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Solo für Schulz: der einstündige Werbeauftritt für den SPD-Kanzlerkandidaten bei „Anne Will“

„Ich bin gefühlt und faktisch der bessere Kandidat“ – ein selbstbewusster Martin Schulz bei Anne Will
"Ich bin gefühlt und faktisch der bessere Kandidat" - ein selbstbewusster Martin Schulz bei Anne Will Martin Schulz bei "Anne Will"

Ein Solo bei „Anne Will“ bekommt im Normalfall nur die Kanzlerin. Oder eben der frisch gebackene Kanzlerkandidat und Merkel-Herausforderer Martin Schulz von der SPD. In seinem einstündigen Auftritt platzte Schulz fasst vor Selbstbewusstsein und demonstrierte, wie viel in der heutigen Politik von Persönlichkeit abhängt.

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Die SPD scheint in diesen Tagen wie in einen Jungbrunnen gefallen. Leuchtende Gesichter überall, ein randvolles, jubelndes Willy Brandt Haus, steigende Mitgliederzahlen, eine flammende Rede des frisch gekürten Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Es ist schon bemerkenswert, welchen Unterschied so eine Personalie in der Wahrnehmung und vor allem auch in der Selbst-Wahrnehmung machen kann.

Man könne die SPD ja fast umbenennen, in „Sturzgeburt Partei Deutschlands“, scherzte Anne Will zu Beginn der Sendung und spielte auf die missglückte Kanzlerkandidatur von Schulz’ Vorgänger Peer Steinbrück an, der seinerzeit in den Wahlkampf geworfen wurde wie in sehr kaltes Wasser. Die Kandidatur von Schulz erfolgte nun ebenfalls hopplahopp – aber es gibt gewaltige Unterschiede.

Steinbrück war seinerzeit angetreten, um die SPD auch für CDU-Wähler attraktiv zu machen. Er verkörperte den „Genosse der Bosse“-Stil, den Gerhard Schröder etabliert hatte. Schulz macht das jetzt ganz anders, wie bei „Anne Will“ zu besichtigen war. Er will enttäuschte Wähler von der Linken zurückholen, schreibt ganz groß das Wort „Gerechtigkeit“ auf seine Fahnen. Schulz hat keine Angst vor großen Worten und großen Gesten. Er hat ein riesiges Selbstbewusstsein und stürzt sich ohne Rücksicht in diese Kandidatur. Nicht umsonst hat Bernd Ulrich in der Zeit von der SPD-Kanzlerkandidatur als einer „rostigen Krone“ gesprochen. Schulz trägt sie mit sichtlichem Stolz. Das dankt ihm die Partei.

Teilweise konnte man bei „Anne Will“ den Eindruck gewinnen, dass da schon der künftige Kanzler der Republik sitzt. „Dafür will ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden …“, sagt er an einer Stelle und vernuschelt die Worte „will“ und „werden“ so sehr, dass man beinahe hört „Dafür bin ich Bundeskanzler“. Das ist der ganz große Unterschied zu Steinbrück und auch zu Gabriel. Da ist nicht ein Hauch von Zaudern in diesem Mann. Der will das wirklich.

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Das ist schon viel in diesen Tagen der politischen Ermattung, auch und gerade in der SPD. Von Gerhard Schröder, dem letzten sozialdemokratischen Kanzler, war die Geschichte wohlbekannt, wie er am Gitter des Kanzleramts rüttelte und rief „Ich will da rein!“. Genauso tritt jetzt auch Schulz auf. Inhaltlich liegen keine Welten zwischen ihm und dem zurückgetretenen Sigmar Gabriel, das hat Anne Will fein herausgearbeitet. Aber wie Schulz den vermeintlich alten Hut soziale Gerechtigkeit verkauft und präsentiert, das macht einen Riesen-Unterschied.

Dabei ist er rhetorisch und argumentativ geschickt. Auch eine enttäuschte ehemalige SPD-Wählerin, eine Kassiererin aus Essen, die von der Redaktion präsentiert wird, bringt ihn nicht aus der Fassung. Auf die Frage, was die Schwäche von Angela Merkel sei, antwortet er schlau: „Die CSU“. „Die SPD hat den Anspruch, die stärkste Partei Deutschlands zu werden“, ist der Satz, den er wie ein Mantra wiederholt. Es hat etwas von Auto-Suggestion, aber die kann ja bekanntlich manchmal funktionieren.

