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Trump-Cover vom Spiegel entzweit Medienmacher: von „Weltklasse“ bis „Hetze pur“

Die Branche debattiert über den aktuellen Spiegel: Sascha Lobo (li.), Julian Reichelt und Lars Haider (re.)
Die Branche debattiert über den aktuellen Spiegel: Sascha Lobo (li.), Julian Reichelt und Lars Haider (re.)

Schon lang hat die Branche nicht mehr derart engagiert über einen Spiegel-Titel gestritten wie über das aktuelle Cover. Während Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die Titelseite nicht gerade für „wahnsinnig provokant“ hält, sagen seine Kollegen auf MEEDIA-Anfrage doch etwas ganz was anderes. Die Einschätzungen reichen von „Weltklasse“ (Christoph Schwennicke), über „das Cover ist ein Erfolg“ (Ulf Poschardt) und „der Titel trifft den Punkt“ (Philipp Jessen) bis "der Titel schürt Hass“ (Helmut Markwort) und „infam“ in typischer Titanic-Lesart (Tim Wolff).

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Ulf Poschardt, Chefredakteur Die Welt, N24, Welt am Sonntag: „Das Cover ist ein Erfolg, weil alle darüber sprechen. Das freut mich für Klaus Brinkbäumer. Mir gefällt das aktuelle Economist-Cover besser, und generell wäre allen Medien, insbesondere in Deutschland, zu wünschen, statt Hysterie Aufklärung und Hintergründe zu liefern. Oder wie ein gewisser Rudolf Augstein empfohlen hätte: schreiben, was ist.“

Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion Berlin: „Auf jeden Fall ein Titel, der Aufmerksamkeit erzeugt. Ich hätte ihn wohl nicht gemacht, weil für mich die echten Kopfabschneider in einer ganz eigenen Liga spielen. Aber das  Ziel der Kollegen ist erreicht: Man spricht über das Heft.“

Focus-Gründer Helmut Markwort: „Dieser Titel schürt Hass. Er ist Hetze pur.“

Philipp Jessen, Mitglied der stern-Chefredaktion: „Brinkbäumer hat recht. Ich empfinde das Cover auch nicht besonders provokant. Im Gegensatz zu vielen Gifs, Memes und Fotomontagen, die über Trump im Netz kursieren. Dagegen ist das aktuelle Spiegel-Cover harmlos. Ich denke die Aufregung (der viel zu selbstreferenziellen Branche) ist so groß, weil der Titel den Punkt trifft. und damit nur als sehr gelungen gelten kann.“
Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatt: „Mich als nebenbei passionierten Spiegel-Leser stößt das Cover ab wie kein anderes zuvor. Gerade bei der Berichterstattung über Trump darf man sich nicht der Mittel bedienen, die man bei ihm kritisiert. Wobei ich mir angesichts des Covers nicht sicher bin, wer es in seinem Gebaren mehr übertreibt: das deutsche Nachrichtenmagazin oder der US-Präsident.“
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Sascha Lobo  schreibt in einem langen Facebook-Posting zu dem Thema, dass es um Kunst gehe und es deshalb keine eindeutige, wissenschaftlich beweisbare Letztmeinung gebe. Also sei die Aufregung nur sehr eingeschränkt als Debatte geeignet. „Denn es geht weniger um Argument und Gegenargument, sondern darum, am Cover entlang seinen bereits vorhandenen Meinungshorizont vorzuturnen. Das Cover ist nicht Inhalt, sondern nur Anlass der Auseinandersetzung, damit fehlt das gemeinsame Thema des Streits, und deshalb erscheint die Cover-Debatte so nährwertarm und unergiebig.“

Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero: „Der Spiegel hat eine eindeutige Position zu Donald Trump, und eindeutige Positionen sind die beste Voraussetzung für ein gutes Cover. In diesem Fall haben die Kollegen auf den Illustrator zurückgegriffen, der unlängst Trump auf dem Spiegel-Cover als Riesen-Kometen darstellte, der auf eine winzige Erde zurast. Beide Cover (inklusive der Zeilen, wichtig!) sind in ihrer Reduktion, Plakativität und Ästhetik Weltklasse. Beim Motiv selbst kann man beide Male streiten, ob das over the top ist. Aber wer eine klare Haltung hat, soll sie auch auf dem Cover zeigen. Und das tut der Spiegel in diesem Fall. Und polarisiert damit. Mission accomplished.“
Frank Niggemeier, Chefredakteur der Hamburger Morgenpost: „Zuspitzung als Stilmittel zur Entlarvung ist ein effektives Mittel der Berichterstattung, nicht nur für Boulevardzeitungen. Doch das aktuelle Spiegel-Cover schießt deutlich übers Ziel hinaus. Trump ist zweifellos ein gefährlicher Kotzbrocken. Aber ihn nach zwei Wochen im Amt mit Kopf abschneidenden IS-Terroristen gleichzusetzen, halte ich für maßlos. Wie soll das noch gesteigert werden, wenn der US-Präsident künftig – was zu befürchten ist – schlimmeren Schaden anrichtet, als einen stümperhaften Einreisestopp zu verhängen, mit Strafzöllen zu drohen oder Gott und die Welt zu beleidigen?“

Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post: „Das Spiegel-Cover ist ein PR-Coup und ich freue mich für die Kollegen über die internationale Aufmerksamkeit. Inhaltlich ist die Darstellung des US-Präsidenten als IS-Schlächter überzogen, unnötig und kontraproduktiv. Eigentlich braucht der Journalismus derzeit eher Maß und Mitte als die Bazooka. Natürlich ist die Kunst frei, aber sie ist auch kein Freibrief. Feinsinnige Ironie kann übrigens auch wehtun. Und was bliebe dem Spiegel noch, wenn Trump Bomben werfen, Oppositionelle verfolgen oder foltern lässt?“

Michael Schaper, Chefredakteur von Geo Epoche: „Ungewöhnliche Zeiten verlangen ungewöhnliche Cover. Der Spiegel zeigt Flagge, und das erscheint mir derzeit nötiger denn je.“

Sebastian Matthes, Chefredakteur HuffingtonPost Deutschland: „Was in den vergangenen 14 Tagen in den USA passiert ist, übersteigt sicher einige der schlimmsten Befürchtungen von Donald Trumps Kritikern: Er spaltet sein Land und setzt Freiheitsrechte aufs Spiel. Das hat das Magazin New Yorker treffend und scharf mit der erloschenen Kerze der Freiheitsstaue auf sein Cover gebracht. Der Spiegel hat sich für eine krassere Option entschieden. Dem Marketing hat der weltweite Wirbel um das Cover sicher geholfen. Dass es im Umgang mit Trump hilft, halte ich für fraglich. Denn was will der Spiegel auf seinen Titel drucken, wenn die Situation wirklich eskaliert? Medien machen einen Fehler, wenn sie Woche für Woche den Weltuntergang ankündigen. Denn wenn der dann wirklich vor der Tür steht, hört niemand mehr zu. Viele amerikanische Medien haben aus meiner Sicht einen klügeren Weg gewählt: Sie setzen auf Recherche und klare Analyse. Das könnte ein Weg sein, sicherzustellen, dass die Menschen auch in Zukunft zuhören. Das muss unser Ziel sein. Denn es geht aktuell um sehr viel. “

Tim Wolff, Chefredakteur Titanic: „Wir bei der Titanic halten den Spiegel-Titel für infam. Eine solche Gleichsetzung mit Wahnsinn, Brutalität und Missachtung von Werten, Leib und Leben ist unangebracht, das haben unsere Freunde vom Islamischen Staat nicht verdient. Dort herrscht im Gegensatz zu Trumps Amerika wenigstens eine berechenbare Ordnung und ein Mann, der uns den Gefallen tut, Frisur und Geiferfresse vor uns zu verbergen.“
Update:
In einer früheren Version war fälschlich ein Zitat von Constantin Schreiber. Wir haben das Zitat gelöscht und bitten den Fehler zu entschuldigen.
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Alle Kommentare

  1. Donald Trump hat sich für Folter als Verhörmethode ausgesprochen. Er hat nicht nur gesagt, er wolle das Waterboarden wieder einführen, er hat darüber hinaus zum Besten gegeben, diese Form der Folter wäre „Peanuts“ und wenn es nach ihm ginge, solle man bei Verhören noch viel weiter gehen. Und diese Äußerungen sind ja nur ein Beispiel für seine menschenfeindliche, faschismusnahe Gesinnung. Das Cover überzogen?

  2. Ich halte das Titelbild schlicht für geschmacklos und eines seriösen Nachrichtenmagazins unwürdig, es assoziiert automatisch, dass man die grauenvollen Bilder eines ISIS Henkers wieder vor Augen hat. Das Titelbild sagt mehr über den Spiegel als über Trump. Aufmerksamkeitsstark ist es, das zeigt die Diskussion. Ich hoffe nur, der Titel wird ein Flopp am Kiosk, so dass die Redaktion merkt, der Zweck heiligt nicht alle Mittel.

