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„Dieses Modell hat eigentlich die ARD erfunden“: Live-Reporter Uwe Semrau über „Sponsor-TV“ bei Handball-WM

„Ich glaube im Kosmos der Sportrechte ist eine neue Zeit angebrochen“, sagt Handball-WM-Kommentator Uwe Semrau (Foto)
"Ich glaube im Kosmos der Sportrechte ist eine neue Zeit angebrochen", sagt Handball-WM-Kommentator Uwe Semrau (Foto)

Das gab es noch nie: Mit der Deutschen Kreditbank (DKB) zeigt erstmals ein Sponsor die Handball-WM. Ein Novum, das für viel Kritik gesorgt hat. "Ich glaube im Kosmos der Sportrechte ist eine neue Zeit angebrochen", sagt Sport1-Kommentator Uwe Semrau, der gemeinsam mit Markus Götz das Turnier für die DKB kommentiert, im MEEDIA-Interview. Er ist überzeugt: "Entscheidungen, wie wir sie jetzt erlebt haben, werden in Zukunft gang und gäbe sein."

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Herr Semrau, bereits seit Anfang 2016 stand der Free-TV-Blackout zur Handball-WM im Raum – erst kurz vor Turnierbeginn hat sich die Deutsche Kreditbank (DKB) die Ausstrahlungsrechte gesichert. Hatten Sie sich innerlich schon von einer Übertragung in Deutschland verabschiedet?
Uwe Semrau:
Nein. Mir war klar, dass es zu einem Last-Minute-Zuschlag kommen würde. Trotz dem Hin und Her glaube ich aber, dass Rechteinhaber beIN Sports immer daran interessiert war, dass auch hierzulande ein Anbieter den deutschen Markt mit Bildern versorgt.

Dass es sich bei dem deutschen Anbieter schließlich um den DHB-Sponsor handelt, haben aber wohl die wenigsten erwartet.
Stimmt, damit hätte ich auch nicht gerechnet. Ich wusste nur, dass sich die anderen Sender sehr um die Sportrechte bemüht haben.

Warum hat die DKB, Ihrer Meinung nach, den Zuschlag bekommen?
Ich glaube, der Gesamtumfang der abzubildenden Spiele hat eine Rolle gespielt. Über Lizenzgebühren kann ich nichts sagen. Die Gebote kenne ich nicht.

Viele Sender und Streaming-Dienste – von ARD/ZDF über Sky bis hin zu DAZN – haben teilweise Jahre mitverhandelt. Wie haben Sie den Rechtepoker erlebt und empfunden?
Obwohl es eine solange Vorbereitungszeit gab – und Herausforderungen wie „Overspill“ und „Geoblocking“ schon lange ein Begriff waren – fand ich es doch sehr rätselhaft, dass der Deal erst in letzter Sekunde zustande kam. Denn die Probleme, die mit der Übertragung der Handball-WM auf die Sender zukamen, waren allseits bekannt. Es hat mich sehr gewundert, dass es sich bei so einer starken Sportart wie Handball derart zuspitzen kann.

Laut der Internationalen Handballföderation (IHF) sind allein die deutschen Sender für den TV-Blackout verantwortlich.
Da mag etwas dran sein – wobei der Weltverband die Verhandlungen natürlich aus eigener Sicht noch einmal aufgeschrieben hat und einige Fakten wohl noch komplettiert werden müssten. Aber jede Schuld von sich zu weisen – auch was den Rechteinhaber beIN Sports betrifft – wäre in diesem Fall wohl zu einfach.

Was haben die TV-Sender versäumt?
Ich glaube, im Kosmos der Sportrechte ist eine neue Zeit angebrochen. Früher hat man diese Dinge viel langlebiger und langfrister verhandelt und auch zum Abschluss geführt. Heute ist das Feld sehr viel unübersichtlicher. Ich glaube, dass solche Entscheidungen, wie wir sie jetzt erlebt haben, in Zukunft gang und gäbe sein werden. Aus dem einfachen Grund, weil es mittlerweile viele verschieden Plattformen gibt, auf denen man so ein Produkt vertreiben kann. Damit sind Sportübertragungen wesentlich facettenreicher, aber auch unübersichtlicher geworden. Es wird nicht die letzte Entscheidung dieser Art gewesen sein, die noch getroffen wird.

