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Der 45. US-Präsident und die Medien: „Trump hat die Ursprungsfunktion der Presse nicht verstanden“

Trump als Präsident: US- und Medien-Experten Cathryn Clüver beschreibt, wie sich die Arbeitsbedingungen für Journalisten verändern werden
Trump als Präsident: US- und Medien-Experten Cathryn Clüver beschreibt, wie sich die Arbeitsbedingungen für Journalisten verändern werden

Ab dem heutigen Freitag werden die USA von einem neuen Präsidenten regiert. Donald Trump erwies sich in den vergangenen Monaten als launisch und unberechenbar – auch im Umgang mit den Massenmedien. Für Cathryn Clüver von der Harvard Kennedy School steht fest: Unter der Führung Trumps wird auch für Washington-Korrespondenten nichts mehr so sein, wie es war. Im Interview mit MEEDIA erklärt die Expertin, wie sich die Arbeitsbedingungen der Presse verändern werden.

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Als erste europäische Medien trafen vergangene Woche die Londoner Times und Bild Donald Trump zum Interview, das weltweit für Schlagzeilen sorgte. Wie haben Sie das Gespräch zwischen dem President-elect und den Journalisten empfunden?
Im Grunde genommen hat das Interview keine überraschenden Momente oder Neuigkeiten geliefert. Trumps Aussagen waren zwar punktierter als wir sie aus dem Wahlkampf oder aus den vergangenen Wochen nach der Wahl kennen, im Umkehrschluss waren sie aber auch genauso falsch. Die Europäische Union in ihrer Gründung als einen Kontrapunkt zu beschreiben, der den USA ihre Handelsmacht abstreiten sollte, hat mit der eigentlichen Gründungsidee gar nichts zu tun. Die Bezeichnung der Nato als “obsolet” kennen wir ebenfalls aus dem Wahlkampf. Sie hat noch einmal für Aufsehen gesorgt, weil wir vergangene Woche Reden der beiden zukünftigen Minister für Äußeres und Verteidigung gehört haben, die sich klar für ein transatlantisches Bündnis ausgesprochen haben. Als ehemalige Journalistin ist es für mich besonders schwierig zu sehen, wie ein gestandener Journalist und Chefredakteur bzw. Herausgeber wie Kai Diekmann nach solchen Falschaussagen keinerlei Korrektiv angemeldet hat. Man hätte mit Stärke und Effektivität nachfassen können, um gegebenenfalls etwas mehr Nuancierung in das Gespräch hineinzubringen.

Die Interview-Führung und auch das Ausbleiben kritischer Nachfragen ist von einigen Seiten kritisiert worden. Ist das etwas, worauf wir uns bei Interviews mit Donald Trump einstellen müssen, weil er sich seine Gesprächspartner entsprechend aussuchen wird?
Das kann sehr gut sein. Umso wichtiger ist es, dass nachgefasst wird, wie wir es mit mit diesem Interview tun. Andere Journalisten sprechen wiederum mit anderen Experten oder mit Journalisten, die Aussagen Trumps kritisch einschätzen können. Wichtiger als die Interviews werden aber die Recherchen über den Präsidenten und sein Umfeld sein. Sie können derzeit verfolgen, wie zahlreiche Medien in den USA Investigativ-Teams vergrößern. Die Umsetzung wird auch interessant, weil ich gespannt bin, ob der Journalistennachwuchs in den USA entsprechend ausgebildet ist.

Wie meinen Sie das?
Um auf politischer Ebene investigativ recherchieren zu können muss man einerseits ein großes historisches Verständnis mitbringen und andererseits eine extreme Faktendichte zur Hand haben. Ich denke, dass gerade in der Journalistenausbildung einer neuen Generation, die mit Google und anderen digitalen Tools groß geworden ist, nicht verstärkt darauf gesetzt worden ist, dass der Nachwuchs diese Dinge parat hat. Es wird aber für alle Journalisten neue Herausforderungen geben: Es wird noch wichtiger, schnell zu arbeiten und antworten zu können, wenn ein Präsident Trump überwiegend via Twitter kommuniziert und damit in gewisser Weise an der Presse vorbeiarbeitet. 

