VG Wort und die lieben Spesen: Ehrenamtler fliegt für 4.000 Euro mit Business Class zur Sitzung ein

Die Funktionäre der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort scheinen im Umgang mit Reise- und Hotelkosten nicht zu jeder Sekunde ihrer Tätigkeit auf Kostendisziplin bedacht zu sein
Die Funktionäre der Verwertungsgesellschaft (VG) Wort scheinen im Umgang mit Reise- und Hotelkosten nicht zu jeder Sekunde ihrer Tätigkeit auf Kostendisziplin bedacht zu sein

Verwertungsgesellschaften gehen nicht immer ganz sparsam mit den ihnen anvertrauten Geldern um. Nach der 2016 laut gewordenen Kritik an der VG Bild-Kunst muss sich jetzt auch die VG Wort kritischen Fragen stellen: Wie MEEDIA erfuhr, reist ein ehrenamtlicher Funktionär ständig mit Business-Class-Kurzflügen statt per ICE zu Sitzungen an. Zweimal flog er sogar aus den USA ein, für jeweils 4.000 Euro. Und Funktionäre logieren bisweilen in Fünf-Sterne-Hotels.

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Von Eckhard Stengel

Der Brief kam mit der Post und wirkte wie ein Irrläufer. Warum sonst sollte ein Schreiben mit Unterlagen über VG-Wort-Interna im Briefkasten eines MEEDIA-Autors landen? Noch dazu ohne Absender und ohne Anschreiben. Doch beim zweiten Blick zeigte sich: Hier hatte wohl jemand mit Absicht Material verschickt, um auf problematische Praktiken bei der Verwertungsgesellschaft hinzuweisen – also jener Organisation, die Urheberrechtsabgaben zum Beispiel auf Kopiergeräte kassiert und an Textschaffende verteilt, ähnlich wie die GEMA im Musikgeschäft, nur weniger offensiv.

Wie den Unterlagen des Whistleblowers zu entnehmen ist, flog ein ehrenamtliches Gremienmitglied der VG Wort im Juli 2016 von Frankfurt a.M. nach München. Dort nahm er an zwei Kommissionssitzungen der Organisation teil. Die Nacht verbrachte er im Fünf-Sterne-Hotel „Le Méridien“. Als er am nächsten Abend seine Haustür in der Nähe Frankfurts öffnete, hatte er die VG Wort um fast 1.100 Euro ärmer gemacht: gut 800 Euro für den Hin- und Rückflug in der Lufthansa-Business-Class, über 180 Euro fürs Hotel, dazu noch mehr als 100 Euro für die An- und Abfahrt samt Parkgebühren am Frankfurter Flughafen.

Er hätte genauso gut den ICE nehmen können, der die beiden Großstädte stündlich ohne Umsteigen verbindet und mit dreieinviertel Stunden Fahrt ähnlich viel Zeit braucht wie der einstündige Flug mit seinem Vor- und Nachlauf. Für die VG Wort wäre das deutlich billiger geworden: Ein normales ICE-Ticket kostete damals für die 2. Klasse gerade mal 101 Euro plus 4,50 Euro Platzreservierung pro Strecke und 169 Euro für die 1. Klasse inklusive festem Platz – also für die Hin- und Rückfahrt insgesamt 211 bis 338 Euro statt gut 800 Euro bei der Lufthansa, mit Frühbucher-Rabatt oder Bahncard wäre es gegebenfalls noch deutlich günstiger geworden. Oder er hätte beim Fliegen jedenfalls die Economy-Klasse nehmen können. Business ist je nach Flugtermin und Buchungsvorlauf ungefähr zwei- bis dreimal so teuer.

Warum belastet ein verdienter Ehrenamtlicher seine eigene Organisation mit so hohen Kosten? Eine Antwort zu bekommen, ist nicht ganz leicht. Denn der 82-Jährige hat viel in den USA zu tun. Auf Anfrage sorgt seine deutsche Sekretärin dafür, dass er zurückruft. Doch das Transatlantik-Telefonat endet schnell: „Ich kann nicht von Amerika aus auf meine Kosten Gespräche mit Ihnen führen.“ Privat ist er demnach kostenbewusst. Auf das Angebot eines Mailwechsels geht er nicht ein.

Also Nachfrage bei der VG-Wort-Zentrale in München. Rainer Just, einer der beiden hauptamtlichen Vorstandsmitglieder, verspricht sofort Aufklärung, recherchiert im eigenen Haus und nimmt selber Kontakt zu dem betroffenen Herrn auf. Das Ergebnis: Der Business-Class-Kurzflug von Frankfurt nach München war alles andere als ein Einzelfall. Schon seit Jahren reise der Urheberrechtsspezialist auf diese Weise zu den VG-Wort-Sitzungen an. Allein im vergangenen Jahr, schätzt Just, dürfte das etwa zehnmal passiert sein – wegen der vielen Sondersitzungen zum Rechtsstreit um die Beteiligung von Verlagen an den VG-Wort-Ausschüttungen.

Dass der 82-Jährige regelmäßig die Lufthansa statt der DB nutzt, begründet er gegenüber Vorstand Just auch damit, dass der Frankfurter Flughafen von seinem Wohnort aus einfacher per Auto zu erreichen sei als der Hauptbahnhof. Kurzer Check mit einem Routenplaner: Zum Airport sind es etwa 30 Minuten, zum Bahnhof ungefähr 45.

Aber die teuren Kurzstreckenflüge sind nicht die einzigen, die sich der betagte Herr auf Kosten der Tantiemen-Empfänger bezahlen lässt. Wie sich bei den MEEDIA-Recherchen herausstellt, flog er in den vergangenen Jahren sogar schon zweimal von den USA zu VG-Wort-Sitzungen ein. „Er ist einer der wichtigsten Urheberrechtler Deutschlands“, sagt Vorstand Just, und deshalb sei seine Anwesenheit wichtig gewesen. Laut Just kostete der Hin- und Rückflug in der Business-Class rund 4.000 Euro pro Gremientreffen, die jeweils nur ein bis zwei Tage gedauert hätten.

