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„Wir wollen Deutschland Deutschland erklären“: neues Zeit Online-Projekt #D17 als Reaktion auf Trump

Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner wurde gerade zum Chefredakteur des Jahres gewählt
Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner wurde gerade zum Chefredakteur des Jahres gewählt

Seit dem US-Wahlsieg von Donald Trump wird den Medien vorgeworfen, sich im Vorfeld der Wahl nicht genug um die kleinen Leute und ihre Sorgen und Ängste in den ländlichen Regionen gekümmert zu haben. Um sich nach der Bundestagswahl nicht demselben Vorwurf aussetzen zu müssen, startet Zeit Online nun das journalistische Projekt #D17. „Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht einfach weitermachen können wie bisher“, sagt Jochen Wegner. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt der Chefredakteur, wie er das Land journalistisch neu vermessen will.

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In ihrer Kommunikation sprechen sie von einem „journalistisches Großprojekt“, um Deutschland „neu zu beschreiben“. Was versteckt sich hinter dem kryptischen Projektnamen #D17?
Jochen Wegner:
Wir starten ein übergreifendes Ressort, für das die gesamte Redaktion arbeiten wird. Im Jahr der Bundestagswahl wollen wir Deutschland Deutschland erklären – noch einmal ganz von vorn.

Warum? Wissen wir deutschen Journalisten nicht mehr genug über Deutschland?
Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht einfach weitermachen können wie bisher. Zwei Mal sind wir 2016 ins Bett gegangen mit der begründeten Hoffnung, dass die Welt vielleicht doch nicht aus den Fugen gerät. Am nächsten Morgen hatte Großbritannien den Brexit beschlossen und Trump war zum US-Präsidenten gewählt. Offensichtlich können Medien das Gefühl für wesentliche Teile eines Landes verlieren und gesellschaftliche Strömungen unterschätzten. Wir wollten ganz sichergehen, dass uns das nicht passiert. Wir wollten 2017 nicht nur auf Wahlprognosen starren.

Wie sollen die Geschichten aufbereitet werden? Als Texte, Grafiken, Videos?
Die Antwort ist: ja. #D17 ist so umfassend, dass wohl alle Erzählformen und viele neue, interaktive Features Verwendung finden werden. Wir starten eher klassisch, mit unserer Serie „Heimatreporter“, für die Redakteure von Zeit und Zeit Online das ganze Jahr über jene Orte besuchen, an denen sie aufgewachsen sind, die sie gut kennen und für die sie besondere Empathie haben, um von dort Berichte zur Politik oder Gesellschaftsreportagen mitzubringen. Wir beginnen mit der Recherche unseres Literaturredakteurs David Hugendick über den Stadtteil Bremerhaven-Lehe, wir werden aber auch in Lindenberg, Oberscheid und Nierstein sein. Ich fahre in meine Heimatstadt Bretten. In einem anderen Projekt namens „Überland“ arbeiten wir mit sieben oder acht Reportern zusammen, die das ganze Jahr über aus ihrer Region berichten, was sie gerade bewegt. Das startet im März.

Sie wollen dabei ja sicherlich nicht nur Großstädtern die Menschen in Kleinstädten und auf dem Land erklären, sondern diese auch erreichen. Glauben Sie, dass sich diese überhaupt für das interessieren, was Zeit Online schreibt?
Wir haben begründete Hoffnung, alle Geschichten sollen so erzählt sein, dass sie Aufmacher auf unserer Homepage sein können, weil sie etwas Allgemeines über Deutschland erklären. Die wenigsten unserer Leser leben ja in Berlin-Mitte oder Neukölln, auch, wenn wir diese Zielgruppe vielleicht allzu oft vor Augen haben. Ich bin gespannt, ob es diese “Menschen auf dem Land” in soziodemographischer Hinsicht wirklich gibt, ob sie im 21. Jahrhundert wirklich so unterschiedlich denken und leben. Deutschland ist zu Recht stolz darauf, dass es viele bedeutende Städte und Regionen hat, und das Gefälle nicht so stark ist wie in den USA, Großbritannien und Frankreich. Es gibt ein umfassendes #D17-Projekt, um solche Unterschiede aufzuspüren. In „Das geteilte Land II“ suchen wir nach soziodemographischen Unterschieden zwischen Stadt und Land. So, wie wir sie zum Mauerfall-Jubiläum zwischen Ost und West gesucht – und gefunden – haben.

