Von Laterpay zu Plenigo: Mit dem Dienstleister wechselt der Spiegel auch seine Bezahl-Strategie

Jesber Doub ist Geschäftsführer von Spiegel Online
Jesber Doub ist Geschäftsführer von Spiegel Online

Vom Verkauf einzelner Artikel zum Abo-Modell: Nach dem wohl gescheiterten Versuch, mit dem Micropayment-Anbieter Laterpay Digitalerlöse zu erzielen, setzt die Spiegel-Gruppe für ihre geplante Digitalzeitung Spiegel Daily und Spiegel Plus nun verstärkt auf die Abo-Modelle des Münchener Laterpay-Konkurrenten Plenigo. Der Vorteil: Der Spiegel kann hierdurch auf die Daten der Digitalkunden zugreifen.

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Es deutete sich bereits Ende vergangenen Jahres an. Seit dem Florian Harms seinen Posten als Chefredakteur von Spiegel Online an seine Vize-Chefin Barbara Hans abgegeben hatte, sind beim Spiegel-Verlag die Tage von Laterpay gezählt. Harms hatte auf den Münchener Micropayment-Anbieter gesetzt, um möglichst wenig Reichweite beim digitalen Spiegel einzubüßen. Schnell merkt jedoch die Geschäftsleitung, dass sich das Modell des „digitalen Bierdeckels“ nicht rentiert. Es sieht vor, dass Nutzer für die bei Spiegel plus bepreisten Artikel erst ab einer Summe von 5 Euro zahlen müssen. Doch darin lag offenbar die Crux: viele Nutzer blieben unter der Preisschwelle. Die Folge: Die Umsätze aus dem Verkauf einzelner Spiegel Plus- Artikel waren für die Geschäftsführung offenbar nicht zufriedenstellend, heißt es. Sie hatte sich deutlich mehr erhofft, um die weiter rückläufigen Vertriebs- und Vermarktungsumsätze des gedruckten Spiegel abzufedern. Harms soll deswegen immer stärker unter Druck geraten sein, bevor er am Ende der Tür verwiesen wurde.

Jetzt will der Verlag den Ansatz des ehemaligen Spiegel Online-Chefs korrigieren. Das Medienunternehmen an der Ericusspitze erwägt, den Bezahldienstleister zu wechseln. Im Gespräch ist das Münchener Unternehmer Plenigo. „Wir führen Gespräche, eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Das gilt für mögliche Abo-Modelle bei Spiegel daily wie bei Spiegel Plus“, erklärt eine Spiegel-Sprecherin. Als Treiber beim offenbar anstehenden Anbieterwechsel gilt Spiegel Online-Geschäftsführer Jesper Doub, der Insidern zufolge ebenfalls die jähe Trennung von SpOn-Chefredakteur Florian Harms befürwortet haben soll.

Bei Plenigo jedenfalls hat sich der Spiegel bereits als Kunde registriert, erfuhr MEEDIA aus Unternehmenskreisen des Start-ups. Noch habe die Spiegel-Gruppe mit den Münchnern aber keine Geschäfte getätigt, heißt es. „Zu Entscheidungen innerhalb des Spiegel Verlages können wir keine Auskunft geben. Aber es wäre ganz normal, wenn der Spiegel den Einsatz von plenigo prüft, denn für ein Produkt wie das vom Spiegel geplante „Spiegel Daily“ gibt es nicht viele, insbesondere deutsche Anbieter, die den erforderlichen Funktionsumfang bieten und gleichzeitig schnell und einfach implementierbar sind“, erklärt Plenigo-Mitgründer Thorsten Petter gegenüber MEEDIA.

Für Laterpay wäre der Abgang des Spiegel geschäftlich ein schwerer Schlag. Damit würde das Unternehmen einen wichtigen Vorzeigekunden verlieren. Laterpay-Gründer Cosmin Ene hat bislang keine Anzeichen dafür, dass sich der Spiegel zurückzieht: „Die Zusammenarbeit mit dem Spiegel besteht unverändert“, erklärt er auf  MEEDIA-Anfrage. Auch Gruner + Jahr, Minderheitsgesellschafter des Spiegel, hält an Laterpay weiter fest. „Laterpay ist aktuell im Rahmen unserer verschiedenen Anti-Adblocking-Maßnahmen bei GEO Digital integriert. Ein teilweiser/ganzer Wechsel zu Planigo ist nicht geplant“, erklärt ein G+J-Sprecher.

