang viele Leser interessiert“, so Wegner. Zwischenzeitlich wurden die „Weltverbesserungs-Eilmeldungen“ aber wieder eingestellt. Warum? Wegner: „Es war, ebenfalls zu unserer Überraschung, gar nicht so einfach, täglich eine substantielle Geschichte im eigenen Angebot zu finden, die eine solche Pushmeldung wirklich rechtfertigt. Und es erschien uns problematisch, allzu aktiv nach solchen positiven Nachrichten zu suchen, auch das wäre unerwünschter Bias.“

Das ist ein verbreiteter Kritikpunkt an dem Constructive-Ansatz: Man würde die Leser bevormunden und beeinflussen wollen, indem gezielt eine bestimmte Richtung und Lesart einer Geschichte verbreitet wird. Statt dem berühmten „schreiben, was ist“, im Sinne von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, hätte man bei Constructive Journalism eher ein „schreiben, wie man es gerne hätte“. Das empfinden einige nicht nur als unjournalistisch, sondern in Zeiten von „Lügenpresse“-Vorwürfen sogar als gefährlich.

Zeit Online-Chef Wegner findet den Constructive-Ansatz sinnvoll: „Wir versuchen schon immer, bei der Nachrichtenauswahl nicht jenen zynischen Filter zu benutzen, der Medien zu Recht vorgeworfen wird – den aber Leser nun mal zynischerweise oft mit Reichweite belohnen. Wir versuchen nicht nur, zu beschreiben, wie schlimm alles ist, sondern auch, was man jetzt tun kann und sollte.“ Dazu sollen nicht nur traditionelle journalistische Formen beitragen, sondern etwa auch das von Zeit Online veranstaltete Festival Z2X, bei dem junge Visionäre gesucht werden. Dass dabei die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus nicht mehr ganz scharf gezogen werden können, räumt Wegner ein: „Wir hatten versprochen, drei von der Community gewählte Finalisten ein Jahr zu begleiten. Das ist natürlich schwierig, denn von alleine wären wir auf manche dieser Projekte nicht gekommen und hätten vielleicht nie über sie berichtet. Auch für die Projekte ist es schwierig, denn wenn wir über sie berichten, bemühen wir uns um journalistische Distanz und wollen keine Lobhudelei betreiben.“

Ein Vorzeige-Projekt in Sachen Constructive Journalism ist das Web-Angebot Perspective Daily, das im vergangenen Jahr mit reichlich prominenter Unterstützung (u.a. von Nora Tschirner, Mehmet Scholl, Klaas Heufer-Umlauf), im Rahmen eines Crowdfundings an den Start ging. Die Neurowissenschaftler Maren Urner, Han Langeslag und der Physikochemiker Bernhard Eickenberg wollten mit Perspective Daily einen Gegenentwurf zu klassischen Medien und Journalismus schaffen. Dort wird pro Tag nur ein Artikel zu einem Thema veröffentlicht. Der Anspruch ist es, wissenschaftlich und tiefgehend zu sein. Eine journalistische Ausbildung haben die Macher nicht, sie sehen eine solche auch eher als hinderlich an. Niemand der mittlerweile 25 Redaktionsmitarbeiter in Münster hat ein Volontariat.

Über 500.000 Euro hat Perspective Daily beim Crowdfunding eingesammelt. Über 12.000 Leute hatten sich gefunden, die bereit waren 42 Euro für ein Jahr Perspective Daily zu zahlen. Seither sind nach Angaben der Macher rund 2.000 Jahresabos dazu gekommen. Der Abopreis liegt derzeit bei 60 Euro pro Jahr. Für Perspective Daily kommt es darauf an, die Unterstützer aus der Crowdfunding-Phase zu dauerhaften Abonnenten zu machen. Das dies nicht ganz einfach ist, haben zuletzt die Krautreporter erlebt, die nach einem erfolgreichem Crowdfunding mittlerweile als Genossenschaft deutlich kleinere Brötchen backen. Immerhin gibt es sie noch.