Dass er mit der gehobenen Klasse fliegen dürfe, will der Ehrenamtliche vor über 20 Jahren mit dem damaligen VG-Wort-Chef besprochen haben. „Seitdem macht er das“, sagt Just – „sozusagen aus Gewohnheitsrecht“. Dabei müsse man auch sein Alter berücksichtigen, zitiert das Vorstandsmitglied den bald 83-Jährigen. Außerdem sei er sehr groß und habe Probleme mit dem Rücken.

Just versichert, dass der angesehene Urheberrechtler der einzige Ehrenamtliche sei, der sogar innerhalb Deutschlands mit der Business-Class fliege. Bevor Just 2007 einer der beiden VG-Wort-Chefs wurde, seien die teureren Tickets auch bei anderen üblich gewesen. „Wir haben uns das dann angeschaut und geändert“, berichtet er. Seit 2009 dürften Ehren- wie Hauptamtliche innerhalb Europas normalerweise nur noch mit Economy fliegen, wenn überhaupt. Ausnahmen seien seitdem nur für zwei Personen gemacht worden: den Urheberrechtler und die hoch betagte Ehrenpräsidentin, die aber bereits seit Jahren nicht mehr fliege.

Schriftlich wurden die Regeln bisher aber nicht fixiert. Das soll sich jetzt ändern: Angestoßen durch die MEEDIA-Anfrage will Just jetzt dafür sorgen, dass die VG Wort Reiserichtlinien aufstellt. „Das werden wir in den Gremien besprechen.“ Seine Devise: „Innerhalb Europas geht nichts mehr mit Business. Da wird Eco angesagt sein.“ Für Bahnfahrten werde es wie bisher individuellere Lösungen geben, was die Wahl der Klasse angeht. Da komme es zum Beispiel darauf an, ob jemand bereits eine Bahncard für die 1. Klasse besitze. Mit dem verdienten Urheberrechtsexperten müsse darüber gesprochen werden, ob er aus Frankfurt künftig nicht doch mit der Bahn anreise oder jedenfalls Economy buche.

Die Unterlagen, die MEEDIA zugespielt wurden, werfen aber auch Fragen zu manchen Dienstreisen des Vorstandschefs auf. Just ist seit 2012 nebenbei auch Präsident des internationalen Dachverbands IFFRO (International Federation of Reproduction Rights Organisations) und fliegt jedes Jahr zu dessen Weltkongress, sei es nach Mexiko, Südkorea, Argentinien oder in die Türkei. Außerdem besucht er, wie er sagt, noch ein bis zwei weitere internationale Tagungen pro Jahr, zum Beispiel die Weltversammlung der Bibliotheken. Für Fernflüge außerhalb Europas nutzt er dabei die Business-Class der Lufthansa. Da kommen ebenfalls schon mal 4.000 Euro und mehr pro Flugreise zusammen.

Warum geht Just nicht etwas sparsamer mit den VG-Wort-Geldern um und bucht die wesentlich günstigere Economy-Class? Weil er Probleme mit den Beinen habe und deshalb etwas mehr Platz brauche, antwortet der 58-Jährige. Natürlich müsse seine Organisation möglichst kostengünstig wirtschaften – aber man müsse dieses Ziel auch abwägen mit den Belastungen für den Einzelnen, findet er.

Nicht ganz billig sind auch manche Hotels, in denen sich Haupt- oder Ehrenamtliche zu Sitzungen treffen und teilweise auch übernachten. Zum Beispiel tagte der IFFRO-Weltkongress 2015 in Mexiko-City im Fünf-Sterne-Hotel Hyatt Recency, und Präsident Just logierte dort für eine Woche. Die Rechnung ging an die VG Wort. Ginge es nicht etwas bescheidener? Just, mit einem Jahreseinkommen von rund 200.000 Euro brutto ausgestattet, verweist darauf, dass die Veranstalter Rabatt bekommen hätten. „Und auch wegen der Sicherheitslage wurde ein Hotel in diesem Viertel ausgesucht.“

In München, dem Sitz der Verwertungsgesellschaft, nutzt die Organisation ebenfalls ein Fünf-Sterne-Hotel für manche Sitzungen: Der ehrenamtliche Verwaltungsrat, also das interne Kontrollgremium der VG Wort, trifft sich mindestens zweimal jährlich im Hotel „Le Méridien“. Es liegt verkehrsgünstig dicht am Hauptbahnhof und ist nach Ansicht von Just für Münchener Verhältnisse „kein besonders teures Hotel“.

Wenn am nächsten Morgen weitergetagt wird, übernachtet der eine oder andere Ehrenamtliche der Einfachheit halber gleich im Sitzungshotel, statt sich ein günstigeres Quartier zu suchen. So auch der betagte Urheberrechtsexperte. Und die VG Wort übernimmt dafür anstandslos die Kosten.

Bei der VG Bild-Kunst existiert bereits eine schriftliche Richtlinie für die Vergütung von Ehrenamtlichen samt Reisekostenregelung. Wie MEEDIA 2016 berichtete, dürfen ihre ehrenamtlichen Funktionäre demnach mit der 1. Klasse Bahn fahren und erhalten 300 Euro Sitzungsgeld pro Tag, egal, ob sie tatsächlich einen Verdienstausfall haben oder nicht. Die VG Bild-Kunst verteidigte diese Regelung als angemessen, denn der Arbeitsaufwand für die Ehrenamtlichen sei immens.

 

 

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