Fake-News-Debatte: Jetzt widersprechen die Nachrichten-Praktiker der Politik

Springer-Chef Mathias Döpfner (v. li.), Miriam Meckel und Facebook-Chefin Sheryl Sandberg
Springer-Chef Mathias Döpfner (v. li.), Miriam Meckel und Facebook-Chefin Sheryl Sandberg

In den vergangenen Wochen überboten sich die Parteien geradezu in der Darstellung der gesellschaftlichen Gefahren, die angeblich von Fake-News ausgehen. Eine Aussage, die fast schon selbst im Bereich des Postfaktischen angesiedelt sein könnte. Denn bislang gibt es keine Belege dafür, dass die gefälschten Nachrichten hierzulande überhaupt ein ernstes Problem darstellen. Springer-Chef Mathias Döpfner meint sogar, dass es schon immer Fake-News gab.

Anzeige

So sagte der Medien-Manager auf dem DLD im Gespräch mit Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen, dass er die gesamte Debatte für übertrieben halte: „Seit es Journalismus gibt, gibt es Fake-News, und davor wurden auf dem Marktplatz oder in Kneipen Gerüchte ausgetauscht“.

Das sieht WirtschaftsWoche-Chefredakteurin Miriam Meckel genauso. Auf dem deutschen Medienkongress legte sie dar, dass es sich gar um ein historisches Phänomen handle. So habe Benjamin Franklin bereits im 18. Jahrhundert eine ganze Zeitung gefälscht. Nach Einschätzung von Döpfner würde die Debatte allerdings auch wieder zeigen, welchen Wert eine vertrauenswürdige Quelle für die Leser darstelle: „Verlage sind dafür verantwortlich, dass die Wahrheit berichtet wird, Facebook verteilt sie nur.“

Nach Einschätzung von Döpfner kann man den US-Konzern erst einmal nicht für die Inhalte verantwortlich machen. Denn diese würden von Nutzern erstellt. Wenn die Mitglieder jedoch „etwas Illegales verbreiten, muss Facebook das natürlich löschen – aber Facebook muss die Inhalte seiner Nutzer nicht kuratieren.“

Diese Einschätzung dürfte den Facebook-Chefs gefallen. Im Interview der Bild-Chefredakteurin Tanit Koch erklärte Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-Netzwerkes, am Morgen, dass die Menschen natürlich „keine Falschmeldungen auf Facebook“ sehen wollen. Auch nicht, dass andere Menschen damit Geld verdienen. Die Frage sei also, wie man Fake-News verhindern will: „Wir sagen ganz klar: Wir wollen nicht entscheiden, was die Wahrheit ist. Und ich glaube, niemand will, dass wir das tun.“ Deshalb will Facebook künftig mit Dritten zusammenarbeiten. In Deutschland zum Beispiel mit mit den Recherche-Profis von Correctiv. Nur weil Facebook nicht selbst entscheidet, was eine Fake-News ist und was nicht, „heißt das nicht, dass wir keine Verantwortung übernehmen wollen. Wir übernehmen Verantwortung.“

Möglicherweise kommt auf die Correctiv-Crew gar nicht so viel Arbeit zu. In diesem Bereich gibt es nämlich einen erheblichen Unterschied zu den USA: Es gibt hierzulande keine Fake-News-Produzenten, für die die Herstellung und der Vertrieb der Falsch-Meldungen ein lukratives Geschäft ist. Während des US-Wahlkampfes ließ sich durch Google- und Facebook-Werbung viel Geld mit den teils hanebüchenen Meldungen verdienen. So entstand rund um die gefälschten Nachrichten ein lukratives Web-Business. Ein solches fehlt in Deutschland bislang völlig.

Ebenso fehlt ein Beleg für ein real existierendes Fake-News-Problem. So schaute sich der Datenjournalist Tin Fischer gerade in seinem Blog die Verbreitung der falschen Nachrichten einmal etwas genauer an. Er kommt zum Ergebnis, dass es in Deutschland kaum Fake-News gibt. Bei den meisten Facebook-Postings, die zur Zeit einen entsprechenden Stempel aufgedrückt bekommen, handle es sich eigentlich um klassische Gerüchte.

Damit wäre der gesamte Fake-News-Komplex vor allem ein von der Politik aufgebauschtes Wahlkampfthema. Das Social-Media-Watchblog spekuliert dazu in seiner Ausgabe vom heutigen Dienstag, ob man seitens der Politik nicht die Gunst der Stunde nutzen möchte, Facebook „stärker an die Leine zu legen“. Möglicherweise seien die politischen Akteure aber einfach auch nur schlecht informiert.

Süffisant merkt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube zu dem Thema an, dass die Politiker ja auch nicht immer nur die reine Wahrheit sagen würden. „Über die Sicherheit der Renten, die fiskalische Lage Griechenlands, Massenvernichtungswaffen im Irak, Restlaufzeiten, Elbphilharmoniekosten, CDU-Parteispenden, das No-Spy-Abkommen und so weiter. Soeben glaubten ihnen deshalb alle noch.“ Auch deshalb halten so vielen Journalisten und Medien-Profis das Wettern der Politiker gegen die vermeintliche Fake-News-Gefahr für nicht wirklich glaubhaft.

Anzeige
Anzeige
Anzeige