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Bild dir seine Meinung: SZ bemängelt bei Trump-Exklusivinterview fehlende kritische Nachfragen

„Mir war in den letzten 16 Jahren immer wichtig, dass ich meine Interviews selber vereinbare und auch selber führe“, so Bild-Herausgeber Kai Diekmann (r.) zu seinem Interview mit Donald Trump
„Mir war in den letzten 16 Jahren immer wichtig, dass ich meine Interviews selber vereinbare und auch selber führe“, so Bild-Herausgeber Kai Diekmann (r.) zu seinem Interview mit Donald Trump

Der scheidende Bild-Herausgeber Kai Diekmann hat im Duo mit Times-Journalist Michael Gove ein Exklusivinterview mit Donald Trump geführt. Ein Scoop, der bei aller Aufmerksamkeit auch auf Kritik stößt. Bemängelt wird, dass die Journalisten dem designierten US-Präsidenten zu viel Raum ließen, seine Ansichten kundzutun und auch dann nicht kritisch nachfragten, wenn Trump mit den Fakten daneben lag. Zudem habe der Hinweis auf die Rolle von Gove als Politiker und treibende Kraft beim Brexit gefehlt.

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Donald Trump hat wieder Schlagzeilen gemacht. Diesmal allerdings nicht via Twitter, sondern über Bild und die britische Times. In einem Exklusiv-Interview kritisierte er etwa die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel („Ich habe große Achtung vor Merkel (…), aber ich finde, es war sehr unglücklich, was passiert ist.“), drohte BMW mit Strafzöllen („Wenn sie in Mexiko eine Fabrik bauen und Autos in die USA verkaufen wollen ohne eine 35-Prozent-Steuer, dann können sie das vergessen.“) und bezeichnete die Nato für „obsolet“.

Das Medienecho zum ersten Interview des designierten US-Präsidenten mit europäischen Tageszeitungen war dementsprechend groß. „Zwei Europäer führen ein Interview, das Amerikaner nicht bekommen konnten“, witzelte Times-Journalist Michael Gove, der das Exklusiv-Interview gemeinsam mit dem scheidenden Bild-Herausgeber Kai Diekmann geführt hat. Sie haben aber auch ein Interview geführt, dass nicht gerade als Lehrbeispiel aus der Abteilung „Knallhart nachgefragt“ in die Mediengeschichte eingehen wird.

Denn eine der vermeintlich größten Stärken des Gesprächs offenbart zugleich seine größte Schwäche. Auf der einen Seite: Trumps typisch steilen Thesen und Seitenhiebe sind weder geschönt noch zugespitzt protokolliert; die teilweise verwirrenden Gedankengänge und Eigenheiten von Trump hat die Bild bei der Niederschrift unberührt gelassen und lediglich mit Anmerkungen in Kontext gesetzt – „die Aussagen kommen nicht feingeschliffen aus der Waschmaschine“, wie Diekmann gegenüber der FAZ gesagt hat. Das Interview scheint eher ein Gesprächsprotokoll zu sein, gab es laut Diekmann „weder vorher eine Absprache, worüber wir reden, noch hinterher irgendeine Form der Autorisierung“ – was, anders als hierzulande, üblich ist. „Was Trump im Gespräch gesagt hat, wird von uns genau so transkribiert und in seine Sprache übersetzt“, so Diekmann weiter. Das kann man so machen. Aber es ist eben bei nahezu allen Politiker-Interviews nicht üblich und ungewohnt für die Leser.

Das „rohe“ Interview, das an Trumps Gespräch mit der New York Times erinnert, kommt dadurch umso mehr wie Abhaken von Fragen daher. Das Interview wirke „in Form, Wortwahl und Inhalt stellenweise befremdlich“, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am Montag den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Zumal viele seiner Aussagen „in sich nicht schlüssig“ seien und sich „so auch nicht umsetzen lassen“. Ein Vorwurf, den sich Trump schon abermals anhören musste – hier hätten Diekmann und Gove reagieren können. Aus journalistischer Sicht vielleicht: müssen.

So kritisiert etwa Matthias Kolb von der Süddeutschen Zeitung:

Trump darf seine Sicht auf die Welt herunterbeten (auch zum brisanten Geheimdossier, das Russland angeblich besitzt). Man mag darüber streiten, ob ein deutscher Journalist Trump mit Merkels Begründung für ihre Flüchtlingspolitik konfrontieren muss – aber der Aussage „die EU ist ein Vehikel für deutsche Interessen“ sollte man widersprechen. Und falsche Behauptungen wie „Großbritannien wurde gezwungen, all diese Flüchtlinge aufzunehmen“ sollten korrigiert werden (bis September 2016 nahm das Land laut aktueller Studie knapp 7000 Syrer auf).

