Brain Drain bei Bauer: Warum Closer-Chefredakteur Tim Affeld dem Verlag den Rücken kehrt

Bauer-Geschäftsleiter Jörg Hausendorf, Chefredakteure Stefan Westendorp, Tom Junkersdorf, Tim Affeld (v. li. nach re.): drei prominente Abgänge in kurzer Zeit
Bauer-Geschäftsleiter Jörg Hausendorf, Chefredakteure Stefan Westendorp, Tom Junkersdorf, Tim Affeld (v. li. nach re.): drei prominente Abgänge in kurzer Zeit

Erst wurde Tom Junkersdorf (jetzt Condé Nast) gegangen, jetzt wechselt Tim Affeld zum Konkurrenten Klambt: Die Bauer Media Group verliert in kurzer Zeit zwei Koryphäen im Boulevard-Segment. Vor einem Jahr hatte sich der Verlag nach 16 Jahren von TV Movie-Chefredakteur Stefan Westendorp getrennt. Der Brain Drain bei Bauer ist unverkennbar – auf Deutschland-Chef Jörg Hausendorf kommen schwere Zeiten zu.

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Noch ist das Dschungelcamp in vollem Gange, da nimmt sich Closer-Chefredakteur Tim Affeld in der heutigen Ausgabe bereits das nächste RTL-Highlight vor: die Dating-Show „Der Bachelor“. Mehrere TV-Junggesellen vorheriger Staffeln sollen im großen Test bewerten, welche der neuen 22 Anwärterinnen die besten Aussichten auf den neuen Rosenkavalier Sebastian Pannek haben. „Wir baten seine Vorgänger Paul Janke, Jan Kralitschka und Leonard Freier, die neuen Kandidaten schon einmal unter die Lupe zu nehmen“, lockt der Boulevard-Journalist in seinem Editorial die Leser. Dann noch ein paar Geschichten über den Gesundheitszustand von Rennfahrer Michael Schumacher, ein Zoff zwischen TV-Millionärin TV Carmen Geiss und Ex-Tennis-Legende Boris Becker sowie die „Promille-Fahrt“ von Florian Silbereisen, Freund des Schlagerstars Helene Fischer. Stories wie diese sind die üblichen Zutaten, die die Rezeptur des wöchentlichen Peoplemagazins Closer ausmachen und ein besonderes Händchen für die bei der Leserschaft gefragtesten News erfordern.

Damit ist nun bald Schluss. Tim Affeld gibt nach drei Jahren die Chefredaktion bei Bauers Promi-Postille ab. Der 46-Jährige nimmt seine langjährige Vize-Chefin Julia Wöltjen gleich mit. Für den Hamburger Verlag mit der größten geballten Reichweite im Magazingeschäft ein schwerer Doppelschlag. Denn die beiden Zeitschriftenmacher sind gleichzeitig auch für InTouch sowie Intouch Style verantwortlich. Sie wechseln zum Hamburger Konkurrenten Klambt, um dort in gleicher Funktion für die Weeklys In und OK! zu arbeiten.

Von dem prominenten Wechsel wird Bauer förmlich überrumpelt. Öffentlichkeitswirksam streut Klambt-Verleger Lars Rose den Personalcoup. Diskret hatte der Unternehmer den Deal mit Affeld und Wöltjen über Wochen eingefädelt. Am Dienstag meldet er nun Vollzug. Die Bauer-Presseabteilung wird kalt erwischt und kann wenig dagegen tun, dass in der Branche der Eindruck entsteht, dass das eigene Haus für hochkarätige Chefredakteure kein gutes Pflaster mehr ist. Dies liegt auch daran, dass Verlegerin Ivonne Bauer und Deutschlandchef Jörg Hausendorf aus dem Stand keine neue Führungsspitze für ihre beiden Boulevard-Blätter parat haben oder zumindest diese nicht der Medienöffentlichkeit präsentieren können. Sie werden deshalb Affeld und Wöltjen wohl auch nicht vor dem vereinbarten 1. Juni ziehen lassen, heißt es in Unternehmenskreisen. Klambt-Verleger Rose muss sich also noch einige Monate gedulden. Er wird das mit Fassung tragen, ist ihm als deutlich kleinerer Wettbewerber doch ein Personalcoup gelungen.

Mit Affeld verliert der Bauer-Verlag bereits einen zweiten Boulevard-Granden in kurzer Zeit. Zunächst kehrt nach dem Aus des Celebrity-Magazins People dessen Chefredakteur Tom Junkersdorf Bauer den Rücken oder umgekehrt, je nach Lesart. Der Verlag, heißt es, habe damals zwar weiter an dem profiliertesten Magazinentwickler im Haus festhalten wollen, um von seiner Kompetenz als Boulevard-Journalist zu profitieren. Doch es fehlt nach der Einstellung von People wohl an einer konkreten Aufgabe, einer Perspektive und vielleicht auch am Geld, das man in eine hochbezahlte Führungskraft ohne aktuelle Einbindung ins operative Heft-Business nicht weiter investieren wollte. Bei Bauer war der Abgang von Junkersdorf intern dem Vernehmen nach nicht unumstritten, die Entscheidung, ohne den erfahrenen mehrfachen Chefredakteur weiterzumachen, oblag dem zuständigen Geschäftsführer Jörg Hausendorf, der den Blattmacher offenkundig letzlich für verzichtbar hielt.

