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„Gestern wurde die Amtszeit von Angela Merkel verlängert“: die Pressestimmen zum Gabriel-Rücktritt

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Die PR-Strategen der SPD hatten sich alles so schön ausgemalt. Doch dann leakte der stern-Titel („Der Rücktritt“) einen Tag zu früh und MEEDIA ließ die Polit-Bombe platzen. Seitdem rätseln, gewichten und analysieren Politiker, Berater und Journalisten, was die SPD- Rochade bedeutet. Gabor Steingart meint: „Gestern wurde die Amtszeit von Angela Merkel verlängert“. Spiegel Online schreibt trocken „Rums“ (sic) und die Zeit meint: „Im direkten Vergleich mit Angela Merkel dürfte Schulz eher punkten.“

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Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart schreibt in seinem Morning Briefing: „Nach außen sieht alles nach einem freiwilligen Rückzug des Parteichefs aus. Doch wir sollten uns nicht täuschen lassen. In ihrer nunmehr über 150-jährigen Geschichte hat die SPD eine große Fingerfertigkeit darin entwickelt, Morde wie Unglücke aussehen zu lassen. Von Brandt über Schröder bis zu Müntefering sind die Vorsitzenden immer freiwillig gesprungen – nachdem man ihnen zuvor den Weg abgeschnitten hatte. Die SPD weiß nicht, wie man Wahlen gewinnt, aber sie weiß, wie man den eigenen Chef um die Ecke bringt.“ In seiner Analyse kommt Steingart zu dem Schluss: „Gestern wurde die Amtszeit von Angela Merkel verlängert.“

Im gleichnamigen Morning Briefing des Spiegels beschreibt der Stellvertretende Chefredakteur wie man gestern – auf der Feier zum 70. Spiegel-Geburtstag in Berlin mit der Kanzlerin zusammensaß. Auf einmal sei noch Sigmar Gabriel als „zweiter Überraschungsgast“ vorbeigekommen. „Merkel redete noch eine Weile, leider kann ich hier nicht schreiben, was sie gesagt hat, weil für diesen Abend Vertraulichkeit vereinbart war. Da bitte ich um Verständnis. Dann redete Gabriel, der Mann, für den ein Lebenstraum zerplatzt ist, weil seine Aussichten, gewählt zu werden, nach allen Umfragen schlecht stehen. Deshalb hat er das Feld geräumt. Merkel hörte ihm interessiert zu. Sie wusste, dass es ihm besonders schwer fallen würde, den Parteivorsitz aufzugeben, weil sie ihn als leidenschaftlichen SPD-Chef erlebt hatte.“

Bei Spiegel Online fasst Florian Gathmann den medialen Überraschungscoup von Siegmar Gabriel in einem Wort zusammen: „Rums“ (sic). Er schreibt: „Rums. Der Parteichef höchstpersönlich hat den Zeitplan über den Haufen geworfen. Seinen Zeitplan. Ein Beweis für Gabriels Macht hätte er sein sollen. Nun ist der abrupte Abschied davon der letzte Beweis für die Art und Weise, wie Gabriel seine Partei mehr als sieben Jahre lang oft geführt hat: eigenmächtig.“

In der Zeit analysiert Lisa Caspari: „Alle Augen richten sich jetzt auf Martin Schulz. Der ehemalige Präsident des europäischen Parlaments gilt seit seinem Wechsel nach Berlin als ein Kanzlerkandidat der Herzen. Schulz ist eloquent, er kann zuspitzen und dabei einprägsam lustig sein, er ist ein glühender Proeuropäer und vor allem ein innenpolitisch unbelasteter Kandidat.“ Weiter schreibt sie: „Im direkten Vergleich mit Angela Merkel dürfte Schulz eher punkten als Sigmar Gabriel. Und die SPD-Basis wird sicher motivierter für Schulz kämpfen als für Gabriel.“

 

Für die FAZ zeichnet Michael Hanfeld noch einmal die Entwicklungsgesichte der Rücktritts-Meldung nach: „Um 14.34 Uhr dann hatte der Branchendienst „Meedia“ erspäht, womit das Magazin „Stern“ seine nächste Ausgabe aufmacht, die nicht erst am Donnerstag, sondern einen Tag früher kommt als sonst: „Der Rücktritt. SPD-Chef Sigmar Gabriel über seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur, seinen Nachfolger, seine Vorwürfe gegen Merkel und sein neues privates Glück.“ Weiter heißt es: „Da hatte der erste Sozialdemokrat seine Geschichte also einem Magazin seine Entscheidung verraten, auf welche die Genossen seit Monaten warten und die erst am Dienstagabend offiziell werden sollte.“

Ebenfalls in der FAZ erinnert Majid Satttar daran, dass Gabriel bereits vor über einem Jahr, am Rande des Rückzuges stand: „Es ist ein Rücktritt mit 13 Monaten Verspätung. Sigmar Gabriel saß im Dezember 2015 auf der Bühne der Parteitagshalle in Berlin und musste von der engeren SPD-Führung davon abgehalten werden hinzuschmeißen. 74 Prozent hatte er in seiner Wiederwahl zum Parteivorsitzenden bekommen. Eine Schmach. Zumal es keine organisierte Aktion eines Parteiflügels oder mehrerer Landesverbände war.“ Für den politischen Journalisten ist der gesamte Vorgang „Wieder eine Sturzgeburt“.

Die Süddeutsche Zeitung beschäftigt sich schon einmal mit Martin Schulz. Für Nico Fried ist er, der „erste Mann gegen den Abstieg der SPD“: „Martin Schulz ist in der SPD beliebt, weil er authentisch wirkt. Der Buchhändler aus Würselen, der mit den Großen der Welt am Tisch saß und keinen falschen Respekt zeigte – eine Erfolgsgeschichte. Schulz kann Angela Merkel freier angreifen, weil er der großen Koalition nicht angehört. Er kann den Sozialdemokraten neues Selbstbewusstsein geben, wenn es ihm gelingt, seine Leidenschaft, die ihn als Europäer auszeichnete, auf die Partei umzuleiten.“

Die Bild geht zum einen der Frage nach, was der Rücktritt bedeutet, erklärt, warum man sich vor Wochen bereits für Gabriel als Kanzlerkandidat der SPD festgelegt hätte und lässt Franz Josef Wagner noch einen Brief an den scheidenden Parteichef schreiben. Darin heißt es: „Sigmar Gabriel ist, wenn man so will, ein neuer, ein besonderer Mann. Er hat die Stärke zu sagen, dass es einen Besseren gibt als ihn. Welche Kraft braucht man dafür, sich das selbst einzugestehen? Ich finde es großartig.“

Die taz ist ebenfalls zufrieden und schreibt von einem „starken Abgang“. Weiter heißt es im Kommentar von Chefredakteur Georg Löwisch: „Wenn sich einer für eine gefühlige, flatterige und reizbare Partei wie die SPD abgerackert hat. Wenn er dabei selber immer gefühliger, flatteriger und reizbarer geworden ist. Wenn er sieben Jahre und zwei Monate alles ausgehalten hat, was so auf die Sozialdemokratie einprasselt. Wenn er dann den letzten Schritt nicht tut, der ihm nach Parteibräuchen zustünde, nämlich die Kanzlerkandidatur: Dann ist das groß.“

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