Exzess der schieren Gewalt beim BVB-Spiel gegen Leipzig: die hasserfüllte Fratze des Westnihilismus

Sportlich war das Duell gegen RB Leipzig für Borussia Dortmund ein Erfolg – doch der geriet angesichts der Ausschreitungen der „Gelben Wand“ im Fanblock zur Nebensache
Sportlich war das Duell gegen RB Leipzig für Borussia Dortmund ein Erfolg – doch der geriet angesichts der Ausschreitungen der "Gelben Wand" im Fanblock zur Nebensache

Ein Alltagsereignis der Fußballszene. Oder ein Fanal? Ein Spiel der Fußball-Bundesliga artete am Wochenende aus zu einem Exzess der schieren Gewalt, sowohl außerhalb des Stadions als auch auf den Tribünen. Verstörende Szenen gelangten in die Öffentlichkeit, Szenen, die mit Fußball nichts zu tun haben; nichts mit der gehätschelten Fankultur, nichts mit üblich gewordenen Rüpeleien. Aber sehr wohl sehr viel mit der real existierenden Wutkampagne – diesmal nicht im Osten, sondern im tiefen Westen, nicht in Sachsen sondern in En-Er-We.

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Von Ulrich Werner Schulze

Längst postuliert bei öffentlich legitimierten Aufzügen an vielen Orten, auch in Stadien, am Wochenende ein geifernder Mob seinen Hass, formuliert Hetztiraden, schleudert Gegenstände, Pyrotechnik, Steine, Flaschen, nun wurden sogar Spieler auf dem Feld mit Laserpointern geblendet – so war es am Samstag in Dortmund und es stellen sich damit zunächst einmal zwei Fragen: Wie konnte die großer Zahl riesiger Hass-Spruchbänder unbemerkt ins Stadion gelangen? Wieso ließ der Stadionsprecher die Rädelsführer gewähren und bat nicht darum, die Hassbanner einzurollen? Klammheimliche Sympathie?

Die Transparente lauteten: Bullen schlachtenPflastersteine auf die BullenFick Dich Mateschitz (Sponsor von Red Bull) und sogar, man muss dies als so widerlich benennen, wie es gemeint ist: Burnout-Ralle: Häng dich auf! (gemeint war RB-Sportdirektor Ralf Rangnick, der vor einigen Jahren ein Burnout erlitten hatte).

Die dazu zeitverzögert veröffentlichten Videos zeigten einen Krawall, den die Polizei drastisch beschrieb. „Solche Bilder, in solche hasserfüllten Fratzen habe ich noch in keinem meiner Polizeieinsätze gesehen – ich bin schockiert“, sagte der Polizeieinsatzleiter Edzard Freyhoff. „Völlig ohne Sinn und Verstand kam es plötzlich und unvorhersehbar zum Bewurf der Leipziger, Unbeteiligter und Polizisten.“ Nur unter „massivem Polizeieinsatz“ sei Schlimmeres verhindert worden.

RB Leipzig fordert nun rasche und konsequente Aufklärung. Was wird folgen, welche Konsequenzen wird dieses Verhalten haben? Fotos und Filmsequenzen belegten blanken, schieren Hass. Zeigten Übergriffe auf alles, was auch nur ungefähr auf Leipzig hinwies; selbst Frauen und Kinder wurden angegriffen. Die Polizei? Machtlos, fast hilflos angesichts dieses entfesselten Mobs. Und überfordert, weil unterbesetzt – dabei weiß man in Nordrhein-Westfalen von den notorischen Querulanten, weiß man von No-Go-Areas, von einer Parallelgesellschaft, in der Gangs ganze Straßenzüge beherrschen, weiß man von einer Subkultur in Städten wie Duisburg, Hagen, auch in Dortmund. Der Staat hat offenbar längst kapituliert.

