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„Macht das Maul auf!“: DEMO-Gründerin Mareike Nieberding wagt den Spagat zwischen Journalistin und Aktivistin

„Ich will helfen, mehr Demokratie zu wagen“, schreibt die Journalistin Mareike Nieberding (Foto)
"Ich will helfen, mehr Demokratie zu wagen", schreibt die Journalistin Mareike Nieberding (Foto)

Sie schreibt über die gebrochenen Herzen der amerikanischen Provinz, von der Schönheit des Streitens und einsamen Haferflocken – man könnte aber auch sagen: Mareike Nieberding schreibt von alltäglicher Tragik, oftmals humorvoll aber immer erschreckend-ehrlich aufgearbeitet. Mit ihrer Jugendbewegung DEMO wagt die freie Journalistin den Spagat zur Aktivistin. "Denn die, die hassen, schlafen nicht", sagt sie.

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Sie ist sich des Umstands bewusst. „Ich weiß, man gründet keine Bewegung, sondern wird eine oder noch besser, ist eine“, schreibt sie am 10. November 2016 auf Facebook. „Aber ich will nicht mehr warten, ich kann nicht mehr zusehen. Ich überspringe das Werden und proklamiere das sein.“ Was sich wie ein Protest in Form von Poesie liest, ist es irgendwie auch. Vor allem aber ist es Mareike Nieberdings Präambel zu DEMO – „eine Plattform für Demokratie, Demonstration und für die Demontage von Dämonen“ – die von ihr ins Leben gerufen wurde. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hätte gezeigt: Es geht um nicht weniger als die Rettung der Menschlichkeit.

Mareike Nieberding ist Journalistin und Aktivistin – zwei Extreme, die mindestens schwer bis eigentlich gar nicht miteinander vereinbar sind. Die 29-Jährige, die in Berlin und Paris Literaturwissenschaft studiert hat und an der Deutschen Journalistenschule (DJS) zur Redakteurin ausgebildet wurde, hat ausgerechnet diese explosive Mischung zu ihrem Markenzeichen gemacht. Sie schreibt vom scheinheiligen Wir-Gefühl bei Fußball-Turnieren (Zeit Magazin), über gebrochene Herzen im US-Wahlkampf (FAZ) und über unsere Feigheit, sich Fehler einzugestehen (Neon) – immer schonungslos, erschreckend (und) ehrlich sind.

Objektivität der Professionalität wegen? Für die Journalistin offenbar eine veraltete Beruftstugend. „Macht das Maul auf!“, lautet ihr Aufruf in einem Text über die Schönheit des Streitens (Die Zeit):

Streiten ist zuhören, argumentieren, sich in den anderen hineinversetzen, fragen, nachdenken, antworten und notfalls noch mal von vorne anfangen. Streiten ist Rede und Gegenrede, bis man vor Erschöpfung ins Bett fällt oder ins Weinglas. Streiten ist anstrengend. (…) Wer den anderen mit allem durchkommen lässt, gibt auf.

Eine Einstellung, für die Nieberding viel Beifall erntet – zuletzt in der Sendung von „maybrit illner“ zum Thema „Trumps Egotrip – Mauern gegen den Rest der Welt“, in der die Journalistin mit einem glühenden Plädoyer für mehr Bürgerengagement die kühle Diplomatie zumindest kurzzeitig auf die hinteren Plätze verwies. Immerhin: Es geht um nicht weniger als die Rettung der Menschlichkeit. Doch: Ihre Meinung stößt nicht nur auf Gegenliebe – die Schönheit des Streitens offenbart auch hin und wieder ihre dunkle Seite. „Euer Hass bestärkt mich nur. Eure Wut macht mich nur lauter“, entgegnet sie ihren Kritikern.

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Nieberding sagt und schreibt, was sie denkt. Und schreckt auch nicht davor zurück, sich selbst als Journalistin Angst vor Donald Trump einzugestehen: „Wie die meisten Menschen in meiner Filterblase, in meinen Medien, in meiner Welt bin ich geschockt, verängstigt, in Panik, ich fühle mich ohnmächtig. Als Mensch, als Frau, als Journalistin.“ Das ist insofern bemerkenswert, weil sie Trump nicht zur Witzfigur degradiert und ihm mit der oftmals bemühten Zauberflöte des Feuilletons die Bedeutsamkeit ab schreibt. Sie räumt auch Trumps Meinung(en) und Ideen genug Raum ein, um damit in Diskurs, Dialog und Diskussion gehen zu können. Ihr Anspruch, „mehr Demokratie zu wagen“, passt da nur ins Bild.

Dem gegenüber steht aber ihr fatales Fazit: Spätestens Rechtsausleger Trump hat extreme Ansichten auch auf dem ganz großen politischen Parkett salonfähig gemacht. Deshalb wolle sie mit DEMO alles dafür tun, „dass uns nicht dasselbe passiert wie den Briten, den Polen, den Ungarn, den Türken, den Amerikanern.“

Bevor ich sage, was ist, will ich sehen, was ist. (…) Ich will mit einem Bus oder Auto oder Fahrrad oder Skateboard das Land abfahren, will Workshops machen und Roundtables und Konzerte und Gespräche und Lesungen und Ausstellungen. Egal was, Hauptsache wir kommen endlich wieder miteinander ins Gespräch. Deshalb brauche ich Leute. Alle Leute. Jeden Alters, Geschlechts, jeder Herkunft.

Das Ziel: Diskussion. Anderen die eigene Meinung aufzudrücken, sei nicht das Ziel. „Eigentlich soll es darum gehen, sich kennenzulernen. DEMO will zum Wählen motivieren, aber nicht zur Wahl einer bestimmten Partei“, schreibt Nieberding. Wo das ganze hinführt, wisse sie nicht. „Das hier ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Aber einen Versuch ist es wert.“

Knapp 3.000 Facebook-Nutzer (Stand: 6.2.) haben sich ihrer Bewegung bis dato angeschlossen, in Berlin und in Hamburg ist man bereits zusammengekommen. „Ich hätte nie gedacht, dass mir das mal passieren würde“, schreibt Nieberding in einem Beitrag für das Zeit Magazin über politisches Engagement und DEMO. „Doch es ist mir passiert, ich bin mir selbst passiert.“ Sie sei eine faule Optimisten gewesen; ihr Wunsch zu handeln habe nach Trump nun aber nicht mehr nur eine pragmatische, sondern auch eine politische Dimension.

Warum? „Denn die, die hassen, schlafen nicht.“

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