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#ichbinhier: Tausende Facebook-Aktivisten organisieren sich im Kampf gegen Hate Speech

Mit dem Hashtag gegen Hass im Netz: Die Gruppe #ichbinhier will mehr als 400.000 Mitglieder finden
Mit dem Hashtag gegen Hass im Netz: Die Gruppe #ichbinhier will mehr als 400.000 Mitglieder finden

Die Diskussion um Hate Speech in Social Networks reißt nicht ab. Nachdem Facebook bislang wenig erfolgreich gegen Hasskommentare vorgegangen ist, greifen einige Nutzer zur Selbsthilfe. Tausende organisieren sich in einer Gruppe, um der schlechten Diskussionskultur etwas entgegenzusetzen. Damit geht die ursprüngliche, von Beobachtern kritisierte Counter Speech-Strategie des Social-Media-Konzerns möglicherweise nachträglich doch auf.

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Halte dich möglichst zurück oder stell dich einfach dumm an, dann wird’s wer anders schon richten. So oder so ähnlich könnte über Monate Facebooks Motto im Kampf gegen so genannte Hate Speech im Netz gelautet haben. Quasi tatenlos sah das soziale Netzwerk dabei zu, wie mit dem Aufkommen der Flüchtlingskrise in Deutschland der Hass im Netz schwelte und die Kommentarspalten flutete. Der Erfolg eingeleiteter Maßnahmen, wie die Gründung einer Task Force oder Auftrag an die Bertelsmann-Tochter Arvato, gemeldete Kommentare zu bearbeiten, ist übersichtlich. Mehr noch: Die Art und Weise der Umsetzung sorgte für noch mehr Empörung.

Tausende Nutzer organisieren sich in der Gruppe #ichbinhier

Vielen Nutzern des sozialen Netzwerkes scheint es nun zu reichen. Sie wollen nicht mehr nur dabei zusehen, wie sich Facebook im Kampf gegen Hate Speech ratlos zeigt, sondern dem Hass aktiv etwas entgegensetzen. Tausende solidarisieren sich dafür mit einer Bewegung aus Schweden. Dort hat u.a. die Journalistin Mina Dennert im vergangenen Jahr die Gruppe #jagärhär gegründet, die seit einigen Wochen einen deutschen Ableger hat. Idee der geschlossenen Gruppe ist es, sich untereinander auf aus dem Ruder geratene Kommentarspalten aufmerksam zu machen und die Kommunikation an sich zu reißen. Mit der Unterschrift #ichbinhier wollen die Aktivisten den Verfassern von Hasskommentaren deutlich machen, dass ihrem Vorhaben etwas entgegengesetzt wird. „Weiterhin fordern wir dazu auf, einerseits Verfasser hetzerischer oder sexistischer Reaktionen bei Facebook zu melden und andererseits die guten Kommentare zu liken“, erklärt der Organisator Hannes Ley im Interview mit stern.de.

Prominente Unterstützer

Nachdem die Gruppe, die bereits im Dezember gegründet wurde, wochenlang weitgehend unentdeckt geblieben war, legt sie seit vergangener Woche extrem an Wachstum zu. Allein über das vergangene Wochenende wuchs #ichbinhier um mehr als 3.000 Mitglieder. Zahlreiche weitere scheinen auf die Aufnahme zu warten. Denn jeder Nutzer werde einzeln überprüft, um eine Unterwanderung durch Hetzer zu vermeiden, heißt es. Aktuell betrage die Wartezeit für die Aufnahme zwei bis drei Tage. Die Aktion erfährt auch prominente Unterstützung. So rief beispielsweise die ZDF-Journalistin Dunja Hayali, die sich bekanntermaßen gegen Web-Hetze engagiert, zum Beitritt der Gruppe auf. „Mit diesem Hashtag kann jeder zeigen: Ich stehe für Offenheit, für Respekt, für den konstruktiven Dialog. Man kann sich aktiv mit eigenen Kommentaren einmischen oder einfach die Argumente und Fakten anderer Mitglieder teilen. Es geht also auch um Präsenz und deutliche Signale“, schreibt die Journalistin, die sich selbst oft mit Hetze konfrontiert sieht.

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Counter Speech war erste und lange Zeit einzige Maßnahme von Facebook

Mit Hass gegen die eigene Person müssen auch Aktivisten von #ichbinhier rechnen, wie Organisator Ley weiter erklärt, der noch einmal die bereits umstrittene Lösch-Methodik von Facebook kritisiert: „Wir bekommen auch Drohungen, insbesondere die Frauen werden ganz schlimm per Privatnachricht angegangen und man wünscht ihnen Vergewaltigungen. Und dann meldet man das und erhält dann eine Nachricht, die sagt: (…) ‚Wir können hier keine hetzerischen Inhalte feststellen.‘ Und dann guckt man sich das Profil an und da laufen Leute mit einer Reichskriegsflagge herum.“

Dass Ley und die aktuell rund 9.000 Mitglieder der Gruppe jetzt selbst den Kampf gegen den Hass im Netz aufnahmen, liegt dabei durchaus im Interesse des sozialen Netzwerkes. Das hat nicht nur mit Hasskommentaren, sondern parallel auch mit Fake News und dem damit verknüpften Vorwurf zu kämpfen, falsche Nachrichten ungeprüft weiterzuverbreiten. Dass die Nutzer selbst dem Hass etwas entgegensetzen, war zudem erster und lange einziger Plan des Social Networks. Über Wochen versuchte der Konzern, die Mitglieder zur so genannten „Counter Speech“, also zur Gegenrede zu animieren – erfolglos.

#ichbinhier hat bislang wenig aktive Nutzer

Dass Counter Speech nun doch zahlreiche Anhänger findet, könnte im Vorgehen gegen Hass-Rede ein wichtiger Baustein sein. Dabei dürfte es vor allem darum gehen, einen längerem Atem zu beweisen als die Verfasser der ungewünschten Kommentare. Dafür braucht es wohl auch deutlich mehr, vor allem aktive, Unterstützer. Denn eigenen Angaben zufolge ist nur ein vergleichsweise geringer Teil der Gruppen-Mitglieder auch wirklich mitwirkend. „Ich schätze, wir haben 300 bis 400 wirklich aktive Leute. Davon sind 50 bis 100 Schreiber, die also richtige Kommentare schreiben, und der Rest sind „aktive Liker“, die durch ihre Likes die Kommentare nach oben pushen“, so Ley, der insgesamt noch sehr viel mehr Nutzer erreichen will. „Wenn in Schweden bei einer Bevölkerung von 5,5 Millionen 60.000 Menschen kommen, dann würde ich sagen, dass wir hier locker 300.000 bis 400.000 Mitglieder kriegen können. Das wäre echte Power.“

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