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„Publizistische Selbstentleibung“: Zoff um neue Sport-Einheit von Madsack

Die Mediengruppe Madsack. In Hannover konkurrieren die beiden eigenen Titel Hannoversche Allgemeine und die Neuen Presse
Die Mediengruppe Madsack. In Hannover konkurrieren die beiden eigenen Titel Hannoversche Allgemeine und die Neuen Presse

Ärger für die Firmenspitze der Madsack Mediengruppe. Der Grund: Dem Betriebsrat der Neuen Presse stößt die geplante Ausgliederung ihrer Sportberichterstattung in eine neue Gesellschaft sauer auf. Er befürchtet, dass die Redaktion hierdurch ihre Kompetenz und Themenhoheit verliert und dadurch die Auflage der Regionalzeitung weiter Federn lassen muss.

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Am Verlagsstandort Hannover will die Madsack Mediengruppe die Sportredaktionen der Hannoversche Allgemeinen Zeitung (HAZ), der Neuen Presse und des Portals Sportbuzzer in einer neuen Einheit bündeln. 16 Sportredakteure, die derzeit für die verschiedenen Titel in diversen Einzelfirmen arbeiten, sollen in die neue Einheit übergehen. Den Journalisten entstünden hierdurch keine materiellen Nachteile, teilte gestern die Madsack Mediengruppe gegenüber MEEDIA mit.

Nicht betroffen seien hiervon die Sportseiten der beiden Madsack-Flaggschiffe. „HAZ und NP behalten jeweils ihren sportlichen Markenkern und werden täglich eigene Sportseiten im gewohnten Umfang haben. Die letzte inhaltliche Verantwortung liegt und bleibt bei den jeweiligen Chefredaktionen, wodurch auch der Ton und Charakter des jeweiligen Titels erhalten bleibt“, erklärte gestern ein Unternehmenssprecher. Die Printgruppe hofft, dass hierdurch Reibungsverluste und Mehrfacharbeiten vermieden und Recherchen besser abgestimmt würden.

Doch bei Inken Hägermann, Betriebsratsvorsitzende der Neuen Presse, stößt die Neuausrichtung sauer auf. Sie hält die regionale Sporteinheit für einen „großen Fehler.“ Es könne nicht „im Interesse unseres Hauses sein, einen solchen Schritt zu gehen“, heißt es in einem Schreiben an die Mitarbeiter, das MEEDIA vorliegt. So seien die Sport- und Lokalredaktionen das Rückgrat und Herz von Madsack. „Das Herauslösen des Sport-Ressorts aus der Redaktion gleicht einer publizistischen Selbstentleibung“. Nach Ansicht der Arbeitnehmervertreterin läuft der Umbau den ureigensten Interessen der Neuen Presse als eigenständige Tageszeitung am Standort Hannover zuwider und schade dem Blatt massiv. „Bereits heute liefert das RND (Anmerkung der Red. gemeint ist das Redaktionsnetzwerk Deutschland) die gleichen Seiten mit überregionalem Sport an die hannoverschen Schwesternzeitungen. Künftig wird sich dann nicht mal mehr der regionale Sport wesentlich voneinander unterscheiden, ein weiteres Kaufargument für die NP geht verloren“, betont Hägermann. Sie glaubt, dass die Maßnahme der Neuen Presse schadet. Profitieren würde von der Unit hingegen die Hannoversche Allgemeine und der Sportbuzzer.

Der Betriebsrat glaubt zudem nicht an das Versprechen des Verlagsführung, dass die neue Sport-Redaktionseinheit wichtige Themen für die jeweiligen Objekte unterschiedlich aufbereitet. „Im Einzelfall mag das zutreffen, die Regel wird sein, dass die Texte von einem Autoren stammen und die Seiten verdächtig gleich aussehen. Ähnliche Differenzierungen wurden übrigens auch zugesichert bei der Gründung des RND – daran gehalten hat man sich nicht“, kritisiert Hägermann. Die Folge: Die Neue Presse würde über „kurz oder lang bei der neuen Firma lediglich ein Kunde mit beschränktem Einfluss sein, wie beim RND auch“. Zurückbliebe bei dem Regionalblatt eine Rumpfredaktion und eine Belegschaft, die „seit Jahren das Gefühl hat, dass ‚ihre Zeitung‘ kaputtgespart und Stück für Stück zerlegt wird.“

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Mitte 2007 beschäftigte die NP 81 Mitarbeiter, Ende 2016 seien es nur noch 57 Beschäftigte gewesen. Das sei ein Drittel weniger, heißt es. Nun sollen durch die Neuausrichtung der Sportberichterstattung weitere sieben Mitarbeiter die Neue Presse verlassen. Zusammen mit weiteren sieben Arbeitnehmern, die in Rente und Altersteilzeit gehen, würde die Zeitung Ende des Jahres „höchstens noch 43 Beschäftigte zählen“, konstatiert die Arbeitnehmervertreterin. Damit hätte sich die Redaktion personell innerhalb von zehn Jahren halbiert. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung befürchtet der Betriebsrat, dass auch die Reporterpools von HAZ und NP zusammengelegt würden. Damit bliebe von der Zeitung langfristig nur noch eine Hülle, die zwar den Namen Neue Presse trage, aber keinen Körper mehr besäße, so die Betriebsratschefin.

Hart geht Hägermann daher mit der Madsack-Geschäftsführung ins Gericht. So sehe für die Arbeitnehmervertreter „keine zukunftsorientierte Strategie aus, die zur Stabilisierung der seit Jahren sinkenden Auflage führen könnte. Vielmehr wirke es so, als nehme die Madsack-Geschäftsführung die Auflagenverluste mangels besserer Ideen klaglos in Kauf“, erklärt Hägermann.

Geleitet wird die neue Sporteinheit von Marco Fenske, Koodinator für die Sportberichterstattung bei der Verlagsgruppe. Das niedersächsische Zeitungshaus reagiert mit der neuen Einheit unter anderem auch auf die sich verändernden Marktbedingungen. So startet am Freitag der Berliner Medienkonzern Axel Springer eine bundesweit erscheinende Fußball-Zeitung. Eine eigene Fußballzeitung plant Madsack jedoch nicht.

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