„Feindliche Übernahme“ von Bild-Artikeln: Warum Focus Online der ganzen Branche schadet

Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und „Fair Share“
Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und "Fair Share"

Mit der Wettbewerbsklage von Axel Springer gegen Burdas News-Plattform Focus Online hat der Konflikt beider Medienhäuser um den "Inhalte-Klau" eine neue Dimension erreicht. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner will so erreichen, dass eine seit Jahren gängige Praxis für illegal erklärt und unterbunden wird. Auf einen Prozess sollte es die Burda Media Group aus guten Gründen nicht ankommen lassen.

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Der Zeitpunkt war perfekt gewählt. Am Abend zuvor hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner noch mit Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen beim DLD auf dem Podium gesessen und über die Zukunft der Medien und der Verlagshäuser (was heute nicht mehr unbedingt dasselbe sein muss) im Allgemeinen sowie Facebook und die Fake-News im Besonderen diskutiert. Das Duo vermittelte das im Business gewohnt höfliche Miteinander zweier Wettbewerber auf Augenhöhe. Nichts deutete auf die Eruption hin, die das Berliner Medienhaus der Branche nur wenige Stunden später bescheren würde: eine handfeste Gerichtsklage wegen fortgesetzten Diebstahls von Inhalten gegen Focus Online, eingereicht vor dem Landgericht Köln.

Falls Kallen vom Vorstoß der Springer-Führung wusste, so ließ er es sich nicht anmerken. Die Reaktion seines Verlags jedenfalls sprach deutlich dafür, dass man von der Attacke überrumpelt worden war. Kein Kommentar, so die knappe Reaktion der Burda-Kommunikation auf die Anfragen zum Thema. Man wolle erst einmal abwarten, bis etwas Schriftliches vorliege. Dabei ist das Problem seit langem bekannt, die Kritik von Springer an Burdas News-Portal ebenso. Von „Inhalte-Klau“ war schon 2014 die Rede und auch davon, dass Focus Online wie ein „Nachrichten-Hehler“ agiere. Damals blieb es bei frustierten Anschuldigungen, jetzt kommt es zum offenen Bruch zweier Rivalen in einer Branche, in der es zu den ungeschriebenen Gesetzen gehört, dass eine Krähe der anderen im Interesse aller nicht öffentlich ein Auge aushackt.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Strategien von Kallen und Döpfner in die gleiche Richtung zielen: Beide forcieren seit mehr als einem Jahrzehnt die Transformation ihrer Unternehmen, beide sind überzeugt, dass die Zukunft im Digitalen liegt und reine Printverlage auf Dauer nicht überleben werden. Aber da enden die Gemeinsamkeiten. Der eine kam von McKinsey, der andere aus dem Feuilleton der FAZ. Während man beim Burda-Chef den Eindruck hat, dass er der reinen Publizistik immer weniger zutraut, scheint Döpfner das Agenda-Setting auf die DNA graviert. An einem Verlag, der nicht mehr auf Content und Journalismus als treibende Urkraft setzt, würde einer wie er wohl schnell das Interesse verlieren. Und Döpfner weiß: Ohne ein funktionierendes Bezahlmodell ist digitaler Journalismus auf Dauer nicht zu stemmen.

Deshalb muss es den im eigenen Unternehmen als Chefredakteur sozialisierten Vorstandschef maßlos ärgern, wenn die ohnehin mühseligen Versuche, Paid Content etwa bei Bild Plus zu etablieren, von einem Konkurrenten aus Eigennutz torpediert werden – und der damit sogar Kasse macht. Bereits vor drei Jahren wurden aus der Bild-Redaktion Klagen laut, dass Focus Online die hinter der Pay Wall lagernden Artikel in großer Zahl abgreife und deren maßgeblichen Inhalt nahezu vollständig für das eigene Publikum gratis aufbereite, flankiert von einer an Reichweite und Zugriffszahlen orientierten Werbevermarktung.

Daniel Steil, Chefredakteur des Burda-Portals und ehemaliger Bild-Redakteur, berief sich – juristisch vertretbar – auf das Zitat-Recht und wollte beim großflächigen Abschöpfen der Recherchen des Kontrahenten nichts Anstößiges entdecken können. Dass er damit auch der Kostenlos-Kultur im Netz weiteren Vorschub leistete, sollte ihm indes sehr wohl bewusst gewesen sein. Im Anschluss an die schon damals öffentlich ausgetragene Kontroverse war jedoch zu registrieren, dass Focus Online sich bei der Zweitverwertung von Bild-Exklusivstorys spürbar zurückhielt. In der Branche wurde gerätselt, ob ein internes Machtwort den vorübergehenden Wandel bewirkt hatte, vielleicht sogar von ganz oben aus dem Umfeld des Verlegers Hubert Burda.

