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Bertelsmann und die enttäuschten Wachstumsfantasien: Nur der Gang an die Börse brächte den Konzern voran

Bertelsmann-CEO Thomas Rabe
Bertelsmann-CEO Thomas Rabe

Bertelsmann steht vor einem Milliardendeal in der Buchbranche. Der RTL-Eigner will – wohl mit Hilfe eines Investors – den weltgrößten Buchverlag Penguin Random House ganz schlucken. Doch das Geschäft dürfte nichts daran ändern, dass Konzernherr Thomas Rabe mit seiner derzeitigen Expansionsstrategie weiterhin kaum Anschluss an Weltkonzerne wie Alphabet, Comcast oder Walt Disney finden wird. Eine Analyse

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Zum Finanzinvestor KKR hat Bertelsmann-Chef Thomas Rabe gute Drähte. Zeitweise war der US-Fonds Mehrheitspartner beim Musikverlag BMG, Bertelsmann hingegen nur Minderheitsgesellschafter – bis 2013. Dann kauft der gebürtige Luxemburger dem Private Equity-Investor die Anteile ab. Auf einen Schlag ist Rabe wieder alleiniger Herr im Haus. „Wir holen die Musik zurück in den Konzern“, so der Bertelsmann-Chef damals.

Jetzt könnte erneut das Telefon bei KKR klingeln – diesmal geht es um die weltweite Buchverlagsgruppe Penguin Random House. Denn der britische Bildungskonzern Pearson braucht Geld, da sein Hauptgeschäft schlechter als erwartet läuft. Der Aktienkurs war am Mittwoch vergangener Woche zwischenzeitlich um 30 Prozent eingebrochen, nachdem die Briten zum fünften Mal in vier Jahren ihre Gewinnziele korrigieren mussten. Nun zieht Pearson bei Penguin Random House die Exit-Option. Sie wollen ihre 47 Prozent an dem Unternehmen versilbern. RTL-Eigner Bertelsmann steht bereit, die Anteile zu schlucken.

Doch der Deal ist teuer. Auf rund 1,2 bis 1,6 Milliarden Euro wird der Wert der Buchbeteiligung in Branchenkreisen taxiert. Daher scheuen sich die Gütersloher das Geschäft alleine durchzuziehen. Wie aus Bertelsmann-Kreisen zu hören ist, will Rabe hier einen Finanzpartner an Bord holen. Von KKR ist in Gütersloh die Rede. Denn Bertelsmann sei bereit, seinen Anteil nur auf bis zu 75 Prozent aufzustocken. Der Rest soll bei einem PE-Investor geparkt werden. Zu einem späteren Zeitpunkt – ähnlich wie bei BMG – würde Bertelsmann dann die verbliebene Anteile übernehmen. Damit schont Rabe die Konzernkasse. Bertelsmann will sich dazu nicht äußern.

Für Rabe kommt der Ausstieg von Pearson bei Penguin Random House gelegen. Öffentlichkeitswirksam könnte er am 28. März verkünden, dass die Gütersloher ihre Position bei dem Buchverlag ausbauen werden. Dann findet die alljährliche Bilanzpressekonferenz statt. Ein guter Zeitpunkt, um weitere Einzelheiten zu dem Mega-Deal preiszugeben. Und zudem eine willkommene Möglichkeit für Rabe, um von seinen eher übersichtlichen Wachstumsaussichten abzulenken. Denn die Anteilerhöhung bei dem Buchverlag bringt dem Medienriesen wenig. Rabe hat den Umsatz der Publikumsverlagsgruppe längst vollkonsolidiert. Das Unternehmen verlegt bekannte Autoren wie Ken Follett, John Grisham oder Jojo Moses.

Damit ist klar: Trotz des demnächst wohl anstehenden milliardenschweren Buch-Deals schafft es der Vorstandschef weiterhin nicht, den Anschluss an die Weltspitze im Mediengeschäft zu schaffen. Im Geschäftsjahr 2015 erzielten die Gütersloher weltweit einen Umsatz von rund 17,14 Milliarden Euro. Damit spielt das ostwestfälische Familienunternehmen – trotz seiner weiterhin erstaunlich renditestarken Fernsehgruppe RTL Group – im internationalen Geschäft eher eine untergeordnete Rolle. Unverändert bestimmen vor allem US-Medienkonzerne weiterhin das globale Geschäft – darunter die Google-Holding Alphabet mit einem mehr als 67,5 Milliarden Euro in 2015, Comcast mit 67,1 Milliarden Euro, Walt Disney mit 47,28 Milliarden Euro – und so weiter. Erst an 11. Stelle – weit hinter News Corp, AT & T, Time Warner, Viacom, Sony, Apple – findet man die Gütersloher im Ranking wieder. 2009 hingegen stand die Gesellschaft noch deutlich besser da. Damals landete die Bertelsmänner auf Platz 9. Doch Social-Media-Unternehmen wie Facebook & Co. haben das Geschäft stark verändert.

