Poker um Grosso-Spannen: Wie Springer-Vertriebschef Nienhaus Burda und Bauer Paroli bietet

Springer-Vertriebschef Christian Nienhaus
Springer-Vertriebschef Christian Nienhaus

Die aktuellen Gesprächen über neue Handelsspannen im Grosso entwickeln sich zu einem Verhandlungskrimi. Die Magazin-Verlage Burda und Bauer drängen darauf, die Zahl der Vertriebsstellen und die Auslieferungstage zu verringern. Dies alarmiert Bild-Herausgeber Axel Springer, der sich massiv für ein engmaschiges und flächendeckendes Vertriebsnetz in Deutschland einsetzt. Springer-Vertriebschef Christian Nienhaus greift daher zu einem ungewöhnlichem Mittel, um die Verhandlungsposition des Berliner Konzerns zu stärken.

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Es war eine Vereinbarung, um die Zukunft des Vertriebssystems von Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland zu sichern. 2004 hatten der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) sowie der Bundesverband Pressegrosso eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, die den Verlagen als „Gemeinsame Erklärung“ bekannt ist. Sie sieht unter anderem vor, dass Medienhäuser wie Springer, Burda, Bauer & Co. einem Grossisten nur kündigen können, wenn „schwerliegende Leistungsmängel“ vorliegen. Besonders wichtig war den Verbänden auch, die Zahl der Verkaufsstellen zu erhalten und sogar zu erhöhen. Vor allem überregionale Zeitungsverlage hatten sich vehement dafür eingesetzt, dass ihre Produkte flächendeckend vertrieben werden – darunter Axel Springer mit der Bild-Zeitung. Der Berliner Konzern hatte deshalb 2010 noch eine weitere Zusicherung zur Gemeinsamen Erklärung abgegeben. Darin verpflichten sich die Berliner nach Meedia-Informationen, Grossisten nicht aus strategischen Erwägungen zu kündigen, sondern ausschließlich für den Fall, wenn der Pressegroßhändler erhebliche Probleme beim Vertrieb der Zeitung hat.

Jetzt hat sich Springer-Vertriebschef Christian Nienhaus davon losgesagt. Der ehemalige Funke-Manager hat diese Zusicherung zu Ende 2017 gekündigt. „Die sogenannte „Gemeinsame Erklärung“ des VZD, BDZV und Pressegrosso hat Auswirkungen auf die politische Gestaltung des gesetzlichen Rahmens. Wir stehen nach wie vor hinter sämtlichen Grundsätzen dieser Gemeinsamen Erklärung. Darüber hinaus hatte sich Axel Springer 2010 als Unternehmen individuell auf die Einhaltung spezifischer Regeln verpflichtet in Zusammenhang mit der Handelsspannenvereinbarung. Diese Spezifikationen haben wir jetzt gekündigt, um uns Freiräume zu schaffen“, erklärt eine Springer-Sprecherin gegenüber Meedia.

Hintergrund hierfür sind die aktuellen Verhandlungen über neue Handelspannen für den Pressegroßhandel, die bis März 2018 feststehen müssen. Dabei klaffen die Interessen von Axel Springer und dem beiden Magazinverlagen Hubert Burda (Focus, Bunte) sowie dem Hamburger Bauer Verlag weit auseinander. So fordert Burda seit Jahren, die Zahl der Verkaufsstellen deutlich zu verringern. Im Raum stand hier zuletzt eine Zahl von rund 20.000 Vertriebsstellen. Dadurch erhofft sich Burda, dass die Grosso-Spannen sinken und das Unternehmen Kosten spart. Auch der Hamburger Bauer-Verlag drängt auf geringere Grosso-Spannen – allerdings plädiert das Unternehmen dafür, die Zahl der Auslieferungstage deutlich zu verringern. Die Rede ist in Branchenkreisen um drei Tage.

Dies kann allerdings Springer nicht Recht sein. Das börsennotierte Unternehmen verlegt die täglich erscheinende Bild-Zeitung und seit neuestem die Fußball-Bild – beide Produkte sind überregional. Vertriebschef Nienhaus ist deshalb massiv darin interessiert, dass die Bild-Zeitung sowie die neue Fußball-Bild flächendeckend in einer größeren Zahl von Verkaufsstellen ausliegt. Verheerend wäre es zudem für den Verkauf der Titel, wenn die Zahl der Auslieferungstage sinken würden. Vor allem die Auflage des Flaggschiffs Bild könnte weiter darunter leiden. Sie war in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Springer steuerte daher dagagen, indem das Medienhaus vor Kurzem die Fußball-Bild auf dem Markt brachte. „Welche hohe Bedeutung die Ubiquität (Red: die allgemeine Verfügbarkeit eines Produkts) und die tägliche Belieferung für uns haben, haben wir vielfach deutlich gemacht“, erklärt hierzu eine Springer-Sprecher – zuletzt im Rahmen der Sales Impact Jahresauftaktveranstaltung des Berliner Medienunternehmens.

Daher setzt Springer-Vertriebschef Nienhaus jetzt zur Gegenwehr an. Er spiele mit der Kündigung der Zusatzvereinbarung zur Gemeinsamen Erklärung die ganze Verhandlungsmacht der Berliner Konzerns aus, heißt es in Branchenkreisen. Befürchtet wird in Verbands- und Unternehmenskreisen, dass Springer daher damit drohen könnte, in einigen Regionen Grossisten zu kündigen, ohne das schwerwiegende Leistungsmängel vorliegen. Dies könnte Pressegroßhändler treffen, die finanziell vor allem auf den Vertrieb der Springer-Produkte angewiesen sind. Sie gerieten hierdurch schnell in Bedrängnis, meinen Branchenkenner. Dies könnte aber auch das Geschäft von Burda und Bauer empfindlich, falls Grossisten ausfallen sollten. Damit steht der Grosso-Verband unter Führung von Frank Nolte vor schwierigen Verhandlungen, heißt es. Weder Burda noch der Grosso-Verband wollten sich äußern. Der Bauer-Verlag ließ eine Meedia-Anfrage unbeantwortet.

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