Dass Axel Springer nun erneut aufgrund umfangreicher „Ermittlungen“ und in einer Vielzahl von Fällen gegen Burda vorgeht und sogar Wettbewerbsklage einreicht, ist für zwei Medienhäuser dieser Größenordnung schon ungewöhnlich. Dass dies mit der Absicht gekoppelt ist, einen Schadenersatz einzufordern, macht deutlich, dass die Berliner das „systematische“ Abgreifen von Artikeln als Eigentumsdelikt ansehen – und damit als weit gravierender denn als unfreundlichen Akt eines Marktteilnehmers.

Bei Focus Online, so hat man schon länger den Eindruck, geht es den Machern immer weniger darum, im Kanon der Leitmedien eine wichtige Stimme abzugeben. Sondern vor allem darum, Reichweitenrekorde zu markieren, koste es an Qualität, was es wolle. Dafür zieht die Redaktion alle Register, auch solche, die eher für verlagsferne Plattformen typisch und in der Branche geächtet sind. Das Erfolgsprinzip von klick-optimierten redaktionellen Müllhalden im Internet darf für Portale von etablierten Medienmarken kein Maßstab sein. Zum Click-Baiting verdammt zu sein und zur die Nutzer verachtenden Klickschleuder zu verkommen, wird dem Anspruch eines Qualitätsmediums nicht gerecht. Das ist die Kehrseites des Wachstums um jeden Preis: die Perversion der Reichweiten-Optimierung.

Ginge es hier um Apple vs. Samsung oder zwei im Clinch befindliche Autobauer, könnte man einen Streit über die Abschöpfung geistigen Eigentums zur Kenntnis nehmen und abhaken. Bei Verlagen, zu deren dominierenden Themen im Digitalzeitalter der Leistungsschutz und (im eigenen Interesse) die Achtung des Urheberrprinzips gehören, verhält es sich anders. Und kaum einer hat auf diesem Feld einen so eindrucksvollen „Track Record“ wie Hubert Burda. Dass mit Focus Online nun ausgerechnet das Web-Portal des hauseigenen Flaggschiffs – laut Klagevorwurf – sozusagen gewerbsmäßig aus fremden Inhalten ein eigenes Geschäftsmodell zimmert, ist da schon bemerkenswert.

All das passt so gar nicht zum verlegerischen Selbstverständnis eines Mannes, der fast zwei Jahrzehnte als VDZ-Präsident dafür gekämpft hat, dass es angesichts der übermächtigen Gegner aus dem Silicon Valley einen wirksamen Schutz für Verlage und deren Inhalte geben müsse, oder mindestens einen „Fair Share“ aus den Werbeeinnahmen mit von teuren Redaktionen aufwändig produzierten Inhalten. Man könnte aus dem aktuellen Vorgang den Rückschluss ziehen, dass der Einfluss des Verlegers im eigenen Haus schwindet, oder auch, dass seine Werte dort nicht mehr überall hochgehalten werden. Beides wäre schlecht für den Traditionsverlag.

Was Focus Online gegenüber Springers Bild urheberrechtlich in der Grau- und wettbewerbsrechtlich unter Umständen in der Verbotszone vollführt, ist aber auch ein fatales Signal nach draußen. Wenn sich Verlage schon untereinander mit derartigen Methoden beharken, wie sollen Google & Co. sowie der Politik klar machen, dass es ihnen mit dem Schutz von Inhalten ernst ist? Die Einreichung der Klage beim Kölner Landgericht durch Axel Springer ist ein Schuss vor den Bug von Hubert Burda Media, wo der Stein des Anstoßes lange bekannt ist.

Es ist vielleicht auch ein Appell an die Vernunft, denn ein öffentlich geführter Prozess um die Mittel der Geldgenerierung durch News-Portale würde dem Image der Verlage Schaden zufügen. Die Kontrahenten sollten sich an einen Tisch setzen und der feindlichen Übernahme von fremden Inhalten einen Riegel vorschieben – oder sich auf einen einvernehmlichen Modus einigen. Denn käme es am Ende zum Prozess, stünde mit der ganzen Branche ein Verlierer bereits fest.

 

 

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Alle Kommentare

  1. „Anspruch eines Qualitätsmediums“? *Focus*?

    Wer möchte dass denn auch nur entfernt miteinander in Verbindung bringen?

    Die treffendste Beschreibung kam vor vielen Jahren von der Titanic-Redaktion und gilt bis auf den heutigen Tag: „Schwabbelsack-Postille“.

  2. Die Bild-Zeitung klaut seit Jahren unerlaubt Bilder von Privatleuten von Facebook. Schade, dass dort keiner klagt. Typisch Axel Springer: scheinheilig wo es nur geht.

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