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Christian Krug über seinen Gabriel-Scoop: „Es gab schon schlechtere Tage für stern-Chefredakteure“

Mit seiner Titelgeschichte „Der Rücktritt“ gelang stern-Chef Christian Krug der erste Überraschungs-Scoop des Wahljahres
Mit seiner Titelgeschichte „Der Rücktritt“ gelang stern-Chef Christian Krug der erste Überraschungs-Scoop des Wahljahres

Es ist der Überraschungs-Scoop des Wahljahres: Mit seiner Titelgeschichte „Der Rücktritt“ überrumpelte der stern nicht nur das politische Berlin, sondern auch fast alle Hauptstadt-Journalisten. Das Exklusiv-Interview zum Verzicht Sigmar Gabriels auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz schlug hohe Wellen. Gegenüber MEEDIA erklärt stern-Chefredakteur Christian Krug, wie es zu der Cover-Story kam.

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Mit dem exklusiv-Interview mit Sigmar Gabriel über seinen Rücktritt als Kanzlerkandidat und SPD-Chef hat der stern einen bundesweit enorm beachteten Scoop gelandet. Wie es kam dazu?
Christian Krug: Es war wie ein Marathonlauf über mehrere Monate, mit vielen Begegnungen und Gesprächen, Telefonaten und zahllosen SMS-Dialogen – und kurz vor dem Ziel wurde es dann noch sehr knapp. Der Zeitplan für die Veröffentlichung am Dienstag war mit Gabriel abgestimmt, er wollte zunächst seine Gremien informiert haben, bevor wir mit einer Vorab-Meldung zu dem Gespräch herauskommen. Der Plan wurde dann aber gehörig durcheinandergewirbelt, als zunächst MEEDIA gegen 14.40 Uhr mit einer entsprechenden Meldung unser Cover zeigte. Sie wissen selbst am besten, woher diese Materialien kamen – jedenfalls nicht von uns. Als kurz nach 15.00 Uhr die Zeit mit ihrer Meldung kam, hob Gabriel die mit uns vereinbarte Sperrfrist auf. Das war übrigens kurz nachdem er die Bundestagsfraktion informiert hatte.

„Journalismus ist noch immer ein people’s business“

Warum hat sich Gabriel gerade Ihnen bzw. dem stern anvertraut. Wie kam der Kontakt zustande?
Daran zeigt sich eben, dass Journalismus zum Glück immer noch ein people’s business ist. Ich habe Sigmar Gabriel als jemanden kennen gelernt, der tatsächlich Nähe zu anderen Menschen sucht und dann auch bereit ist, sich persönlich zu öffnen.

Wie baut man genügend Vertrauen und Nähe auf, damit eine solche Zusammenarbeit möglich ist?
Erstmal gibt es eine klare Rollenverteilung: Er ist der Politiker, der vielleicht eine Botschaft verbreiten will; ich bin der Journalist, der Interesse an einer Geschichte hat. Innerhalb dieses Rahmens muss man fair miteinander umgehen – zum Beispiel, indem man Absprachen trifft und diese einhält, was wir bis zuletzt getan haben.

In ihrem Editorial beschreiben Sie, dass Gabriel erstmals am 5. November, auf einem Flug von Hongkong nach Berlin mit Ihnen über seinen Pläne sprach, nicht als Kanzlerkandidat der SPD im Bundestagswahlkampf anzutreten. Aus dieser Information ergeben sich gleich mehrere Fragen. Zum Beispiel: Wie erklären Sie sich, dass es noch Monate dauerte, bis Gabriel in der SPD die Bombe wirklich platzen ließ?
Er sagte mir anfangs, dass er sich mit dem Gedanken trägt, auf eine Kandidatur zu verzichten. Aber er lebt als SPD-Vorsitzender und Vizekanzler nicht im luftleeren Raum, und es ging ja auch nicht um ihn allein. Die Frage seiner Nachfolge in den verschiedenen Ämtern war zu klären, ebenso wie die nicht ganz unwichtige Frage der Gauck-Nachfolge, die er zugunsten der SPD regeln wollte. Er spürte eine große Verantwortung und auch eine Verpflichtung, die Dinge so zu regeln, dass seine Partei oder die Regierung keinen Schaden nehmen. Mein Eindruck war, dass er es sich selbst nicht leicht gemacht hat mit dieser Entscheidung. Der Abschied vom großen Traum, Kanzlerkandidat zu werden, ist ihm sehr schwer gefallen.

