Hamburgs neue Tageszeitung und ihr ominöser Finanzier: Was sind die Motive hinter dem „Morgenblatt“?

„Morgenblatt“-Dummy, verstorbener Energie-Unternehmer Martin Kristek: von lokaler Presse „in schlechtes Licht gerückt“?
"Morgenblatt"-Dummy, verstorbener Energie-Unternehmer Martin Kristek: von lokaler Presse "in schlechtes Licht gerückt"?

Hamburg soll eine neue Tageszeitung bekommen. Mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren will das "Morgenblatt" am Kiosk einen Platz irgendwo zwischen Abendblatt, Morgenpost, Bild und Welt erlangen – oder die Konkurrenz ersetzen? Hinter der neuen Zeitung steht das umstrittene Energie-Unternehmen Care Energy und die Frage: Was sind die genauen Motive für dessen Einstieg in das Tageszeitungsgeschäft?

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Für den Hamburger Medienmarkt ist es die Nachricht der Woche: Die etablierten – und nicht gerade durchweg sorgenfreien – Tageszeitungen sollen neue Konkurrenz bekommen. Der bislang weitgehend unbekannte K EINS Verlag steht offenbar kurz vor dem Launch einer Zeitung namens Morgenblatt, wie am Dienstag das Fachmagazin DNV online berichtete. Dabei nannte das Portal einige Eckdaten des neuen Blattes und zählte auch die in der Branche bekannten Medienmacher Andreas Wrede als Chefredakteur und Martin Fischer, in beratender Funktion für die Vermarktung, auf. Ersterer arbeitete bereits für Bild, BamS, den Spiegel Verlag sowie die Verlagsgruppe Milchstraße und deren Lifestyle-Illustrierte Max, wo Fischer Vermarktungschef und Vorsitzender der Geschäftsführung war. Fischers letzte Station war die Geschäftsführung von IQ Media, dem Print-Vermarkter des Handelsblatt. Die Personalien also zeigen: Das Morgenblatt scheint etwas Ernsthaftes zu sein, mit Machern, die sich auskennen und sich nicht auf ein unkalkulierbares Abenteuer einlassen.

Doch eine große Frage ist vorläufig offen: Was genau sind die Motive des hinter dem K EINS Verlag stehenden Unternehmens Care Energy? Die Fachpresse rätselt. „Himmelsfahrtskommando? Abschreibungsobjekt? Luxushobby? Eine ganz subtile Form des Content Marketings?“, fragte beispielsweise Horizont. MEEDIA beschrieb das Marktpotenzial des Newcomers so: „Alles andere als ein Flop wäre definitiv eine Riesenüberraschung.“ Klarheit über die Intentionen des Verlags gibt es bislang keine, auch weil die Macher offenbar kein großes Interesse daran haben, sich mitzuteilen. Mehrere telefonische wie auch schriftliche Anfragen bezüglich weiterer Details sowie Stellungnahmen zu Vorwürfen, über die in diesem Artikel berichtet wird, blieben bislang unbeantwortet. Grund dafür könnte sein, dass Care-Energy-Gründer und -Geschäftsführer Martin Richard Kristek, überraschend am vergangenen Wochenende verstorben ist. Bislang ließ das Unternehmen nur mitteilen, den Betrieb weiterzuführen – auch das Projekt Morgenblatt, wie Horizont weiter berichtet.

Wer sich in der Hamburger Verlagswelt umhört, findet für den Einstieg in den Markt der Tageszeitungen Spekulationen über ein wenig kaufmännisches Motiv für das geplante neue Blatt: Von einem „kindischen Rachakt“ ist die Rede. Kristek habe der kritischen Presse etwas entgegensetzen wollen, um auch den wirtschaftlichen Druck auf die Verlagshäuser zu erhöhen. Denn Care Energy ist in den vergangen Monaten immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten. So wurde unter anderem über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung und Betrug berichtet, ebenso über zahlreiche unzufriedene Kunden, die auf Abschlussrechnungen oder Rückzahlungen warteten. Im Juli vergangenen Jahres hatte das Unternehmen zudem Ärger mit der Bundesnetzagentur, einen Monat später schaltete sich auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale ein und mahnte das Management wegen eines Vergleichsrechners für Tarife ab. Immer wieder und intensiv über das „Chaos-Energie-Unternehmen“ berichtete vor allem die Hamburger Morgenpost.