Dieser Übermacht kann Rabe nur wenig Wachstumsperspektiven entgegensetzen, die er aus drei Geschäftsfeldern nährt. Darunter dem Fernsehgeschäft und seiner Cash Cow RTL Group und deren Umsatz von mehr als 6 Milliarden Euro in 2015, dem Buchgeschäft mit mehr als 3,7 Milliarden Euro Umsatz und seinem neuen Hoffnungsträger: dem Bildungsgeschäft. Doch im Fernsehgeschäft sind keine großen Wachstumssprünge mehr zu erwarten: die Sender-Reichweite ist größtenteils ausgereizt, die Werbemärkte sind unter Druck. Im Buchgeschäft ist der Markt hart umkämpft, obwohl die Branche die Herausforderung der Digitalisierung besser gemeistert hat als andere gedruckte Medien wie Zeitungen und Zeitschriften, die im Web vergeblich nach geeigneten Erlösmodellen forschen.

Von dem Bildungsgeschäft, seit Kurzem neu ausgerufener Hoffnungsträger, erwartet Rabe mittelfristig lediglich einen Umsatzbeitrag von einer Milliarde Euro – allerdings bei hohen Margen. Dennoch bleibt die Sparte damit vergleichsweise ein kleines Pflänzchen gegenüber den anderen Unternehmensbereichen. Zudem ist auch der Bildungsmarkt unter Druck, wie Pearson zeigt. Hier schwächelt seit Jahren das Geschäft. Mitte 2015 waren die Briten gezwungen, die Financial Times Group an die japanische Nikkei-Gruppe zu verscherbeln. In Sicht ist auch kein großer Wachstumssprung bei der Dienstleistungstochter Arvato. Zwar trägt der Bereich mit 4,8 Milliarden Euro deutlich zum Gesamtumsatz bei, doch die Ertragsmarge ist im Gegensatz zum Fernsehgeschäft eher spärlich. Wohl deshalb erspart sich Bertelsmann hier einen weiteren Ausbau. Die Zeitschriftentochter Gruner + Jahr fällt in Rabes Expansionsstrategie völlig raus. Der Rückbau des Auslandsgeschäfts, einst glanzvoller Bereich des Magazinhauses, drückt seit Jahren den Jahresumsatz. Das Druckgeschäft BePrinters leidet unverändert an Überkapazitäten.

Fasst man die Wachstumsaussichten zusammen, kann Rabe in den nächsten Jahren aus diesen bestehenden Geschäften mit einem Zuwachs von 1 bis 2 Milliarden Euro rechnen. Damit könnte der Konzernumsatz auf 19 Milliarden steigen. Ob der Firmenboss die 2007 von seinem Vorgänger Hartmut Ostrowski ausgegebene (allerdings später kleinlaut wieder einkassierte) Umsatzmarke von 30 Milliarden Euro je knacken kann, ist daher fraglich. Rabe hatte bereits in der Vergangenheit die Latte deutlich niedriger gelegt. Zunächst gab der Manager 2014 das Ziel aus, die magische Umsatzmarke von 20 Mrd. Euro Ende 2016 zu erreichen. Schnell musste er jedoch die Erlösprognose anpassen, da der Umbau des Unternehmens in neue Wachstumsfelder wie Bildung nicht so rasch vorankam wie gedacht. Daher schob er das Umsatzziel zeitlich immer weiter nach hinten: Erst war es 2017, dann 2019. Im März vergangenen Jahres dann eine erneute Korrektur. Dort spricht er auf der Bilanzpressekonferenz von einem Zeitrahmen von 2020 oder 2021.

Möglich ist, dass er auch diese Umsatzprognose erneut kassiert. Ein Umsatz jenseits der 20 Mrd.-Marke jedenfalls ist Zukunftsmusik, wenn Rabe nicht gerade eine Mega-Innovation präsentiert, die die Weltmärkte bewegt. Millionenschwere Flops wie Lycos haben jedoch die Unternehmensspitze im Web schon vor langer Zeit in die Defensive gedrängt. Zudem ist der Markt mit Suchmaschinen wie Google oder Social-Media-Plattformen wie Facebook längst besetzt. Auch ein milliardenschwerer Zukauf scheint kaum mehr möglich, um so zur Weltspitze aufzustoßen. Dazu fehlt dem als gewieften Rechenkünstler geltenden Manager das nötige Geld in der Kriegskasse. Ein Ausweg wäre ein Börsengang, um sich das Kapital zu beschaffen. Dagegen stemmt sich jedoch seit Jahren die Eigentümerfamilie Mohn. Sie will partout nicht ihre Macht im eigenen Haus an Fremde verlieren.

Was bleibt: Rabe kann mit Bertelsmann weiterhin nur in Trippelschritten wachsen. In die erste Liga der Medien-Welt schafft er es jedoch mit dieser Zukunftsstrategie nicht. Weiterhin werden börsennotierte US-Riesen wie Alphabet, Comcast, Walt Disney das globale Geschehen dominieren und den Takt vorgeben. Es sei denn, die Mohn-Familie gibt ihre Zurückhaltung auf und wagt einen Gang an die Börse. Dann hätte der Vorstandschef die Chance, vielleicht im Weltmarkt zur wahren Größe aufzusteigen. Das jedoch wäre eine Überraschung.

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