Es war richtig von BuzzFeed das Anti-Trump-Dossier zu veröffentlichen, aber …

Donald Trump, BuzzFeed-Chefredakteur Ben Smith
Donald Trump, BuzzFeed-Chefredakteur Ben Smith

In den USA tobt eine Debatte, ob es richtig oder falsch von BuzzFeed war, ein Dossier mit schwerwiegenden Anschuldigen gegen den designierten US-Präsidenten Donald Trump zu veröffentlichen. Es ist eine schwierige Frage, die die ganz grundsätzlichen Aufgaben des Journalismus berührt. Was darf oder soll man veröffentlichen? Und wann? Generell war es wohl richtig, das Dossier zu veröffentlichen. Aber vielleicht nicht in der Art und Weise, wie es BuzzFeed getan hat.

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Es geht um ein 35-seitiges Dossier, das von einem ehemaligen britischen Geheimdienst-Mitarbeiter erstellt wurde, der mittlerweile eine private Ermittlungsfirma betreibt. Auftraggeber sollen laut CNN zunächst Unterstützer der Republikanischen Partei gewesen sein, die eine Nominierung Trumps als Präsidentschaftskandidat verhindern wollten. Nachdem Trump nominiert war, seien die Nachforschungen von Unterstützern der Demokratischen Partei weiter finanziert worden.

In dem Dossier geht es um Kontakte zwischen Mitarbeitern Trumps und der russischen Regierung. Russland habe die Trump-Kampagne mit sensiblen Informationen über seine Gegnerin Hillary Clinton versorgt. Man habe Trump zudem lukrative Immobilien-Deals in Russland angeboten, die Trump allerdings nicht angenommen habe. Für Aufsehen sorgt außerdem eine bizarre Passage, in der es darum geht, dass Trump in einem Moskauer Hotel Dienste von Prostituierten in Anspruch genommen haben soll. Laut dem Dossier sollen die Vorgänge vom russischen Geheimdienst arrangiert und dokumentiert worden sein, was Trump möglicherweise erpressbar mache. Trump und seine Mitarbeiter haben den Darstellungen in dem Dossier heftig widersprochen und sie als Fake-News bezeichnet. In dem Dossier ist freilich auch davon die Rede, dass Russland kompromittierendes Material über Hillary Clinton gesammelt habe.

Das Dossier zirkulierte offenbar seit Herbst 2016 in politischen Kreisen in den USA und bei diversen Medien. Dass es nun öffentlich gemacht wurde, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. CNN berichtete, dass eine zweiseitige Zusammenfassung des Dossiers dem noch amtierenden Präsidenten Obama sowie Trump ausgehändigt wurde. Den CNN-Bericht nahm BuzzFeed zum Anlass, das gesamte Dossier online zu veröffentlichen. Dass kurze Zeit später Trump zu seiner ersten Pressekonferenz seit der Wahl geladen hat, mag auch eine Rolle gespielt haben.

Im Begleittext bei BuzzFeed wird deutlich darauf verwiesen, dass das Dossier sachliche Fehler enthält, nicht verifiziert ist und in weiten Teilen nicht verifizierbar sei. Als Begründung für die Veröffentlichung erklärt BuzzFeed, man wolle, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit selbst ein Bild über dieses Dokument machen kann, das in weiten Teilen der Medien, der Politik und der Geheimdienste zirkuliert und möglicherweise Regierungs-Entscheidungen beeinflusst. In einer Memo hat BuzzFeed-Chefredakteur Ben Smith die Gründe für eine Veröffentlichung näher erläutert.

