Bericht über „Alkoholrückfall“: Jenny Elvers fordert 30.000 Euro Geldentschädigung vom OK! Magazin

Fand die Berichterstattung über ihre Person gar nicht OK!: Jenny Elvers erstreitet vor dem LG Köln 35.000 Euro Geldentschädigung
Fand die Berichterstattung über ihre Person gar nicht OK!: Jenny Elvers erstreitet vor dem LG Köln 35.000 Euro Geldentschädigung

Im Jahr 2013 berichtete das OK! Magazin über einen „Alkoholrückfall“ von Jenny Elvers. Eine Reporterin will sie auf einer Veranstaltung betrunken erlebt haben. Der Bericht beschäftigt nun das Landgericht Köln. Dort verlangt Elvers 30.000 Euro Schmerzensgeld. Gelöschte Tonaufzeichnungen, widersprüchliche Aussagen: Der Prozess ist ein Lehrstück über die fragwürdigen Methoden der Klatsch-Presse.

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Der Abend des 21. November 2013 war für Schauspielerin Jenny Elvers ein besonderes Erlebnis – im guten wie im schlechten Sinne. Der Fernsehsender Sat.1 hatte ins Hamburger Kehrwieder-Theater eingeladen, um der Presse sein TV-Programm für die Saison 2014 vorzustellen. Obwohl Elvers nur für eine Nebenrolle in einem Fernsehfilm („Frauenherzen“) vor der Kamera stand, gehörte sie zu den gefragtesten Promis der Veranstaltung. Es war der erste öffentliche Auftritt nach Bekanntwerden ihrer Alkoholsucht, die 2012 durch den Absturz in der NDR-Talksendung „DAS!“ auf sehr spektakuläre Weise öffentlich wurde. Der Film wie auch der Abend sollten ihr Comeback markieren.

Doch freilich kam es anders als geplant, weshalb Elvers‘ Alkoholismus auch heute noch Thema ist – am Landgericht in Köln. Dort klagt die 44-Jährige, rechtlich vertreten durch ihren Anwalt Christian-Oliver Moser, wegen falscher Berichterstattung über ihre Person und verlangt Schmerzensgeld (AZ: 28 O 41/16). Auf Seiten der Beklagten sitzt eine Redakteurin des zur Klambt Mediengruppe gehörenden OK!-Magazins. Das hatte wenige Tage nach der Veranstaltung in einer Titelstory über Elvers berichtet. Die Zeile: „Alkohol-Rückfall – Jenny Elvers trinkt wieder!“.

Von „verwaschener“ Aussprache und verschwundenen Tonbandaufnahmen

Dem Bericht zugrunde liegt ein Interview, das die OK!-Redakteurin Julia Schmidt (*) am Rande der Programmpräsentation geführt hatte. Elvers, an diesem Abend gut aufgelegt, aufgeregt und wild gestikulierend, wie Zeugen berichten, antwortete einige Minuten auf ihre Fragen. Natürlich ging es dabei um die vergangenen Monate, den Zustand der Schauspielerin und auch um die Versuchung durch Alkohol. Elvers erklärte das Gleiche, was sie auch schon gegenüber anderen Journalisten beteuerte: Sie trinke nicht mehr. Schmidt aber ließ sich von der Aussage der Schauspielerin nicht beeindrucken.

Deshalb trafen sich Journalistin und Schauspielerin am gestrigen Mittwoch wieder – abseits der schillernden Bussi-Bussi-Welt, auf grauem statt rotem Teppich, vor Holzvertäfelung statt Sponsoren-Wänden, ohne Blitzlicht-Gewitter sondern im blassen Neonlicht. Am Landgericht Köln kommen die weniger glanzvollen Seiten der Promi-Welt und ihrer Berichterstattung zum Vorschein. Fragen stellten an diesem Tag keine Journalisten sondern Juristen, die es ganz genau wissen wollen. „Haben Sie mit Frau Elvers über das Thema Alkohol gesprochen?“, „Haben Sie Frau Elvers gefragt, ob sie nach ihrem Entzug wieder getrunken hat?“, „Haben Sie Frau Elvers auch gefragt, ob sie an diesem Tag getrunken hat?“. Und in Richtung der Schauspielerin: „Wann genau hat denn nun das Gespräch mit Frau Schmidt stattgefunden?“, „War es jetzt vor oder nachdem Ihr Verlobter mit zwei Sektgläsern in der Hand gesichtet wurde?“, „Für wen waren denn diese Gläser?“, „Sie haben also nichts davon getrunken?“.

