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„Zum Schaudern“, „eine Katastrophe“, „Chaos“: Medien-Echo zum Trump-Dossier und seiner Pressekonferenz

Donald Trump auf seiner ersten Pressekonferenz seit der gewonnen Wahl
Donald Trump auf seiner ersten Pressekonferenz seit der gewonnen Wahl

Für die Zeit war es ein „Schauspiel zum Schaudern“: Am gestrigen Mittwoch gab Donald Trump seine erste PK seit Monaten und es ging hoch her: Mögliche Interessenskonflikte und das kompromittierende Dossier, das CNN und Buzzfeed veröffentlicht hatten. Am Tag danach beschäftigt sich die Presse vor allem mit der Akte, ihrem Inhalt und ihrer Entstehungsgeschichte. So notiert Herausgeber Bernhard Köhler in der FAZ: „Aus Moskau kommen nicht nur Liebesgrüße“.

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Rieke Havertz von Zeit Online sieht ein „Schauspiel zum Schaudern“: „Bei einer Farce von einer Pressekonferenz, der ersten seit Monaten, zeigte sich Trump von all seinen schlechten Seiten. Er überhöhte sich selbst, spottete über Hillary Clinton, beleidigte Journalisten und das alles in schön einfachen Satzkonstruktionen.“

Bei Spiegel Online gibt Marc Pitzke einen Einblick hinter die Kulissen der PK: „Trumps erste Pressekonferenz als designierter US-Präsident versinkt im Chaos, noch bevor sie anfängt. Dutzende Reporter keilen sich im Trump Tower um Plätze. Es stinkt nach Schweiß und den Toiletten, die dem Andrang nicht gewachsen sind.“ Weiter vorne im Text heißt es: „Wie ein Rudel ausgehungerter Kojoten wälzen sich die Reporter durch den Trump Tower, treten sich auf die Füße, stoßen sich rüde aus dem Weg: „Weg da!“ Sie brüllen ihre Fragen durcheinander, übereinander, gegeneinander, winken wichtigtuerisch mit ihren Stiften wie in einem schlechten Hollywoodfilm. Aber erst machen sie Selfies.“

In ihrem taz-Kommentar lässt Dorothea Hahn noch einmal die Pressekonferenz Revue passieren: „Trump weigert sich weiterhin, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen, wie es seine Vorgänger getan haben. Prahlt jedoch beiseiner Pressekonferenz mit einem zwei Milliarden Dollar-Deal in Dubai, der ihm am Wochenende angeboten worden sei und den er nicht angenommen habe. Er antwortet nur auf Fragen, die ihm in den Kram passen. Er erteilt einem Journalisten, dessen Sender CNN Recherchen über kompromittierende Informationen in Russland angestellt hat, ein Frageverbot, weil CNN ein „Fake-Medium“ sei. Er nennt das Onlinemedium BuzzFeed „einen Haufen Müll“. Und er drischt auf die Spitzen der US-Geheimdienste ein, die „Unsinn“ produzieren.“

In seinem langen Seite 3-Stück in der Süddeutschen Zeitung zeichnet Hubert Wetzel unter anderem auch die Geschichte des belastenen Trump-Dossiers nach: „Nach allem, was bisher über den Autor der belastenden Dokumente bekannt geworden ist, war er im Auftrag von Trump-Gegnern unterwegs. Zuerst arbeitete er offenbar für innerparteiliche Rivalen des Republikaners, dann für Unterstützer der Demokraten. Dass er seinen Auftraggebern nicht mit leeren Händen unter die Augen treten wollte, ist eine aus betriebswirtschaftlicher Sicht wohl nachvollziehbare Haltung. Aber dass seine Dokumente über Monate in Washingtoner Journalisten- und Politikerkreisen herumgereicht wurden, ohne dass jemand sie veröffentlichen wollte, spricht nicht für deren astreine Qualität.“

Sacha Batthyany richtet in seiner SZ-Analyse den Blick noch auf einen anderen Punkt. Das Trump immer mehr an Zustimmung verliert, bevor er überhaupt regieren kann: „Ob an den neuen Vorwürfen nun etwas dran ist oder nicht: Donald Trump zieht als angeschlagener Präsident ins Weiße Haus, dem tiefstes Misstrauen in einem Teil der Bevölkerung entgegenschlägt. Sein Beliebtheitsgrad rutschte in einer neuen Umfrage auf 37 Prozent ab, das ist kein guter Wert für jemanden, der ein Präsident „für alle Amerikaner“ sein will, wie er selbst beteuert.

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FAZ-Herausgeber Berthold Kohler glaubt, dass Trump mittlerweile auch erfahren haben dürfte, „dass aus Moskau nicht nur Liebesgrüße kommen“. Weiter schreibt er in seinem Kommentar: „Doch wird es ihm gelingen, die aufgeheizte Stimmung in Amerika zu beruhigen? Auch seine Anhänger dürften die Veröffentlichung von solchen Geheimdienstberichten als weiteren Beleg dafür ansehen, wie verzweifelt das verhasste „Establishment“ versuche, sich an dem Mann zu rächen, der es besiegte. Amerika stehen schwere Zeiten bevor. Wie es aus seiner tiefen Zerstrittenheit gestärkt hervorgehen soll, bleibt Trumps Geheimnis, das er auch in seiner ersten Pressekonferenz nicht lüftete.“

In der FAZ beschreibt Russland-Korrespondent Friedrich Schmidt, dass sich das Trump-Dossier, wie eine „Bestenliste aus dem Trickarsenal russischer Agenten und ihres obersten Dienstherrn, Präsident Wladimir Putin“, lesen würde. Tatsächlich scheint die versteckte Kamera eine russische Spezialität zu sein. „Freilich befeuert die Veröffentlichung auch deshalb die Phantasien, weil es in der jüngeren Geschichte etliche Beispiele gibt, wie genau mit „Kompromat“ Gegner des Kremls kaltgestellt wurden. Die versteckte Kamera ist ein Attribut Moskauer Macht. Erst vor kurzem wurde ein innenpolitischer Gegner Putins, der Oppositionspolitiker Michail Kasjanow, mit einer mutmaßlich vom Geheimdienst FSB versteckten Kamera im Bett mit einer Mitstreiterin gefilmt“.

In der Welt nähert sich Naemi Goldapp dem Mann, der das Trump-Dossier zusammengestellt haben soll. Bei ihm soll es sich um Christopher Steele handeln. „Einen ehemaligen Offizier beim britischen Auslandsgeheimdienst MI6. Als Diplomat getarnt soll er jahrelang in Russland, Paris und im Außenministerium in London tätig gewesen sein.“ Weiter schreibt sie: „Nach seinem Ausscheiden soll er mit seinem Unternehmen „Orbis Business Intelligence“ für die britische Regierung den Korruptionsskandal bei der FIFA untersucht haben, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Zu dem Zeitpunkt hoffte Großbritannien darauf, die Weltmeisterschaft 2018 oder 2022 austragen zu können, die später an Moskau und Katar ging.“

Le Figaro schreibt: „Wir sind noch weit vom Impeachment entfernt, jenem Amtsenthebungsverfahren, das schon gegen drei amerikanische Präsidenten in Stellung gebracht wurde. Aber die Ära Trump beginnt im Gewitter. Und eine Frage stellt sich immer mehr, je tiefer der Schlamm wird. Bis zu welchem Punkt kann das solide amerikanische System diese unwahrscheinliche Serie an Donnerschlägen einstecken?“

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