„Unsere bisherigen Erfahrungen mit Perspective Daily haben uns in der Ansicht bestätigt, dass es wichtig ist, die Berichterstattung durch den Ansatz des Konstruktiven Journalismus zu erweitern“, so Christine Knappheide von Perspective Daily zu MEEDIA. Man erwarte, auch im zweiten Jahr mit dem selben Team weiter arbeiten zu können.

Schaut man sich die Inhalte bei Perspective Daily an, so fällt es schwer einen wesentlichen Unterschied zu herkömmlichen Medien zu finden, vom doch sehr studentischen Sound vieler Beiträge mal abgesehen. Die Website konzentriert sich auf Hintergrund-, Wissens- und Nachhaltigkeitsthemen. Solche Themen findet man aber auch in „normalen“ Medien. Und das war sogar schon so, bevor das Wort vom „Constructive Journalism“ in Mode kam.

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Alle Kommentare

  1. Konstruktiver Journalismus – ich weiß gar nicht, warum auch etablierte Medien da mitmachen wollen. Gibt es doch schon zuhauf: Pressemitteilungen von Pr-Agenturen, Unternehmen und Politikern und dazu massenweise »Sponsored Content«, bezahlte Beiträge in allen Medien. Perspektiven aufzeigen – das heißt ja wohl auch, Probleme nicht ansprechen, Nicht, das da einiges nicht berichtenswert wäre, wer aber von vornherein den Heile-Welt-Journalismus propagiert, macht sich von vornherein verdächtig, über Probleme zu schweigen (selbst wenn es keine gebend sollte). Und wieder ein Argument für die »L…presse«-Rufer. ich bin mal gespannt über den ersten »konstruktiven« journalistischen Beitrag über Donald Trump…

  2. Konstruktiven „Journalismus“ hatten wir schon einmal, als das „Neue Deutschland“ über die Planerfüllung berichtete oder über den Traktorfahrer beim Ernteeinsatz. Was soll das? Habt ihr nichts besseres zu tun?

  3. Das Problem ist der „Bevormundungs-Journalismus“!

    Artikel, bei denen Fakten gezielt weg gelassen werden…
    Beispiel: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/24843/3558041

    Systempresse macht daraus: Mann sticht auf Frau ein… keine weiteren Fakten!

    Verschwiegen wird:
    Ein 27-jähriger Asylbewerber aus Nigeria hat in den letzten Wochen den Kontakt zur 22-jährigen Frau gesucht. Nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen ist der Mann dringend tatverdächtig, die Frau getötet zu haben.“
    (Martin Botzenhardt, Oberstaatsanwalt)

    Im Oberkörper und Hals wurden eine Vielzahl von Stichverletzungen festgestellt. Der erhebliche Blutverlust führte unweigerlich zum Tod der jungen Frau.“
    (Martin Botzenhardt, Oberstaatsanwalt)

    Tatmotiv: Verletzter Stolz, Zurückweisung, Ehrenmord… Geringschätzung von Frauen in der Kultur des Täters…

    Ergebnis ist, das jetzt IMMER wenn von den Lügenjournalisten nicht oder nicht vollständig über den/die Täter berichtet wird, sofort gemutmaßt wird „das war bestimmt wieder ein Asylforderer/Ausländer/Moslem…
    Meistens zu recht.

    Das systematische deaktivieren der Kommentarfunktion bei solchen „sensiblen“ Themen macht die Sache nicht besser… das hat eher was von Kumpanei, Verschweige-kartell…. denken SIE mal drüber nach, während sie meinen Kommentar löschen!

    1. Das Deaktivieren der Kommentarfunktion hat einzig und allein damit zu tun, das leider einige Zeitgenossen beleidigen und juristisch heikle Hetze kommentieren. Und dies in einem Maße, dass es von unserer Redaktion nicht mehr halbwegs vernünftig gemanagt werden kann. Wenn die Leute sich zivilisiert benehmen, können Kommentare auch offen bleiben.

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