Vor den Richtern der 28. Zivilkammer des LG Köln wird der Abend des 21. November noch einmal genauestens hinterfragt, Schmidt Bericht steht auf dem Prüfstand. Kann die Journalistin glaubhaft machen, dass Elvers an dem Abend alkoholisiert gewesen ist? Die Vernehmungen der beiden direkt Beteiligten sowie weiterer Zeugen lassen Zweifel daran aufkommen – vor allem an der Recherchearbeit der Journalistin und am ethischen Verständnis des OK!-Magazins.

Denn viel Glaubwürdiges hatten Schmidt und ihr Anwalt Dirk Knop nicht vorzutragen – vor allem keine handfesten Beweise. Die Boulevard-Journalistin beruft sich hauptsächlich auf ihren Geruchsinn. Wie sie auch in ihrem Artikel schrieb, habe sie in Elvers‘ Atem eine Alkoholfahne gerochen. Zudem sei sie sehr euphorisch gewesen, habe wild gestikuliert und gelallt. Schmidt schilderte ihre Erinnerungen ruhig und mit fester Stimme. Sie sei nicht die einzige, die Elvers‘ unter Trink-Verdacht gestellt habe. Die „verwaschene“ Aussprache der Schauspielerin könne auch eine Tonbandaufnahme beweisen, erklärte sie. Nur mitgebracht hat sie diese nicht. Die Audio-Datei existiere nicht mehr.

Zumindest in Teilen gestützt wird Schmidt Aussage von einer weiteren Journalistin, die Elvers ebenfalls an diesem Tag für ein Interview traf. Die damalige Reporterin des Grazia-Magazins habe einen „leichten Alkoholgeruch“ wahrgenommen, erzählte sie. Im Gespräch habe sie sehr dicht bei Elvers gesessen, ein Lallen oder eine „verwaschene“ Aussprache habe sie aber nicht erkannt.

OK! woe

Kompletter Widerspruch kommt von einer weiteren Zeugin. Elvers sei nicht „aufgekratzt“ sondern „gut gelaunt“ gewesen. Alkohol habe die Frau, die Elvers aufgrund langer Bekanntschaft mit Wangenküsschen begrüßte und eigenen Angaben zufolge grundsätzlich nicht trinkt, nicht gerochen. „Ihre Stimme war klar und deutlich.“ Zudem sei die Schauspielerin trotz „sehr hoher Absätze“ sicher und ohne zu wanken gelaufen.

Fragwürdige Recherche-Methoden und handwerkliche Mängel

Als weiteren Grund für ihren Bericht führt Schmidt die Beobachtung einer Szene an, die sie aber nicht bis zum Schluss verfolgt hat. Sie habe gesehen, wie der Lebensgefährte von Jenny Elvers, ihr Manager Steffen von der Beeck, zwei Gläser Prosecco bestellt und sich anschließend mit Elvers im Schlepptau aus dem Saal begeben habe. Ob ein Glas für Elvers bestimmt war, konnte sie aber nicht sagen. Keiner der Zeugen hat Elvers etwas trinken sehen. Beide Gläser seien wegen ihrer geringen Füllmenge für ihn selbst gewesen, beteuert von der Beeck. Darüber hinaus seien sie zum Rauchen vor die Tür gegangen und dort auch nicht allein gewesen. Elvers behauptet dasselbe. Hätte sie an diesem Abend getrunken, hätte dies zahlreichen Menschen auffallen müssen. „Hätte ich einen Rückfall gehabt, hätte ich keine weiteren Termine machen können und mehr trinken müssen“, schilderte Elvers. „Für die anwesenden Journalisten wäre das doch ein gefundenes Fressen gewesen.“