Ist es nicht verlogen sich nur, weil Wahlkampf ist, um Menschen und ihre Geschichten zu kümmern, für die man sich vorher nicht interessiert hat? Was machen Sie danach? Kommen Sie erste in vier Jahren wieder?
Erlauben Sie, dass wir aus der jüngsten Geschichte lernen wollen. #D17 begründet eher eine Haltung, mit der wir Deutschland in Zukunft begegnen. Die gesamte Wahlkampf-Berichterstattung läuft übrigens nicht in #D17, sondern wie bisher in der Politik. Wenn das Projekt ein Erfolg wird, lassen wir es einfach weiter bestehen, vielleicht als #D18.

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Warum ist ein solcher Ansatz richtig?
Wenn wir etwas von unseren Kollegen in Großbritannien und den USA gelernt haben, dann, dass es sich lohnen kann, noch einmal ganz neu hinzuschauen. Sonst verpasst man womöglich das Neue. Wenn in Deutschland und Europa alles beim Alten bleibt, war es dennoch eine journalistische Erfahrung. Ich fürchte, es wird nicht alles beim Alten bleiben.

Wird es zu #D17 auch eine spezielle Social-Media-Komponente geben?
Wir arbeiten an neuen, interaktiven Features. Bald werden Sie zum Beispiel jeden Tag eine einfache Frage auf unserer Homepage finden: „Wie geht es Ihnen heute?“ Was unsere User darauf antworten, werden wir fortlaufend visualisieren. Wir sind gespannt, wie es uns so geht. Natürlich werden wir auch unsere Community in #D17 einbeziehen, aber der reine Online-Austausch ist vielleicht zu wenig – auch so eine Erfahrung aus den USA und Großbritannien. Wir müssen uns wieder in ein echtes Gespräch bringen. Nicht nur online, sondern auch persönlich, an realen Orten. Deshalb planen wir neben mehreren Neuauflagen unseres Weltverbesserer-Festivals Z2X in Leipzig, Stuttgart, Essen und Berlin auch eine neue Aktion. Wir werden versuchen, nicht Gleichgesinnte zu einem echten Gespräch zusammenbringen, sondern im Gegenteil Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, mit unterschiedlichen Meinungen zu Geflüchteten, Rente oder Bildung.

Können sie sich ein solches Projekt überhaupt leisten? Gibt es Sponsoren oder bestreiten sie alles aus Bord-Mitteln?
Wir haben das im Redaktionsbudget für 2017 eingeplant. Die Kosten sind aber überschaubar, wie so oft zählt eher die Idee als der Etat.

Was muss passieren, damit Sie sagen: Das Projekt war ein Erfolg?
Wenn wir viele Menschen ins Gespräch über Deutschland gebracht haben.

Ein ähnliches Projekt startete die taz bereits Ende Januar. Unter dem Label „meinland“ will die Tageszeitung bis zur Bundestagswahl quer durch die Republik reisen und mindestens 50 Orte besuchen. „Dieses für die Zukunft Europas so entscheidende Jahr ist der taz Anlass, vor Ort nach den Ursachen für populistische Stimmungen und nervöse Unsicherheiten zu suchen, genauso wie nach der offenen Republik“, heißt es dazu in einer Erklärung der Berliner.

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Alle Kommentare

  1. Herr Filmemacher Christian Frey ǁ TV-Author Director ǁ zdf ǁ 29/09/2017
    Sehr, sehr geehrter Herr Filmemacher Christian Frey: Sehr gut! Es entzieht sich der allgemeinen Ansicht; wie was wo? Wie ist es mit den Jugendlichen; den Kindern, die in Afrika ihre Eltern totschlagen mußten – oder wenn die noch 5$ hatten erschießen durften? !?
    Nur die Behauptung, der Massenmord in der Kirche Frankreichs wäre ein deutscher Massenmord – das ist zu falsch – das Volk weiß darüber Bescheid.
    Das Morden hat nicht aufgehört. Es wird immer schlimmer. Drohnen und der Mord mit der Waffe ist das Zeichen der Gegenwart!
    Der Massenmord durch die Niederländer in letzte Zeit ist ein kleines Zeichen.
    Viktor Suworow ˃ ISBN: 3-608-91511-7 „Der Eisbrecher – Hitler in Stalins Kalkül“ 450 Seiten
    P.S. Sir Winston Churchill bei Stalin in der Zeit ‚Hitler Stalin Paktes‘ Stalin empfing Hinweise.
    Mit ausgesprochen herzlichen Gruß Dagobert R Forner
    Dag R Forner Dipl Ing 50169 Kerpen – forner@athenus.de

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