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„Wollen viel lauter auftreten und viel mehr Krach machen“: Springers ehrgeizige Noizz-Pläne

Noiz-Macher: Daniel Böcking (li.) und Manuel Lorenz
Noiz-Macher: Daniel Böcking (li.) und Manuel Lorenz

Den Anfang machte eine wilde Party mit dem Cro-DJ Psaiko.Dino am Dienstagabend in der Berliner Szene-Disco Birgit & Bier. Seit Mittwoch ist nun der neue junge Bild-Ableger Noizz online. Obwohl der Start leicht improvisiert wirkte, steckt hinter dem Konzept eine ambitionierte Strategie. Mit der Millennial-Plattform will Springer Rivalen wie Vice, Bento & Co. nicht nur hierzulande Konkurrenz machen, sondern eine europaweite Erfolgsgeschichte schreiben. Denn mit Noizz verfolgt der Verlag sehr ehrgeizige Expansions-Pläne.

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Der Expansionsplan, dem Springer bei seiner Noizz-Ausdehnung folgt, erstreckt sich von Osten nach Westen. Zuerst startet die Plattform nämlich in Polen, Serbien und der Slowakei. Mit rund 7,5 Millionen monatlichen Besuchern, entwickelte sie sich dort unter dem Dach von Ringier Axel Springer Media zu einem Big-Player und hatte gleichzeitig genügend Zeit und Freiräume, um eine Art Markttest im Live-Modus für Technik und Storytelling durchzuführen.

Diese bereits existierenden technischen Strukturen erlaubten es den Machern schließlich, den Deutschlandstart innerhalb von sechs Wochen zu stemmen. In Berlin musste dazu eine nur kleine Redaktion aufgebaut, das Storytelling verfeinert und das Geschäftsmodell angepasst werden. Mit diesem Ansatz kopiert Springer das Vorgehen, mit dem sonst die jungen amerikanischen Journalismus-Startups wie Buzzfeed, Vice oder auch Business Insider (gehört mittlerweile zu Springer) ihre internationale Expansion aufziehen.

Ähnlich wie beim deutschen Business Insider setzt auch Noizz erst einmal auf ein sehr kleines redaktionelles Kernteam, das unter der Regie des Bild-Snapchat-Experten Manuel Lorenz arbeitet und überwiegend aus Schülern der hauseigenen Axel Springer Akademie besteht. Bislang arbeiteten die angehenden Journalisten für die junge Bravo-Ecke der Bild, Byou. Doch mit dem Start von Noizz dreht das Verlagsmanagement die Frequenz beim Teenie-Ableger des Boulevard-Portals merklich nach unten. Eine mögliche Einstellung dementiert der Verlag allerdings auf MEEDIA-Anfrage: „Byou wird weitergehen. Aber unser aktueller Fokus liegt auf Noizz.“

Thematisch werden sich die Journalisten-Schüler etwas umstellen müssen. So soll sich der Neuling mit allem beschäftigen, worüber junge Erwachsene in der Großstadt reden: Fashion, Street Art, Musik, Partys, Leben und Liebe. Lorenz will sich jedoch altersmäßig gar nicht festlegen, „weil manche Menschen auch noch mit 50 Sneakers tragen.Wahrscheinlich würde man bei unseren Usern aber von Millennials sprechen.“ Daniel Böcking, der stellvertretende Chefredakteur von Bild.de, ergänzt gegenüber MEEDIA: „Die ideale Noizz-Story beschäftigt sich mit dem, was junge Menschen im urbanen Umfeld gerade interessiert. Darüber hinaus ist sie persönlich und meinungsstark und orientiert sich nicht zwingend an klassischen journalistischen Darstellungsformen.“

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Lorenz will dabei aber vor allem eines sein: „so richtig laut“, wie er in Springers Inside.App verrät. So hat er das Gefühl, dass Journalismus, der etwas jüngere Menschen ansprechen wolle, in Deutschland oft „sehr zahm“ sei. „Da kann man viel lauter auftreten und viel mehr Krach machen“.

Alleine bei dieser Aussage denkt man schnell an Vice. Auch den US-Amerikanern wird nachgesagt, gerne und oft laut und provokant zu sein. Mit Vice oder anderen bereits existierenden Millennial-Angeboten will Böcking Noizz ganz bewusst nicht vergleichen. „Wir sehen uns nicht als Antwort auf etwas – wir fangen ja gerade erst bei null an. Das sehen wir als Vorteil gegenüber Traditionsmarken wie Vice, die es seit über 20 Jahren gibt. Wir können zum Beispiel gerade die Social-Media–Entwicklungen der vergangenen Jahre von Beginn an mitdenken.“

Strukturell dürften sich die Berliner dann aber doch auch an Vice orientieren. Die US-Amerikaner haben nämlich das System der länderübergreifenden Zusammenarbeit perfektioniert. Die verschiedenen Redaktionen liefern jeweils für die anderen Stories und Material mit. Wenn Noizz sich wirklich zu einer pan-europäischen Web-Marke entwickeln sollte, dann wird genau in einer solchen vernetzten Zusammenarbeit der wahre Reiz des Konzeptes liegen.

Jedes Länder-Angebot profitiert durch die Inhalte der anderen Teams, während die Technik zentral weiterentwickelt wird. So kann global-vernetzter Journalismus 2.0 funktionieren. Entscheidend wird dabei die Frage sein, ob es gelingt, diesen strategischen Ansatz auch gewinnbringend zu vermarkten. Im Gegensatz zur eigentlichen Springer-Doktrin, wird es in dieser Zielgruppe schwer sein, ein Paid-Content-Modell durchzusetzen. Die Machern müssen deshalb – ganz modern – auf Native-Advertising setzen.

Die meisten US-Strategen gehen davon aus, dass dies die beste Möglichkeit ist, journalistische Web-Angebote für eine solche Zielgruppe zu refinanzieren. Ob das auch für Deutschland zutrifft? Unklar. So wird Noizz nicht nur zu einem spannenden Versuch, eine junge europaweite Medien-Marke aufzubauen, sondern auch ein spannendes Testfeld für alternative Vermarktungskonzepte.

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