Das Modell, in dem ein Sponsor als Rechteverwerter einspringt, könnte also Schule machen – auch in anderen Sportarten?
Das glaube ich sehr wohl. Zumal ich nicht sehe, dass in diesem Fall ein Präzedenzfall geschaffen wurde. Die Verquickung eines Sportsenders mit einer Marke und einer redaktionellen Bearbeitung gibt es schon lange. Und wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen hinstellen und mit dem Finger zeigen, dann würde ich gerne an das Radsport-Team Telekom um Jan Ulrich und die Sponsorenschaft der ARD erinnern. Das ist eine Entscheidung vor vielen Jahren gewesen, die eigentlich Wegbereiter für die aktuelle Entwicklung ist. Dieses Modell hat eigentlich die ARD erfunden.

Nach Meinung vieler Kritiker habe die ARD damals mit dem Sponsoring des Team Telekom einen hohen Preis gezahlt: ihre journalistische Unabhängigkeit. Nun überträgt die DKB, auch Sponsor der DHB-Mannschaft, obendrein das Turnier. Können Sie die Kritik – von Eigen-PR bis zur fehlenden journalistischen Distanz – in diesem Fall nicht nachvollziehen?
Das sind ungelegte Eier. Die redaktionelle Arbeit beschränkt sich fast nur auf den Kommentar von mir und Markus Götz. Und wenn es da mal zu sehr am Sponsor dran sein sollte, kann man immer noch darüber reden. Bis dahin ist und bleibt es eine Unterstellung. Ich habe mir jetzt die letzten Spiele von mir und Markus angehört, und da geht es eindeutig um den Handball. Wir haben zu keinem Zeitpunkt Vorgaben redaktioneller Art von der DKB bekommen. Wir sind frei in unserer Kommentierung – und es liegt nicht an uns, was die Plattform an und für sich betrifft. Die Kritik weise ich klar von mir.

Dennoch bleibt auch für Sie dieses Übertragungsmodell ein Novum.
Ja, aber wenn man sieht, wie sich die Sportberichterstattung generell in den letzten Jahren verändert hat, dann ist es eigentlich auch nichts Neues. Viele Sendeanstalten müssen mittlerweile aufgrund der horrenden Kosten auf Dinge wie die Vorort-Berichterstattung, ein Studio oder Hotelkosten verzichten – weil es einfach schweineteuer ist. Wir haben jetzt noch zusätzlich das Problem hoher Kosten und eines kleinen Zeitfensters für die Vorbereitung gehabt, sodass es umso schwerer war, vor Ort zu sein. Deswegen nehmen wir es so, wie es gekommen ist, und kommentieren von München aus. Die puristische Übertragung ist für uns kein Neuland.

Hohe Kosten dürften doch gerade für ein großes Bankhaus kein Problem sein – und ausgerechnet an der Berichterstattung zu sparen, wirkt nicht sehr erfolgsversprechend. Haben Sie da nicht mehr erwartet?
Hier bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Es gab diverse, recht diffuse Signale von der Landesmedienanstalt. Ob das eine Rolle gespielt haben mag? Vielleicht. Ich bin mir sicher, die Verantwortlichen der DKB hätten gerne ein umfangreicheres Produkt in die Spur gebracht, wenn der Vorlauf ein anderer gewesen wäre.

Sie sind nicht vor Ort, kommentieren nur die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft und die K.O.-Runden-Spiele, es gibt keine Vor- und Nachberichterstattung und auch keine Spieler-Interviews. Nach einer optimalen Lösung klingt das nicht.
Es gibt ja viele andere Plattformen, wo das stattfindet. Und wenn das nicht zu ändern ist, entzieht sich das meiner Bewertung.

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Aber als Handball-Fan und als Sport1-Kommentator sind Sie doch ein gänzlich anderes Niveau gewöhnt.
Ich bin freier Journalist und für mich ist das ein Auftrag. Mir obliegt nicht die Kommentierung, wie das Turnier redaktionell umgesetzt wird. Wenn das die Vorgaben sind, bewege ich mich in diesem Rahmen. Das mag ich weder positiv noch negativ bewerten. Wenn es das ist, was möglich ist, muss es so umgesetzt werden. Die andere Seite der Medaille wäre gewesen, dass der Deal geplatzt und womöglich gar nichts von dem Turnier zu sehen gewesen wäre.