Dass sich die Spiegel-Gruppe dem Newcomer aus Bayern zuwendet, liegt zunächst an der digitalen Tageszeitung Spiegel Daily, die im 1. Halbjahr online gehen soll. Hierfür benötigt Hans ein tragfähiges Bezahlmodell auf Abo-Basis. Ansonsten ließe sich das neue journalistische Produkt auf Dauer nicht refinanzieren, heißt es. Denn Spiegel Daily ist kein Produkt, dass auf Reichweite ausgelegt ist. Es soll zudem Spiegel Online keine Konkurrenz im eigenen Hause machen, um nicht die Vermarktung des Online-Angebots zu gefährden. „Es ist vorrangig für die mobile Nutzung konzipiert und soll vor allem über Abonnements vertrieben werden“, erläutert der Spiegel-Verlag hier seine Digital-Strategie.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sich das von Rudolf Augstein gegründete Magazinhaus für Plenigo entscheidet: Zunächst dürfte das Unternehmen kein Interesse daran haben, zwei Bezahldienstleister unter einem Dach zu verpflichten. Zudem sind die Münchener mit ihrer Dienstleistungspalette breiter aufgestellt: Vom Verkauf einzelner Artikel bis zu Bezahlangeboten mit Tages- oder Wochenpässen – Medienkunden können aus verschiedenen Tools wählen, um hieraus für ihr Digitalprodukt die beste Bezahlstrategie zu formen. So ist es möglich, dass die Nutzer in Etappen zur Kasse gebeten werden. Zunächst bietet man Online-Usern die Chance, das neue Digitalprodukt ein Monat kostenlos zu testen, anschließend erhalten sie zeitweise einen verbilligten Zugang, bevor sie am Ende zum Vollzahler werden. Dieses Prinzip könnten Geschäftsführer Thomas Hass und die Spiegel Online-Chefin nutzen, um den neuen Hoffnungsträger am Markt leichter zu etablieren. „Plenigo ist sehr flexibel bei den Pricing-Strukturen, so dass eine Entscheidung für die Technologie nicht eine Entscheidung für das Geschäftsmodell voraussetzt. Einzelverkauf, Abos oder Tagespässe sind alle möglich, auch in Kombination. Dem entsprechend ist ein Wechsel der Pricing-Strategie nach der Einführung von Paid Content ebenfalls möglich“, betont Web-Expertin Katja Nettesheim.

Doch es gibt noch weitere Pluspunkte. Plenigo ermöglicht dem Spiegel-Haus einen unproblematischen Zugang zu Kundendaten. Schließt beispielsweise ein User ein Abo bei Spiegel Daily oder für Spiegel plus-Inhalte ab, erleichtert dies den Hamburgern Marketing-Aktionen für das gedruckte Nachrichtenmagazin. Sie sind hierdurch in der Lage, neue Abonnenten fürs Printheft zu gewinnen. Denn immer noch ist der gedruckte Titel der wichtige Erlösbringer der Gruppe. Zum Gesamtumsatz trägt das Medium deutlich mehr als 60 Prozent bei. Doch die Zeiten, in denen der Spiegel eine Millionen-Auflage absetzte, sind längst vorbei. Im 4. Quartal 2016 fiel die Gesamtauflage auf 777.877 Exemplare, im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es noch 796234 Stück. Zwei Jahre zuvor zählte das Unternehmen noch mehr als 870.000 Stück.

Gegründet wurde Plenigo erst 2013 von zwei Jungunternehmern: Maximilian Schweitzer und Thorsten Peter. Dazu gehört ein hochkarätiger Beirat – darunter der IT- und Softwareentwickler Jan Ulbrich. Er hatte zuletzt als CTO bei ProSiebenSat.1 Digital gearbeitet, war früher bei Tomorrow Focus und Holtzbrinck-Digital tätig. Ein weiterer Partner im Beirat ist der IT-Spezialist Max Nussbaumer. Er greift den beiden Firmengründer als Business Angel unter die Arme. Unter Vertrag haben sie bereits mehrere namhafte Kunden – darunter die Neue Mediengesellschaft Ulm oder den Vogel-Verlag.

Dies liegt möglicherweise daran, dass Plenigo den Medienhäusern große Teile ihrer Buchhaltung sowie den Vertrieb abnimmt. „Wir führen eine Schattenbuchhaltung, die es ermöglicht, Buchungen automatisch zu übernehmen und in internen Kundensystemen wie Datev oder SAP zu verarbeiten. Genauso ermöglichen wir unseren Kunden die automatische Steuerung der Auslieferung von Printheften“, erläutert Petter. Dies dürfte auch für die Spiegel-Geschäftsführung interessieren. Sie kann hierdurch weitere Kosten einsparen.

Bisher hat sich Hass noch nicht entschieden, wer das Rechnungswesen und den Vertrieb übernehmen soll. Er hatte lediglich angekündigt, die Vermarktung, Werbung sowie das Rechnungswesen und den Vertrieb in fremde Hände zu legen. An wen, blieb offen. Lediglich für die Anzeigendisposition und das AdManagement hat der Firmenchef einen neuen Partner präsentiert: den Spiegel-Mitgesellschafter Gruner + Jahr. Das Hamburger Zeitschriftenhaus hat hier seit Jahresanfang die Arbeit übernommen.

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