Zwar ist es auch der Bild nicht entgangen, dass es bei Trump und der Faktenkenntnis nach wie vor nicht weit her ist – seine Behauptung, die von ihm kritisierte Nato habe 22 Mitgliedsstaaten, wurde in einer der zahlreichen „Anmerkungen der Redaktion“ auf 28 korrigiert. Man spürt förmlich, dass die Fragesteller durch diese Art des Umgangs mit dem Rohtext jedes Risiko ausschließen wollten, dass ihnen im Nachhinein ein Vorwurf der Verdrehung oder Verfälschung gemacht werden könnte. Das Fake-News-Gespenst lässt grüßen.

Aus der Reserve locken ließ Trump sich dabei offenbar nicht. Sogar kritische Nachfragen zu seinen umstrittenen politischen Visionen – so soll es unter Trump etwa „extreme Sicherheitsüberprüfungen geben, es wird nicht so sein wie jetzt“ – musste der designierte US-Präsident nicht fürchten. Wie er mit dem IS umgehen werde? „Das werde ich jetzt nicht sagen“, so Trump. Ob er das Iran-Atom-Abkommen „zerreißen“ werde? „Ich werde nicht sagen, was ich mit dem Iran-Abkommen machen werde. Ich will mir nicht in die Karten gucken lassen.“ Ob es stimme, dass die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt werde? „Dazu werde ich mich jetzt nicht äußern, aber wir werden sehen.“

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Als einfacher Leser stellt man sich automatisch die Frage: „Warum?“ Diekmann und Gove haben sie oft genug nicht gestellt.

Vielleicht ist der teilweise willkürliche Mix aus Fragen – von „Gibt es etwas typisch deutsches an Ihnen?“ direkt zu „Während Ihres Wahlkampfs sagten Sie, dass Angela Merkels Politik in Bezug auf die Flüchtlinge aus Syrien ‚geisteskrank‘ sei. Denken Sie das immer noch? – auch dem Umstand geschuldet, dass sich zwei Journalisten von völlig unterschiedlichen Medien das Interview teilen mussten. Zumindest ein Thema scheint beide Seiten nicht sonderlich interessiert zu haben: der Brexit.

So kommen die SpOn-Redakteure Veit Medick und Marc Pitzke in ihrer Interview-Analyse zu dem Schluss:

Irritierend lesen sich Trumps Sätze zur Europäischen Union. (…) Von der Schwächung Europas verspricht er sich wirtschaftliche Vorteile für den eigenen Laden. Ganz abgesehen von der Frage, ob das überhaupt eine richtige Annahme ist, sind seine Sätze politisch hochgefährlich. Den rechtspopulistischen Bewegungen Europas signalisiert er damit, dass sie künftig einen Verbündeten im Weißen Haus haben.

Ein Thema, das „ich mehr oder weniger vorausgesagt habe“, wie Trump stolz im Gespräch mit Bild und der Times sagt. Und ein Thema, das im Interview – abgesehen von den Fragen, welche Beweggründe die Briten wohl gehabt haben und ob es zu einem Handelsabkommen mit den USA kommen wird – geradezu liegen gelassen wurde. „Hier wird es interessant“, schreibt Kolb (SZ) weiter:

Gove war bis Sommer 2016 Minister unter David Cameron und warb mit Boris Johnson vehement für einen „harten Brexit“. Dieses Detail verschweigt Bild den Lesern jedoch – dabei könnte es erklären, wieso kritische Nachfragen im langen Gespräch nicht vorkommen, sondern die Ehrfurcht dominiert.

Zumindest die Times ist mit diesem Umstand transparenter umgegangen: Die Briten haben keine Frage-Antwort-Version abgedruckt, sondern das Gespräch in einem Fließtext mit mehr Kontext aufgearbeitet. So schreibt Gove, dass Trumps Entourage von seinem Brexit-Wahlkampf gewusst habe und Diekmann wegen dessen Nähe zu diversen Bundeskanzlern eingeladen worden sei. Eine wichtige Rolle könnten aber auch Rupert Murdoch oder sein Sohn James inne gehabt haben. Bekanntlich pflegt Diekmann zum Haus Murdoch enge Kontakte und sitzt auch im Board von der Times.

„Mir war in den letzten 16 Jahren immer wichtig, dass ich meine Interviews selber vereinbare und auch selber führe“, lässt Diekmann im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchblicken, wie viel ihm an diesem letzten großen journalistischen Coup für die Bild Zeitung gelegen hat. Davon zeugt auch das minuziöse Making-of, mit dem der langjährige Bild-Chef auf Twitter das Trump-Interview und seine Entstehung dokumentiert hat. Ein Interview, „das Geschichte schreiben dürfte“ (so O-Ton Bild), ist es aber nicht geworden. Denn so ungewohnt nahbar und authentisch Trump in diesem Gesprächsprotokoll auch daherkommen mag – „die Aussagen kommen nicht feingeschliffen aus der Waschmaschine“, wie Diekmann sagt. Dabei wären konkrete Aussagen von Donald Trump mal eine willkommene Abwechslung gewesen.

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