Die Veröffentlichung wurde von traditionellen Medien wie der New York Times oder der Washington Post kritisiert. Margaret Sullivan, Medien-Kolumnistin der Post, schrieb, BuzzFeed habe mit der Veröffentlichung eine Linie überschritten: „Es ist und war schon immer eine schlechte Idee, unbestätigten Schmutz zu veröffentlichen“, so Sullivan. John Podhoretz schrieb in der New York Post: “Nach meiner Erfahrung gibt es keine Quelle gegenüber der man skeptischer sein sollte und deren Information man Punkt für Punkt genauer verifizieren muss, bevor man überhaupt daran denkt, sie zu veröffentlichen, als eine ‚Geheimdienst’-Quelle.“

In einem Interview mit MSNBC hat BuzzFeed-Chefredakteur Ben Smith die Beweggründe für eine Veröffentlichung noch einmal näher erläutert. Er argumentiert, in einer Vor-Internet-Ära hätte es vielleicht die Möglichkeit gegeben, ein solches Dokument vor der Öffentlichkeit für einen langen Zeitraum geheim zu halten. In dem Moment aber, ab dem öffentlich wurde, dass es ein solches Geheim-Dokument gibt und dass darin schwere Anschuldigungen gegen den künftigen US-Präsidenten enthalten sind, sei es die Pflicht von Medien, es zu veröffentlichen. Ansonsten hätte die Öffentlichkeit darauf vertrauen müssen, dass die Medien schon die richtige Entscheidung treffen, wenn sie ihr die Inhalte aus dem Dossier vorenthalten.

Smith macht hier tatsächlich einen wichtigen Punkt. Die Funktion von Medien als „Gatekeeper“ von Informationen ist tatsächlich nicht mehr dieselbe wie in der Vor-Internet-Ära. Wäre das Anti-Trump-Dossier von einer Plattform wie Wikileaks veröffentlicht worden, hätten dies keine Medienethik-Debatte ausgelöst, sondern man hätte einfach mit dem Material gearbeitet. Man muss BuzzFeed auch zu Gute halten, dass das Portal überaus deutlich gemacht hat, dass es sich bei dem Dossier um unverifizierte und möglicherweise falsche Anschuldigungen handelt. Auch auf faktische Fehler in dem Dossier wurde deutlich hingewiesen.

In der Debatte um Fake-News muss man hier zwischen dem Dossier selbst und seinen Inhalten trennen. Das Dossier ist real und authentisch, es ist keine Fake-News. Die Inhalte des Dokuments sind aber möglicherweise oder sogar wahrscheinlich falsch. Darf man das Dossier darum nicht veröffentlichen? Obwohl hochrangige US-Geheimdienstler es als relevant genug einstufen, dass sie dem amtierenden und den künftigen Präsidenten darüber offiziell informieren?

Die Columbia Journalism Review weist darauf hin, dass auch einige der wesentlichen Anschuldigungen gegen Hillary Clinton aus den von Wikileaks geleakten E-Mails der Demokraten nicht verifiziert waren und vor der US-Präsidentschaftswahl trotzdem veröffentlicht und breit diskutiert wurden. Smith selbst bringt das Beispiel von dem auch von Trump selbst immer wieder ins Spiel gebrachten Gerüchts, dass Barack Obama gar nicht in den USA geboren sei. Hätte man dann auch darüber nicht berichten dürfen, weil es offensichtlicher Unsinn ist?

Kurz gesagt: Die Befürworter einer Veröffentlichung sind der Auffassung, dass eine Information, die in der Welt ist, sich nicht mehr einfangen lässt, nicht zurückgehalten werden kann und darf. Es ist nicht die Aufgabe der Medien, Informationen zurückzuhalten, um Amtsträger, Politiker oder das Publikum vor irgendetwas zu schützen. Das wäre Hybris. Es ist aber die Aufgabe der Medien potenziell Informationen zu verifizieren, und einzuordnen. Das mit dem Verifizieren hat offenbar nicht geklappt, sonst würden die Medien nicht unisono behaupten, die Infos aus dem Dossier seien nicht verifizierbar. Es hätte BuzzFeed aber gut zu Gesicht gestanden, den Prozess der Recherchen soweit möglich auch öffentlich zu machen. Klar herauszustellen, was versucht wurde zu verifizieren und wie. Und vielleicht auch, warum das im jeweiligen Fall nicht möglich war. Das würde auch zur vom Smith beschworenen Transparenz gehören.

Das hätte der Veröffentlichung des Anti-Trump-Dossiers eine zusätzliche Ebene an Einordnung verliehen, die dringend nötig wäre. Ja, es war richtig, das Dossier zu veröffentlichen. Aber nur mit dem Veröffentlichen ist es nicht getan.

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