Twitter ist für Donald Trump ein wesentliches Kommunikationsinstrument, das er sogar Pressekonferenzen vorziehen will. Was kommt noch auf die Journalisten in der Hauptstadt zu?
Wir haben über das Wochenende erste Ausführungen darüber gehört, wie die Arbeit für Journalisten im Weißen Haus zukünftig aussehen könnte. So soll überlegt werden, die Arbeitsplätze des Washington Press Core, also der Hauptstadtkorrespondenten zahlreicher Medien, aus dem Weißen Haus auszulagern. Das wäre ein historisches Novum. Vergleichsweise normal ist das derzeitige Geschachere um die Sitzordnung im Press Room. Die ist für Hauptstadtjournalisten besonders wichtig, weil es um Sichtbarkeit und Zugänge geht. Trump weiß um die Auswirkungen von Machtspielereien. Er könnte darauf setzen, die Journalisten gegenseitig auszuspielen, sodass sie sich mehr auf sich selbst konzentrieren als auf den Präsidenten. Das könnte dadurch geschehen, dass sich die Administration bei Akkreditierungen oder Visa bei bestimmten Journalisten mehr Zeit lässt als bei anderen Kollegen. Weitergehen wird sicherlich, was wir bereits aus dem Wahlkampf kennen: dass einzelne Journalisten und Medien von Trump herausgepickt und bloßgestellt werden. Es ging so weit, dass unterschiedliche Kollegen Personenschutz beantragen mussten und sich verunglimpft fühlten. Die öffentliche Diffamierung einzelner führte dazu, dass die Trump-Wähler sich dazu animiert gefühlt haben, Selbstjustiz zu üben.

Aus der Historie heraus wissen wir, dass Journalismus und Politik aufeinander angewiesen sind und in Wechselwirkung zueinander stehen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich das Verhältnis unter Trump ändern könnte. Wird es überhaupt noch Momente geben, in denen Trump die Presse braucht?
Ich denke, dass er die Massenmedien bei seinen ganz großen Vorhaben, beispielsweise bei der – innerhalb seiner eigenen Partei umstrittenen – Umstellung von Obamas Gesundheitsreform, ins Boot holen wird. Er wird dann versuchen, ihre Distributiv-Funktion zu nutzen. Das riecht für mich aber eher nach PR als nach wirklicher Berichterstattung – denn kritischen Fragen wird er sich nicht aussetzen wollen. Donald Trump hat die Ursprungsfunktion der Presse in einer Demokratie nicht verstanden. Er hätte sie gerne als eine Art verstärktes Megaphon, das ihm die Zustimmung aus der Bevölkerung zublasen soll. Das bestätigt ihm übrigens derzeit kein Meinungsinstitut. Seine Popularität kurz vor Amtseinführung liegt bei 44 Prozent. Selbst George W. Bush hatte nach einem extrem schwierigen Wahlkampf und Rückauszählungen in Florida einen Vertrauensbonus von 66 Prozent. 

Wenn er das Gefühl hat, die Presse nicht zu brauchen, wird er dann auch weniger Pressekonferenzen geben…
Davon gehe ich auch. Auch weil Trump das Gefühl hat, dass er durch seine so genannten Surrogates, also durch Sprecher wie Kellyanne Conway und andere Kollegen, ganz gut vertreten ist. Mit deren Arbeit scheint er ganz zufrieden zu sein und Steve Brannon wird ihn dahingehend gut beraten, wie und wann er gerade für seine Gefolgschaft entsprechend einschreitet. 