Junkersdorf dockte nach einer Auszeit schließlich beim renommierten Magazin-Verlag Condé Nast an. Als neuer Chefredakteur von GQ ist er seit Anfang Januar wieder im Geschirr. Jetzt folgt Affeld, der ausgerechnet zum Konkurrenten Klambt geht. Der Journalist gilt in der Welt der Schönen, Reichen und gescheiterten Show-Sternchen als bestens vernetzt. Jahrelang ist er stellvertretender Ressort-Chef bei der Gala, drei Jahre später wird er Stellvertreter von Intouch-Chefredakteurin und Verlegertochter Nicola Bauer, bevor er seit 2014 zusätzlich Closer geführt hat. Junkersdorf und Affeld sind nicht die einzigen prominenten Abgänge der jüngeren Vergangenheit. Im Februar vergangenen Jahres gab Bauer die Demission des langjährigen TV Movie-Chefredakteurs Stefan Westendorp bekannt, im gleichen Zug verlor dessen siebenköpfigen Führungsmannschaft ihren Job beim Marktführer unter den Premium-Programmies. Sechzehn Jahre lang war der Journalist als Chefredakteur auch extern eine Instanz in seinem Metier gewesen. Schon damals waren die Schlagzeilen der Branchenmedien für Bauer wenig schmeichelhaft. „Westendorp raus: Bauer spart sich TV Movie-Chef“, titelte etwa der Fernsehdienst DWDL. 

Jetzt muss sich Bauer-Konzerngeschäftsführer Hausendorf zuvorderst nach einem Ersatz für Affeld und seine Vize-Chefredakteurin umschauen. Keine leichte Aufgabe für den Medienmanager. Denn der Markt für gute Führungskräfte im People-Segment ist dünn besetzt und hart umkämpft. Und die Wahl eines Kandidaten aus der eigenen zweiten Reihe für die Chefredaktion beider Titel kann sich das Medienhaus an der Burchardstraße eigentlich nicht leisten. Was das norddeutsche Unternehmen jetzt benötigt, ist ein personeller Mega-Coup. Ansonsten drohen die Blätter, die am Kiosk schon bessere Tage gesehen haben, weiter an Boden zu verlieren. Denn die Auflage von Closer und InTouch kennt seit Jahren nur eine Richtung: abwärts. Anfang 2015 verkaufte Closer noch 186.561 Stück. In den folgenden Jahren gibt das Magazin weiter ab. Vor allem im 3. Quartal 2016 beschleunigt sich die Talfahrt. Zu dem Zeitpunkt zählt das Klatschblatt noch 164.281 Exemplare, ein Quartal später rutscht das Heft abrupt um 41.481 Hefte weiter auf 122.800 ab.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei InTouch. Anfang 2015 verkauft das Magazin noch 209.600 Stück, dann rauscht es zum Jahresende deutlich runter. Im 4. Quartal sind es nur noch etwas mehr als 158.000 Hefte – ein ernstzunehmendes Probem für den Bauer-Verlag, der strategisch weiterhin als vertriebsorientiertes Printhaus gilt und mit gezielter Marktforschung versucht, den Absatz seiner Produkte zu steigern. Doch das Familienimperium merkt, dass die glanzvollen Zeiten auflagenstarker Massentitel vorbei sind. Zunehmend muss sich das Unternehmen mit Nischen-Produkten und kleineren Auflagen begnügen. Die Segmentierung werde weiter zunehmen, erläutert Hausendorf jüngst folgerichtig in einem Interview.

Angesichts dieses Markttrends geriet auch Closer-Macher Affeld unter Druck. Doch der Journalist gilt nicht als ein Mann, der sich vor Herausforderungen drückt. Er will stärker gestalten, agieren. Doch ein wachsender Kostendruck, so heißt es aus dem Umfeld des scheidenden Chefredakteurs, habe das journalistisches Tun bei dem Titel zunehmend behindert. „Das Arbeitsklima bei Bauer hat ihm zuletzt immer weniger zugesagt“, erklärt ein Insider die Motive für den anstehenden Wechsel zur Konkurrenz. Eine auf den Redaktionsfluren kursierende Erklärung: Affeld wolle nicht länger unter der Knute von Kostenoptimierern stehen. So würden die Ressorts Foto sowie Fashion & Beauty der Titel bereits gemeinschaftlich geführt, lediglich die Ressorts People und Grafik seien noch getrennt, um zu gewährleisten, dass die Medienmarken voneinander unabhängig arbeiten. Affeld selbst hat sich in der Angelegenheit bislang nicht geäußert.

Nun sucht der Chefredakteur bei Klambt eine neue Herausforderung, um sein Talent als Boulevard-Macher unter Beweis zu stellen. Dazu soll ihm Verleger Lars Rose mehr Freiheiten und finanziellen Gestaltungsraum ermöglicht haben. Dies scheint auch nötig. Denn auch In und OK! plagen Auflagenprobleme. Eine Wende an der Verkaufsfront herbeizuführen, dürfte die erste Aufgabe des neuen Klambt-Manns sein. Schafft er es, könnte ihm Verleger Lars Rose noch größere Aufgaben übertragen. Damit bekommt der ehemalige Lokalredakteur beim Hamburger Abendblatt bei Klambt die Möglichkeit, in seinem weiteren Berufsleben noch einmal richtig durchzustarten. Eine Chance, die Tim Affeld bei Bauer wohl nicht mehr gesehen hat.

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Alle Kommentare

  1. Willkommen beim in Grund und Boden gesparten Klambt Verlag, Kollege Affeld! Wo Vetternwirtschaft das einzig Wirtschaftliche und Sozialterrorismus an Mitarbeitern oberste Maxime ist.

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