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Bild-Chefin Tanit Koch: „Wir machen einfach unseren Job. Dazu brauchen wir keine Fact-Checker bei Facebook“

Springer-Führungskräfte Mathias Döpfner, Tanit Koch, Gastredner Ertugrul Özkök: Medien als Krisengewinner
Springer-Führungskräfte Mathias Döpfner, Tanit Koch, Gastredner Ertugrul Özkök: Medien als Krisengewinner

Axel Springer feiert sich, die Tageszeitung und die Pressefreiheit. In Berlin trafen sich die Verlags-Vertriebsprofis zum Kick-off-Event von Sales Impact. Neben den anstehen Grosso-Neuverhandlungen treibt die Zeitungs-Macher derzeit so allerhand um: die Sorgen um Trump, der sich anbahnende Kulturkampf der Medien, die Verteidigung der Pressefreiheit oder die Rolle der Presse im Bundestagswahlkampf.

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Die vergangenen Tage zeigen anschaulich, in welchen Spanungsfeld sich die Zeitungen derzeit befinden. Am Freitag hatte die IVW die neuen Verkaufszahlen für das vierte Quartal des abgelaufenen Jahres veröffentlicht (weite Teile der Branche müssen kräftige Verluste hinnehmen), und Donald Trump hat nur einen Tag später den Medien kurz gesagt den Krieg erklärt. Beide Themen-Komplexe dürften das gerade angebrochene Jahr beherrschen. Auch wenn beide Negativ-Meldungen auf den ersten Blick so unterschiedlich erscheinen, sind sie doch miteinander verwoben.

Denn, wie Bild-Chefin Tanit Koch in ihrer Keynote über die „Zeitung im Wahljahr 2017“ hervorhob, könnten die Medien gerade jetzt zu den „Krisengewinnern“ werden. „Im Brexit-Monat stiegen die Print-Verkäufe in England um mehrere Millionen, und nach dem Trump-Sieg stiegen die Digital-Abos in den USA massiv.“ Deshalb fordert die Nachfolgerin von Kai Diekmann als Print-Chefredakteurin wieder viel mehr Selbstbewusstsein in der Branche. Wenn sie zur Zeit die Berichterstattung über Medien lese, fingen die Artikel meist mit „A wie Auflagenrückgang an und enden mit Z wie Zeitungskrise“.

Ihre Grundsatzrede wurde, wie kaum anders bei einem solchen Event zu erwarten, eine regelrechte Ode an das Gedruckte, die mit ein paar Nadelstichen in Richtung Facebook gespickt war. So hält Koch Fake-News für einen alten Hut: „Zeitungen sind im Umgang mit Fake-News seit Jahrzehnten geschult. Wir werden im Wahljahr einfach unseren Job machen. Dazu brauchen wir auch keine Fact-Checker bei Facebook.“

Um die Auflagenverluste zu begrenzen, braucht es allerdings nicht nur guten Journalismus, sondern auch mal wieder Investition in Print. Diese forderte Grosso-Chef Frank Nolte in seinem Grußwort. Immerhin würde die Bild so gut liegen, wie nie zuvor (im Handel). Sein Kommentar zum Verkaufsminus: „Am Vertrieb liegt es nicht.“ Dass die Verkäufe dennoch in ungebremstem Tempo einbrechen, beschäftigt die Strategen des Medienhauses bereits seit geraumer Zeit.

Springer-Chef Mathias Döpfner sagte in seiner Rede, dass der Zeitungsjournalismus für eine offene, freiheitliche Gesellschaft essentiell sei. Daher dürften die wichtigsten Eigenschaften des Pressevertriebssystems nicht in Frage gestellt werden. Überall in Deutschland müssen die Menschen täglich Zugang zu einem vielfältigen gedruckten Presseangebot haben: „Gemeinsam mit dem Grosso werden wir weiter für dieses Ziel eintreten.“

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Trump als Herausforderung für den Journalismus: „Es mehren sich die Anzeichen, dass es auch hier ungemütlich wird“

Bei aller Begeisterung für das Gedruckte – Tanit Koch sagte natürlich auch, dass gut gemachter Journalismus nicht auf Print oder Digital begrenzt sei, sondern sich ergänze. Das wird ihr Kollege, Bild-Digital-Chef Julian Reichelt, gerne hören. Nach Koch sprach er mit Ertugrul Özkök (ehemaliger Hürriyet-Chefredakteur), Jörg Quoos (Chef der Funke-Zentral-Redaktion) und Welt-Chef Ulf Poschardt über Demokratie und Pressefreiheit.

Der Ex-Hürriyet-Chef befürchtet, „dass gerade überall auf der Welt die Pressefreiheit angegriffen wird.“ Dem stimmt Quoos zu und sagt deshalb voller Engagement: „Es mehren sich die Anzeichen, dass es auch hier ungemütlich wird. Wir müssen auch mal die Rüstung anziehen und uns wehren. Dann ist mir der folgende Shitstorm im Netz auch scheißegal.“ Poschardt hält Trump für eine große Herausforderung und Chance für den Journalismus. So würde er seit Tagen in den Themenkonferenzen sagen: „Bitte nicht noch was über das Dschungelcamp. Das kostet uns Reichweite. Die Leute wollen Politik.“

Gleichzeitig macht Reichelt noch eine weitere Front auf: zu geringe Investitionen in die Redaktionen. So sagt der Bild-Digital-Chef: „Journalismus hat mit den sinkenden finanziellen Mitteln in seiner Relevanz abgenommen.“ Sein Appell an die Werbewirtschaft deshalb: „Es ist für uns wichtig, dass Anzeigengelder bei uns investiert werden und nicht bei Amazon und Google.“

Aus leidvoller Erfahrung weiß Özkök jedoch: „Die wichtigste Waffe eines Staats gegen die Medien haben Trump, aber auch Ungarn oder Polen noch nicht gefunden: das Finanzministerium.“

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