Das Vorgehen des OK!-Magazins, das sich dem „Klatsch & Tratsch“ verschrieben hat und rund 100.000 Hefte pro Ausgabe absetzt, hält seriösen journalistischen Maßstäben nicht stand. Selbst wenn Schmidt trotz Mangel an Beweisen recht haben sollte und Elvers an diesem Abend tatsächlich alkoholisiert gewesen wäre, sind handwerkliche Schlampereien nicht von der Hand zu weisen. Die Journalistin hat nicht nur angebliche (Audio-)Beweise verloren sondern musste gegenüber der Kammer zugeben, Elvers weder an diesem Abend noch zu einem anderen Zeitpunkt mit ihrem Verdacht konfrontiert zu haben. Dass sie auf der Veranstaltung auch von weiteren Journalisten – von denen niemand als Zeuge geladen wurde – auf einen angeblichen Alkoholkonsum angesprochen worden sein soll, bestätigt nur schmutzige Klischees nach denen Geschichten durch Tratsch und Phantasie entstehen. 

Auch hätte die Veröffentlichung mindestens intensiv auf ethischer Ebene diskutiert werden müssen. Denn wie Elvers den Richtern schilderte, erwischte sie die Geschichte über den angeblichen Rückfall nicht nur in der Zeit ihres Comebacks sondern auch während eines Sorgerechtstreits um ihren Sohn, mit dem sich die Berichterstattung ebenfalls auseinandersetzte.

Wieso sich die Grazia für eine andere Geschichte entschied

Wie die Redaktion hätte reagieren müssen, macht die Entscheidung des Schwesterblattes Grazia deutlich. Als sich im Hause Klambt herumgesprochen habe, dass das OK!-Magazin die Titelstory plane, sei auch sie von ihrer Chefredaktion gezielt darauf angesprochen worden, schilderte die geladene Zeugin, die ebenfalls eine Alkoholfahne gerochen haben will. Doch bei dem Gedanken an eine solche Geschichte habe sie sich unwohl gefühlt. “Ich wollte mit so schmutzigen Geschichten nichts zu tun haben.“ Nach einigen internen Diskussionen war dieser Spin der Geschichte vom Tisch.

Hinter der Berichterstattung der OK! wittert Elvers eine Kampagne. Das Blatt habe als einziges schon in den Wochen zuvor zwei Titel über sie veröffentlicht. Gegangen sei es dabei um die Frage, wie lange die Schauspielerin es noch ohne Alkohol aushalte. Der angebliche Rückfall sei ein gewünschtes Finale gewesen, glaubt Elvers. Das Magazin bestätigt seine eigene Prognose, leider offenbar ohne ausreichend belastbare Indizien.

Ob das alles jedoch für die Durchsetzung eines Schmerzensgeldes, und in der geforderten Höhe, reicht, darüber äußerten sich die Richter am Mittwoch nicht. Einen Hinweis sparten sie nach Abschluss der Beweisaufnahme aus. Geld fließt ohnehin nur dann, wenn der entstandene Schaden nicht auf andere Weise beglichen werden kann. In Elvers‘ Fall hätte dies in Form einer Gegendarstellung erbracht werden können, nachdem Elvers bereits vor dem Kammergericht in Berlin rechtskräftig eine Unterlassungsklage (AZ: 27 O 117/14) erstritt. Darauf hatten Mandantin und Anwalt jedoch verzichtet, um den so genannten „Streisand-Effekt“ möglichst gering zu halten. Man habe dem Thema keine weitere Aufmerksamkeit verschaffen wollen, heißt es. Ein Urteil der Kölner Kammer wird für den 1. März erwartet.

(*) Name von der Redaktion geändert

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Alle Kommentare

  1. Endlich mal jemand, der objektive sich diesem Thema annimmt! Selbst gestandene Journalisten sind sehr zurückhaltend wenn es um den Boulevard geht und ja bekanntlich eine Krähe und so weiter…
    Danke Herr Schade!

    Mit freundlichen Grüßen

    Steffen von der Beeck

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