In der Tat würde es an ein Wunder grenzen, wenn Schulz das, was er da ankündigt, schaffen sollte: Die SPD zur stärksten Kraft zu machen, Kanzler zu werden, ein Gefühl von Gerechtigkeit zu bringen. Ob er angesichts dieses bevorstehenden Höllenritts einer SPD-Kanzlerkandidatur es nicht auch mal mit der Angst zu tun bekomme, fragte Anne Will den von sich selbst so ganz und gar überzeugten Schulz. Doch natürlich, bekannte der. Das sei schon eine gewaltige Aufgabe. Aber wenn man am Beginn eines Höllentritts sofort an eine Niederlage denke, da brauche man ja gar nicht erst anzutreten. Da hat er wohl recht.

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Alle Kommentare

  1. Zur Anne-Will-Show mit Espede-M.S. liesse sich dies anmerken: Hat die Moderatorin gefragt, oder hat sie souffliert, wie es den Moderatorinnen der öffentlich-rechtlichen Anstalten angenehm geworden ist?

  2. Schaumschläger…… Schauspieler. …… es ist immer wieder interessant, wie man in Deutschland als Politiker ohne fundierte Kenntnisse Kariere machen kann……. unglaublich

  3. Das war eine schwache Leistung von Frau Will. Es ist ihr nicht gelungen, Martin Schulz zu entlarven. Sie hat es offensichtlich nicht mal versucht. Dabei ist das doch das Wichtigste in so einem Interview. Ob das dem Moderator gelungen ist, war zumindest bei der Diskussion um diverse Talkshows der entscheidende Maßstab, ob er (oder sie) einen guten Job gemacht hat.

  4. Der Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich in der EU bekanntgemacht durch seine großspurigen Auftritte: 2013 titelte der FOCUS „Schulz – unser größter Wichtigtuer in Brüssel!“ Er nimmt es offenbar auch mit der Wahrheit nicht so genau. So propagiert er bei jeder Gelegenheit, daß er vor 30 Jahren in der nordrhein-westfälischen Stadt Würselen als „junger Buchhändler zum Chef einer rheinländischen Mittelstadt“ aufgestiegen sei. Er verschweigt dabei, daß vor 30 Jahren ein Bürgermeister in NRW „nur“ Vorsitzender des Stadtrates war und keinerlei Befugnisse im Rathaus hatte. Chef der Verwaltung und der Administration war ausschließlich der Stadtdirektor und der mußte vor seiner Wahl und Ernennung durch den Stadtrat entsprechende Qualifikationen nachweisen. Ein Buchhändler (ohne Abitur und enstspr. Studium) konnte vor 30 Jahren in Nordrhein-Westfalen niemals „Chef einer rheinländischen Mittelstadt“ werden! Schulz beweist mit seiner großmäuligen Behauptung, daß er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt!!!

  5. ….was mich beim Thema „Martin Schulz“ so ärgert, ist die Tatsache, daß wir alle – eben auch die Medien – seinen (und hier erspare ich mir eine Reihe negativer Adjeketive) geführten Wahlkampf um die Kandidatur seiner EU-Position vergessen haben. Da war am Ende – also nach dessen Intrhronisation – nicht mehr viel von dem von mir bis dahin auch sehr geschätzten Martin Schulz übrig. Ich fand ihn ab da einfach nur noch unaufrichtig. Und so jemanden werde ich nicht zum Kanzler dieses Landes
    wählen durch meine Stimme an seine Partei. Kompliment an seine schauspielerische Leistung der Betroffenheit bei Anne Will.

  6. Ein interessanter Auftritt.

    Ich sah einen geerdeten Mann, der 60 Prozent vergleichsweise fundiertes Politiker-Gerede mit 40 Prozent Menschlichkeit vermischte – und dabei sehr authentisch wirkte. Sehr viel nahbarer und näher am Puls der Realität als viele andere in elitären Sphären kreisende Berufspolitiker.

    Dieses Land braucht inmitten dieser veränderte Weltlage einen souverän etablierten Umbruch – eine Neuausrichtung, basierend auf dem Wertekatalog, der uns zu einer vorbildlichen, erfolgreichen und in sich intakten Nation gemacht hat. Frau Merkel und der CDU/CSU traue ich das nicht mehr zu, ihre Führungsschwäche machen uns angreifbar und für Geschwüre anfällig. Die FDB besitzt nicht den nötigen Nachhall.

    Herr Schulz fordert den Vertrauensvorschuss. Dem werde ich ihm gewähren und zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren die SDP wählen.

    Aber er wird sich an seinen Worten messen lassen müssen!

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