Also lieber das geringere Übel?
Ich als Handball-Fan setze mich trotzdem vor den Stream und schaue mir die Spiele an. Und offenbar ist es so, dass dieses spartanische Konzept nicht unbedingt die Handball-Fans abschreckt. Wenn ich mir Zugriffszahlen des Streams ansehe, ist es auch auf dieser abgespeckten Basis ein Erfolg.

Die Handball-EM 2016 haben durchschnittlich fünf Millionen Zuschauer bei der ARD verfolgt – beim Final-Spiel waren es sogar knapp 13 Millionen Zuschauer. Den Youtube-Stream sehen bisher um die 500.000 Nutzer. Es entsteht der Eindruck, dass die Streaming-Lösung an einem Großteil der Handball-Fans vorbeigeht.
Das würde ich bei diesen Zugriffszahlen nicht sagen.

Was sagen Ihre Zugriffszahlen?
Selbst ein Spitzenspiel bei Sport1 im Free-TV kommt über so eine Quote kaum hinaus. Auch hier sind es um die 600.000 Handball-Fans, die einschalten. Klar, die Nationalmannschaft zieht noch mehr Zuschauer vor den Bildschirm – aber diese 13 Millionen waren das Ergebnis von zwei Wochen hervorragender Leistungen der Nationalmannschaft.

Da haben Sie sicherlich Recht. Aber glauben Sie nicht, dass durch die kurzfristige Ankündigung des DKB-Streams – zwei Tage vor Turnierbeginn – und der Streaming-Lösung überhaupt viele Handball-Fans, besonders die nicht so Technik affinen, auf der Strecke geblieben sind?
Das kann natürlich sein. Aber jetzt befinden wir uns in diesem Turnier und müssen mit dem zufrieden sein, was wir haben. Wer wirklich Interesse an den Spielen hat, wird sie auch sehen – egal ob im TV oder Stream. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Abrufzahlen mit zunehmendem Fortschritt des Turniers noch in den Millionenbereich schnellen werden. Und wer weiß, wie weit es noch geht.

Halten Sie diese kurzfristige Lösung, die Spiele im Youtube-Livestream zu zeigen, für die optimale Lösung – oder wie hätte ein ideales Modell aussehen müssen?
Das ist nun mal der Wandel der Zeit. Wenn es keine ideale Lösung aufgrund der angesprochenen Problematik gibt, dann ist diese Lösung meiner Meinung nach schon das Beste, was man für dieses Turnier rausholen konnte. Vielleicht lassen sich auch die deutschen Fernsehsender das nächste Mal etwas anderes einfallen, wenn sich auch über die Streaming-Lösung ein Erfolg abzeichnet. Fakt ist: Deutschland ist das einzige Land, das sich mit der angesprochenen Problematik schwer tut. In anderen Ländern funktioniert es.

Sie teilen also die Meinung der IHF, dass deutsche Sender die Übertragung versäumt haben?
Ich bin nicht immer der Meinung der IHF – im Gegenteil. (lacht) Aber Tatsache ist, dass weder der starke TV-Markt in Spanien, noch der in Frankreich oder den skandinavischen Ländern mit der Verschlüsselung Probleme hatte.

Sowohl der DHB als auch ein Großteil der Fans haben sich für eine Ausstrahlung im Free-TV ausgesprochen. Im Fall der ARD wären durch die geforderte Verschlüsselung aber rund 18 Millionen Haushalte von der Übertragung ausgeschlossen gewesen…
…vielleicht ist die Königslösung, dass es für so ein Turnier einfach mehrere TV-Anbieter gibt, die auf verschiedenen Plattformen unterwegs sind – die Spiele und die redaktionelle Arbeit könnten aufgeteilt werden.

Was wahrscheinlich leichter gesagt, als es getan ist. Demnächst dürften die Verhandlungen für die Handball-WM 2019, die teilweise in Dänemark und Deutschland ausgetragen wird, beginnen. Der aktuelle Rechteinhaber beIN Sports hat damit – aktuell – nichts mehr zu tun. Glauben Sie, dass es wieder zu so einem Rechtepoker kommen wird?
Trotz der Probleme, die beIN Sports vielleicht mit dem deutschen Markt gehabt hat, war die Vermarktung insgesamt und international erfolgreich. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Deswegen glaube ich, dass sich die deutschen Sender wieder darauf einstellen können, dass beIN Sports auch beim nächsten Turnier mitmischen wird.

Könnte sich auch die DKB wieder um die Rechte bemühen?
Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Aber so wie ich die Signale deute: Sehr wohl, ja.

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