  3. „Journalisten“ wie US Lobbyist Reichelt oder Mainstream Blogger Lobo mit ihren inhaltslosen, arroganten, selbstverliebten Geschwafel und Wichtigtuerei sind schuld daran, dass niemand mehr an einen guten Journalismus glaubt. Das Cover zeigt doch nun wirklich nichts außergewöhnliches. Eins von vielen, die etwas provozieren möchten. Gerade Herr Reichelt sollte auf dem Teppich bleiben, Bei Moral und Anstand kann er nicht mitreden. Auch wenn seine US-Gottheit Trump angegangen wird. Was ist nur los mit dem Journalismus? Früher gab es Scholl-Latour, Ruge, von Lojewski. Heute gibt’s Reichelt, Lobo und F.J. Wagner …. was für ein Niedergang.

  4. Oh, Kinder, bleibt auf dem Teppich! Hier wird nicht Trump geköpft, daher zeigt der -virtuelle- Vergleich mit einem Merkel-Kopf-ab-Plakat bei Pegida lediglich, dass die Karikatur des zeitgenössischen Monsters nicht verstanden wurde. Also kurz: !!Achtung!! Vor Inbetriebnahme der Tastatur Gehirn einschalten.

    Die Skizze zeigt genau das, was Trumpie so macht : er bringt per Handstreich und öffentlich die so hoch gehaltenen Amerikanischen Ideale um die Ecke. Vergangene Präsidenten taten das auch, aber, bis auf Bush, wesentlich subtiler.

  5. Um einen Sachverhalt zu beurteilen, hilft es, ihn in einen anderen Kontext zu setzen: Man stelle sich nur mal vor, Ähnliches, nur mit anderem Personal, würde auf einer Pegida-Demo gezeigt. Ob Sascha Lobo dann auch so engagiert schwafelnd für die Freiheit der Kunst in die Bütt steigen würde?

    Der Titel ist maßlos und er relativiert den Terror des Islamischen Staats. Mit anderen Worten: So geht Hetze! Frau Kahane, bitte übernehmen Sie!

  6. Ey, Leute, schaut doch noch mal genau hin: das ist nicht der Kopf eines Menschen (IS), sondern der Kopf einer Statue, eines Symbols. Symbol von Freiheit, für Einreisende. Da war doch was…

  7. Da wird das Cover mit MerkelSchulz und blutigem Messer nicht lange auf sich warten lassen. Bezeichnend, wenn ein Mitglied der selbsternannten moralischen Elite das Niveau des Erlaubten provozierend herabsenkt. Die gespielte Empörung angesichts der abzusehenden, zukünftigen Merkel-Opfern wird wirkungslos verhallen. In Zeiten in denen man mit Straftatbeständen gegen nicht nachweisbare Fakten vorgehen will, weil die Diskussionskultur zum Nachteil der abgehalfterten Eliten erodiert, ist ein solches Cover nur eine weitere Abrissbirne des moralischen Miteinanders.

  8. Der Spiegel macht pure Propaganda……mich würde mal interessieren aus welchen think tank die Befehle kommen.

  9. @ Tim Wolff, Titanic: Da spricht der Neid, sein nächstes Titelblatt versaut zu haben. So weit-, sprich: kurzsichtig ist Titanic. Nebbich. Wie war das damals noch mit dem Papst-Cover? Und: ist die Titanic nicht untergegangen an einem Eisberg, den sie überheblich nicht wahrnahm? So kann es gehen.

  10. In der DDR nannte man Ausführungen, wie die von Herrn Lobo vorgetragene, schlicht pseudointellektuell.

    Zielführend ist das Gesülze nicht.

  11. Die Idee haben die Spiegelmacher einfach geklaut – und der stolze Brinkbäumer verschweigt das schäbig – wie ein Schulbub, der abgeschrieben hat. Es ist journalistische Hochstapelei, sich dafür von – uninformierten – Kollegen feiern zu lassen. Und es zeigt auch eine Verrohung journalistischer Stilmittel.

    In US-Zeitungen erschienen schon 2016 thematisch identische Karikaturen – Twitter ist voll davon. Die Neueste ist allerdings jene Grafik, bei der eine wütende „Liberty“ Präsident Trump selbst enthauptet – und den blonden Schopf nur noch halb sichtbar unten hinter dem Bildrand hält. Als Analogie zum Richterspruch.

  12. Das Geschwafel Sascha Lobo zeigt eindrucksvoll, mit welchem inhaltsleeren Scheinargumenten hauptberufliche Tatsachenverdreher wie er operieren. Wirklich ganz ganz großes Tennis, wie er tut, als habe das Cover ja nichts mit dem Inhalt zu tun. Weiß doch jeder Journalistischenschüler: Cover und Inhalt sind immer gaaanz verschieden. Oder auch nicht. p.s.: Liest eigentlich noch jemand da draußen mehr vom Spiegel als das Cover?

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