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Wir sprachen eben darüber, dass zahlreiche Medien ihre Investigativ-Teams aufstocken, um Präsident Trump etwas entgegenzusetzen. Werden diese Medien denn überhaupt die Trump-Unterstützer erreichen, und werden ihnen diese glauben, wenn Trump weiter so intensiv gegen die Massenmedien anstänkert?
In den USA erleben wir eine extrem gespaltene Medienlandschaft, in der bestimmten Menschen nicht mehr zugehört wird, was zum Vertrauensverlust führt. Diese Aushöhlung ist aber nicht die Schuld von Donald Trump, sondern liegt der Kapitalisierung der Medien wie auch der Umstellung auf eine digitale Realität begründet. Journalisten müssen sich deshalb nun genau überlegen, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Meines Erachtens sind das grundsätzlich zwei: Ich sehe den Journalisten als Figur zwischen der Bevölkerung und der Regierung. Er muss also nah am Menschen sein und ihre Geschichten erzählen. Es gibt kaum einen anderen Beruf, bei dem man so nah am Menschen sein muss wie ein Mediziner oder Journalist. Andererseits gehört es dazu, die große Politik und ihre Persönlichkeiten zur Verantwortung zu ziehen, sodass zwischen diesen beiden Gruppen wieder ein Dialog entsteht.

Kann man denn so optimistisch sein, dass das im selben Tempo oder im Zweifel sogar schneller passiert als die Destruktion der Presse durch einen US-Präsidenten Trump?
Ich glaube das ist die Frage, die sich viele Redaktionen stellen. Aber welchen Verrat würden wir am Beruf und auch an der Gesellschaft leisten, wenn die Leute alle zuhause bleiben? Als Journalist wird man selten Millionär, deshalb ihr Idealismus größer als in anderen Berufen.

Dass Donald Trump überhaupt Präsident werden konnte, wurde nach der Wahl auch Medien und ihrer Berichterstattung zu Lasten gelegt. Waren Journalisten zu lange mit sich selbst beschäftigt und haben Trump zu lange nicht ernst genommen?
Man muss beachten, dass wir mit fast zwei Jahren einen extrem langen Vorwahlkampf erlebt haben, bei dem wir über ein unglaublich großes Kandidatenfeld geblickt haben. Vor fast einem Jahr fand die zweite große Vorwahl-Debatte der Republikaner statt. Für eine lange Zeit war Donald Trump einer von zwölf, fünfzehn oder sechzehn Kandidaten. Natürlich haben die Medien erst einmal als komplettes Novum über ihn berichtet. Eine ähnliche Vorstellung wäre eine Kandidatin namens Kim Kardashian gewesen. Die Medien sind eine ganze Zeit lang davon ausgegangen, dass wir einen Kampf zwischen Bush und Clinton erleben werden. Die Washington Post hatte sehr früh geschrieben, dass sie Donald Trump als Unterhaltungskandidaten sehe und ihn deshalb im Unterhaltungsressort bringen würde. Also ja, er wurde lange nicht ernst genommen.

Auf der anderen Seite wurde der Wahlkampf lange als konventioneller Wahlkampf gesehen, was er aber nicht war. Die aufgedeckten Skandale reihten sich nur aneinander, ohne dass sie und die Aussagen Donald Trumps überhaupt richtig auseinandergenommen worden sind. Mittlerweile ist auch belegt, dass die Gewichtung der Skandale einer Hillary Clinton viel höher waren. Zum einen, weil sie einfacher zu verstehen und zu erklären waren. Zum anderen, weil sich bei Trump ein Skandal an den anderen reihte und behandelt wurden, als hätten sie alle den gleichen Typus. Als es in die eigentlichen Fernsehduelle ging, begannen die Massenmedien zu verstehen, dass an diesem Wahlkampf und an diesem Kandidaten nichts mehr konventionell ist. Und mittlerweile wissen wir, dass niemand mehr ein- oder abschätzen kann, was Donald Trump wirklich vor hat und welche Wirkungen zu erwarten sind. Diese Atmosphäre ist Neuland. 

Zur Person:

Cathryn Clüver ist Gründerin und Geschäftsführerin des Future of Diplomacy Projects an der Harvard Kennedy School in Massachusetts. In dieser Rolle schreibt und kommentiert die Deutschamerikanerin transatlantische Politik und Zeitgeschehen in deutschen und amerikanischen Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der ARD, Wall Street Journal und The European. Zuvor war sie selbst zehn Jahre lang als Journalistin tätig und arbeitete unter anderem bei CNN-International in Atlanta und London.

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