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Bei allzu breiten Bärten ist stets gesunde Skepsis angebracht

Matussek, Fake-Breitbart, Gottkanzler Schulz und die Daily Briefer
Matussek, Fake-Breitbart, Gottkanzler Schulz und die Daily Briefer

Bevor die us-amerikanische Hetzseite Breitbart nach Deutschland kommt, vertreiben wir uns hier die Zeit mit allerlei falschen Breitbärten im Internetz und am Telefon. Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat es mittlerweile zur Internet-Kultfigur gebracht – aber ist das jetzt gut oder schlecht für ihn? Und was zur Hölle macht eigentlich so ein Daily Briefer den ganzen langen Tag? Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Wunderbares Internet, verwirrendes Internet. Wo man diese Woche auch hinschaute, allüberall klebten falsche Bärte. Breitbärte zumal. Zuerst war da unser Ober-Katholik Matthias „Mad“ Matussek, der auf Facebook rapportierte, die Titanic habe ihn mit einem Telefonstreich reingelegt. Die Spaßmacher aus Frankfurt hätten sich als Headhunter im Auftrag der us-amerikanischen Hetzseite Breitbart ausgegeben und ihm für den anstehenden Deutschland-Start ein sechsstelliges Gehalt plus Dienstwagen nach Wahl angeboten.

Den früheren Breitbart-Scharfmacher Steve Bannon bezeichnete MM als „interessante Figur“, Breitbart.com finde er „nicht schlecht gemacht“. Der verschlafene Matussek (Anruf am frühen Nachmittag) war nicht abgeneigt und erbat sich Bedenkzeit. Schade halt für ihn, dass das dann doch wohl ein Scherz war, wenn auch keiner von der Titanic. Bei der „Panorama“-Redaktion haben die falschen Breitbärte dann auch noch durchgeklingelt und – genau wie bei Matussek – die hessischen Metropolen Fulda oder Bebra ins Spiel gebracht. Breitbart Los Angeles, Breitbart London. Breitbart Bebra. Ja, warum denn eigentlich nicht?

Am Ende der Arbeitswoche ging dann auch noch eine Facebook-Seite für ein angebliches deutsches Breitbart online, wo man sich gleich mal mit RP Online anlegte. Die Facebook-Seite sah auf den ersten Blick professionell gemacht aus. Stutzig machte nur, dass als Redaktionssitz weder Fulda noch Bebra angegeben ist, sondern ein Kaff in den USA namens Los Angeles. Die Postings waren zudem derartig überzogen, dass man auch hier von einem falschen Breitbart ausgehen musste. RP Online begann jedenfalls schon einmal zu hyperventilieren. Am Freitag-Nachmittag kam dann die Auflösung: Fake Seite!

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Wenn alleine schon die Vorahnung eines deutschen Breitbarts die Branche derartig in Wallung versetzt, was wird dann erst los sein, wenn die breiten Bärte hierzulande wirklich mal aufschlagen sollten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wissen möchte.

Einen garantiert echten Vollbart hat unser künftiger „Gottkanzler“ Martin „Mr. Absolute Mehrheit“ Schulz. „Gottkanzler“ wird er in diesem Unterforum beim Online-Dienst Reddit genannt, der sich ganz und gar einer ins grotesk-komisch übersteigerten Schulz-Verehrung verschrieben hat. Schulz selbst, der ja gerade auf einer bemerkenswerten Welle aus Sympathie und Prozentwerten surft, hat sich via Youtube-Video auch schon artig dafür bedankt. Ob das einem Kanzlerkandidaten jetzt langfristig eher nützt oder schadet, wenn er zum Web-Kult hochgejazzt wird – wer weiß das schon? Über dieses wunderbar absurd gestaltete Video musste ich aber doch sehr lachen:

Spiegel und SpiegelOnline machen nun also doch ernst mit der „digitalen Tageszeitung“ Spiegel daily, die es im Frühjahr aus der Entwicklungshölle raus schaffen soll. Spiegel daily wird also eine Web App (was ich persönlich für ein solch „abgeschlossenes Produkt“ ein bisschen seltsam finde) und soll die so genannten „Daily Briefer“ ansprechen, die laut Spiegel-Mitteilung „ein Mal am Tag kompakt, kompetent, multimedial informiert werden wollen“. Timo Lokoschat, seines Zeichens Daily-Macher und nicht Daily Briefer, verwies in einer Facebook-Diskussion, in der der Begriff „Daily Briefer“ so ein bisschen kritisiert wurde, darauf, dass dieser ja nicht vom Spiegel stamme, sondern vom durchaus renommierten Reuters Digital News Report. Das stimmt. Im besagten News Report ist aber auch zu lesen, dass die Gruppe der „Daily Briefer“ gerne bis zu fünfmal pro Tag News checken will und nicht „ein Mal am Tag“, wie es der Spiegel meint. Außerdem gibt es laut News Report noch die Gruppe der „News Lovers“, die über fünfmal pro Tag News konsumieren und mit einer 77-prozentigen Wahrscheinlichkeit eher bereit sind, für Digital-News zu zahlen als die knickrigen „Daily Briefer“. Hat man sich da am Ende womöglich die falsche Zielgruppe ausgeguckt? Wir werden sehen. Am Ende zählen solche Buzzwords ohnehin nichts. Am Ende zählt das Produkt.

Schönes Wochenende!

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