Und auch, dass Gabriel im Januar im Spiegel noch den Eindruck erweckte, dass er doch kandidiere?
Welchen Eindruck die Spiegel-Kollegen hatten und wie sie zu ihren Einschätzungen kamen, kann ich wirklich nicht beurteilen. Manchmal sind die Dinge nicht so klar, wie sie uns Journalisten auf den ersten Blick erscheinen.

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Hätten der stern, aber auch die Zeit, mit der der Politiker wohl auch schon länger im Gespräch war, nicht damals schon sagen müssen, dass Gabriel wohl nicht kandidieren werde?
Für die Zeit kann ich nicht sprechen, aber die Antwort zu Ihrer Frage liegt im „wohl nicht kandidieren werde“. Es wurde so unglaublich viel spekuliert zum Thema SPD-Kanzlerkandidatur, daran wollten wir uns ganz sicher nicht beteiligen. Die Geschichte ging in Druck, als sich Gabriel ganz sicher war und die allerletzten internen Gespräche geführt hatte.

Ab wann war klar, dass Gabriel am heutigen Mittwoch im stern seinen großen medialen Aufschlag haben würde?
Das war erst am vergangenen Sonntag klar, nach meinem letzten Treffen mit Sigmar Gabriel in Goslar. Bis dahin wusste ich nicht genau, wie er sich letzten Endes entscheiden würde. Er hatte ja, wie gesagt, auch intern Einiges zu klären. Die Vorbereitungen für den vorgezogenen Erscheinungstermin mussten wir allerdings schon in der vorigen Woche auf Verdacht treffen. Das haben wir in Abstimmung mit dem Verlag auch getan.

„Es gab schon schlechtere Tage für stern-Chefredakteure als den gestrigen Dienstag“

Wie muss man sich die Planung einer solchen Aktion vorstellen. Reden dann die ganzen SPD-Spin-Doktoren mit?
Nein, da hat niemand mitgeredet, jedenfalls soweit ich das beobachten konnte. Ich hatte immer nur mit Sigmar Gabriel direkt zu tun. Er ist ja bekannt, zuweilen auch gefürchtet, für seine Alleingänge. Das war nach meinem Eindruck eine Sache, die er zunächst ganz allein mit sich und seiner Frau, dann mit einigen wenigen Vertrauten abgemacht hat.

Sind Sie eitel? Wie viel Genugtuung verschafft es Ihnen, wenn der stern mit seiner exklusiven Rücktritts-Story richtig liegt und nicht die Bild mit ihrer „Gabriel hat sich entschieden – er macht’s“-Zeile oder der Spiegel mit seiner Deutung des Neujahr-Interviews von Gabriel?
Es ging weder um Eitelkeit noch um Genugtuung dabei, aber es ist ganz sicher besser, mit einer Geschichte so ins Schwarze zu treffen, als sich hinterher für eine falsche Exklusiv-Meldung entschuldigen zu müssen. Es gab schon schlechtere Tage für stern-Chefredakteure als den gestrigen Dienstag.

In der Wahrnehmung vieler ist der stern eine große Wundertüte, aber nicht in erster Linie das große politische Enthüllungsmedium. Wie wollen Sie den stern im Wahljahr 2017 positionieren?
Ist das die Wahrnehmung vieler oder nur die Wahrnehmung vieler Medienjournalisten? Der stern war und ist in seiner ganzen Themenbreite immer auch ein politisches und gesellschaftspolitisches Magazin, und daran habe ich auch nichts geändert, seit ich die Redaktion leite. Wir leben in politisch bewegten Zeiten, und das nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Und so haben wir allein in den vergangenen zwölf Monaten immerhin sechsmal Trump auf den Titel gehoben, zudem mehrere Titel zu den aktuellen deutschen Politikthemen produziert. Wir spüren auch bei unseren Leserinnen und Lesern ein gestiegenes Interesse an diesen Themenfeldern, und wir stehen vor einem spannenden Wahljahr mit möglicherweise weitreichenden Entscheidungen. Und das werden wir natürlich weiter aufmerksam begleiten.

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