Höckes umstrittene „Schandmal“-Rede in Dresden: Spiegel-Gründer Rudolf Augstein wählte einmal fast die gleichen Worte

AfD-Politiker Björn Höcke, Spiegel-Gründer Rudolf Augstein: Gleichklang der Worte
AfD-Politiker Björn Höcke, Spiegel-Gründer Rudolf Augstein: Gleichklang der Worte

Die Debatte um die umstrittene Rede des Thüringer AfD-Sprechers Björn Höcke bekommt eine neue Facette. Höcke hatte in der Rede das Holocaust Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet und wird dafür vielfach kritisiert. Allerdings hat Spiegel-Gründer Rudolf Augstein in einem Kommentar 1998 ganz ähnliche Worte für das Mahnmal gewählt. AfD-Anhänger sehen das als Entlastung Höckes an. So einfach ist es aber nicht.

Anzeige

Höcke sagte in seiner Dresdner Rede: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Weiter bezeichnete er die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg als „Rodung der deutschen Wurzeln“. Die Rede löste bundesweit einen Sturm der Empörung und Kritik aus. In einer persönlichen Erklärung führte Höcke später aus, wie er seine Worte verstanden haben wollte:

Das heißt, ich habe den Holocaust, also den von Deutschen verübten Völkermord an den Juden, als Schande für unser Volk bezeichnet. Und ich habe gesagt, dass wir Deutsche diesem auch heute noch unfassbaren Verbrechen, also dieser Schuld und der damit verbundenen Schande mitten in Berlin, ein Denkmal gesetzt haben.

In seiner Erklärung verwies Höcke zudem auf den Schriftsteller Martin Walser. Der sagte in seiner – ebenfalls äußerst umstrittenen – Rede vom 11. Oktober 1998 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche: „In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande.“

Walsers und Höckes Rede sind in dieser Frage tatsächlich auf einer Wellenlänge. So war es Walsers Haupt-Anliegen, die seiner Meinung nach permanente Dauerpräsentation der deutschen „Schande“ als „Moralkeule“ anzuprangern. Auch Höcke spricht gegen eine „Dauerpräsentation der Schande“ wenn auch mit anderen Worten: „Anstatt die nachwachsenden Generationen mit den großen Wohltätern, den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben (…) anstatt unsere Schüler in unseren Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die deutsche Geschichte mies und lächerlich gemacht.“ Dass Schüler selbstverständlich auch mit deutschen Musikern, Philosophen, Erfindern usw. vertraut gemacht werden, erübrigt sich fast zu erwähnen.

Walser ist dabei nicht der einzige auf den sich Höcke berufen könnte und der 1998 inmitten einer emotional extrem aufgeladenen Debatte rund um das noch zu bauende Holocaust Mahnmal Kritik an demselben übte. Anhänger der AfD verweisen in den sozialen Medien darauf, dass auch Spiegel-Gründer Rudolf Augstein das Holocaust Mahnmal 1998 in einem Kommentar im Spiegel als „Schandmal“ bezeichnete. Augstein bezog sich in seinem Kommentar auf die „Moralkeulen“-Debatte, die Walser angestoßen hatte. Er verteidigte den Schriftsteller in dem Kommentar und schrieb weiter:

Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.

Hätte Höcke dies so 2017 gesagt, der Skandal hätte nicht größer sein können. Und zwar auch zurecht. Bei Übermedien.de weist Stefan Niggemeier darauf hin, dass Augsteins Kommentar 1998 keineswegs unwidersprochen blieb. Von Ignatz Bubis über Georg Weidenfeld bis Josef Joffe fanden sich prominente Persönlichkeiten, die mit Augstein und seinen Worten hart ins Gericht gingen. Auch die Paulskirchen-Rede Walsers löste damals einen Skandal aus und wurde vielfach kritisch kommentiert. Heute tun Höckes Verteidiger aber so, als würden die „Schandmal“-Äußerungen nur Empörung hervorrufen, weil sie von einem AfD-Mann stammen.

Es ist erschreckend und irritierend einen solchen Kommentar von Rudolf Augstein heute wieder zu lesen und den Gleichklang mit der Rede eines Politikers vom rechten Rand zu erkennen. Niggemeier sieht die etablierten Medien und hier vor allem den Spiegel in der Pflicht, sich nicht nur über Höcke zu empören, sondern auch über die Parallelen zwischen Höckes und Augsteins Aussagen zu berichten. Man darf gespannt sein, ob in dieser Richtung noch etwas geschieht.

Anzeige
Anzeige
Anzeige