Martin Kristek und sein schwieriges Verhältnis zur Presse

In der Berichterstattung – und in allem andern – sah Kristek möglicherweise eine Bedrohung für seine geschäftlichen Aktivitäten. Wen der Unternehmer als etwaigen Schuldigen ausmachte, ist dabei nicht ganz klar. Während einer Pressekonferenz im vergangenem Jahr fluchte er – im Video dokumentiert – darüber, wie ein „Start-up“ in Deutschland nur so „beschissen“ behandelt werden könne. Ständig würde ihm „hinten reingetreten“ und „ein Prügel nach dem anderen“ vor die Füße geworfen. Von der Presse, besonders vom Hamburger Boulevardblatt, fühlte sich Kristek offensichtlich sich verfolgt. So zitierte die Mopo einmal seine Anwältin mit dem Vorwurf, dass die Zeitung versuche, sein Unternehmen „in ein schlechtes Licht zu rücken“. Bizarr: Trotz anhaltend kritischer Berichterstattung der Mopo und seiner öffentlich gemachten Abneigung gegen das Blatt buchte Kristek immer wieder großformatige Anzeigen. Nach Informationen von MEEDIA hat die Mopo nicht alle eingereichten Motive akzeptiert.

Dass die Hamburger Morgenpost „Zielscheibe“ beim Markteintritt des Morgenblatts sein sollte, legen Format und optische Gestaltung der bislang veröffentlichten Dummies nahe. So wirken die bei Facebook vorgestellten Seiten der Zeitung aus dem Hause DuMont verdächtig nachempfunden. Das Morgenblatt mit dem gestürzten Logo erscheint im Tabloid-Format und sieht auf den ersten Blick ein wenig aus wie eine Mopo in grün – allerdings ohne deren Boulevard-typische Layout-Elemente. Dass die Zeitung der Morgenpost aber offensichtlich nachempfunden ist, zeigen mittlerweile wieder aus dem Netz gelöschte Fotos, die MEEDIA vorliegen. Sie zeigen Dummy-Exemplare des Morgenblatt, in die Inhalte der Mopo 1:1 übernommen worden sind – darunter auch die Autorennamen. Offenbar gab es im Vorfeld bereits markenrechtliche juristische Auseinandersetzungen um den neuen Titel, in deren Verlauf die Mopo durchsetzte, dass die Ähnlichkeiten mit dem Hamburger Traditionsblatt nicht zu augenfällig sein dürfen.

Das Morgenblatt! Offizieller Start 06.02.2017Die neue Hamburger Tageszeitung || ehrlich unabhängig anders

Posted by Care Energy on Mittwoch, 18. Januar 2017

Mit einem Copypreis von 70 Cent soll das Morgenblatt nach dem Bericht von DNV Online 20 Cent günstiger am Kiosk liegen als die Morgenpost, und auch für Anzeigenkunden werden Dumping-Preise ausgerufen. So soll eine ganze Anzeigenseite laut Horizont lediglich 600 Euro kosten. Vergleichbare Anzeigen in der Morgenpost kosten mehr als das Zehnfache. Den günstigen Preisen entsprechend soll offensichtlich aber auch der Inhalt sein. Unter Berufung auf Gesellschafterkreise berichtet Horizont wolle man die Zeitung „effizient“ mit einem kleinen Redaktionsteam für Inhalte und Zulieferung durch Nachrichtenagentur dpa produzieren. Nach umfangreicher Berichterstattung mit vielen Reportagen und Interviews klingt das nicht. So bleibt abzuwarten, ob sich das Blatt – unabhängig der Motivation – mit einer Auflage von nur 50.000 Exemplaren im Falle eines Launchs jenseits von Marketingaktionen überhaupt eine signifikante Sichtbarkeit am Markt erreichen kann. Und angesichts der beträchtlichen wirtschaftlichen Risiken stellt sich weiter die Frage, ob das Projekt nach dem Tod des Firmenchefs tatsächlich ernsthaft weiter betrieben wird.

 

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