Am Samstag und noch bis Montagnachmittag konnte man den Eindruck gewinnen, die Randale sehe der Verein offenbar als legitimen Teil der Fankultur eines Traditionsvereins. Aber: Was hat hier Tradition? Krawall? Gewalt?

Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende des BVB, eines börsennotierten, kapitalistisch organisierten Vereins, hat sich dann am Montag geäußert: Alles aufklären! Man brauche aber noch Zeit. . . Erste Festnahmen. Doch: Was folgt daraus? Kein Wort des Bedauerns der Vorkommnisse. Die offizielle Stellungnahme des BVB: Achselzuckendes Abtauchen, wie immer lässig, scharf in Worten, schwach in Taten.

Watzke selbst lässt sich gerne mit abfälligen Bemerkungen über andere Klubs vernehmen, insbesondere zieht er über Leipzig her. Man geht nicht zu weit, wenn man festhält, dass er die Geister, die er rief, nun nicht mehr los wird. Watzke geifert gegen den Bundesligakonkurrenten in einer Art, die abgrundtiefe Verachtung in sich trägt – und damit ist er nicht allein; auch der Haftanstalt erfahrene Uli Hoeneß erklärte, kaum wieder Vorstand des FCB, sofort Leipzig zum „Feind“.

Nach schändlichen Übergriffen wird gelegentlich mit klammheimlicher Genugtuung in Richtung Osten gedeutet, nach Sachsen, nach Dresden; Leipzig. In Nordrhein-Westfallen, das gerne als politische Herzkammer Deutschlands bezeichnet wird, ist dagegen mehr schlecht als gut. Wir wollen uns an Silvester 2015 und 2016 in Köln erinnern. Und auch daran, wie die Politik auf jene Übergriffe reagierte: sie duckte sich weg, sie leugnete alles weg; der Berliner Massenmörder Amri konnte sich monatelang in NRW herumtreiben, er war bekannt, er war identifiziert, es war Material genug gegen ihn gesammelt, um in festsetzen und abschieben zu können. NRW-Innenminister Ralf Jäger sagte: es habe dafür keinen rechtlichen Grund gegeben.

Nehmen wir an, dies stimmte – und dafür spricht einiges: was bedeutete dies für das ganze Land? Was bedeutet dieser Samstag in Dortmund dann für den Zustand der Republik, für die Durchsetzung des geltenden Rechts? Für solches Verhalten gibt es einen Begriff. Er heißt Nihilismus, übersetzt: eine Weltsicht, die die Möglichkeit jeglicher objektiven Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung ablehnt. Umgangssprachlich die Verneinung aller positiven oder negativen Ansätze.

In Dortmund war das Ergebnis dieses Versagens zu betrachten: die schiere Gewalt der Straße, ein entfesselter Mob, der auch deswegen so wüten kann, weil seinen Taten nichts folgt. Weil in Nordrhein-Westfalen die Politik – außer Innenminister Jäger auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die dessen offenkundiges Versagen beschönigt, bemäntelt und vertuscht – gerne den Krümel im Auge des „Feindes im Osten“ zu erkennen glaubt, aber den Stachel im eigenen Auge nicht bemerkt. Wie Kraft, Jäger, Watzke und der DFB auf die schlimmen Übergriffe vom Samstag in Dortmund antworten, vielleicht sogar reagieren werden, wird uns deutlich machen, wie ernst sie es alle meinen mit der Aufklärung von Straftaten einer entfesselten Gang, die beim Fußball Steine, Transparente, Laserpointer, Pyrotechnik als Mittel zu ihrem Zweck einsetzt. Der üble Keim des Rechtsnihilismus ist aufgegangen, nach Dortmund muss man wohl sagen: Westnihilismus.

 

P.S.: Am 10. September 2016 spielte Dortmund in Leipzig, verlor 0:1. Die Stadt erlebte ein friedliches, fröhliches Fußballfest, notierte damals und notiert heute der Autor, der 300 Meter vom Red-Bull-Stadion entfernt wohnt.

      

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