„Wir wissen nichts. Alles ist möglich“: Kachelmann fordert Zurückhaltung im Fall Diekmann

Jörg Kachelmann  (re.) wurde im Prozess freigesprochen – im Umgang mit den Anschuldigungen gegen Bild-Herausgeber Kai Diekmann mahnt er Zurückhaltung an
Jörg Kachelmann (re.) wurde im Prozess freigesprochen – im Umgang mit den Anschuldigungen gegen Bild-Herausgeber Kai Diekmann mahnt er Zurückhaltung an

In einem taz-Interview hat Jörg Kachelmann nach den Anschuldigungen gegen Bild-Herausgeber Kai Diekmann Medien und Öffentlichkeit zur Zurückhaltung im Umgang mit dem Tatvorwurf aufgefordert. Das ist bemerkenswert, da Kachelmann 2016 von Bild die Rekordsumme von 395.000 Euro als Entschädigung wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte im Zuge seines Vergewaltigungs-Prozesses erstritten hatte.

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Auf die Frage der taz, was ihm durch den Kopf gehe, wenn er über den Vorwurf einer Springer-Mitarbeiterin lese, der Herausgeber der Bild-Gruppe habe sie beim Baden sexuell belästigt, antwortet der Wettermoderator: „Empathische Leere. Das Leben eines Menschen ist weitgehend zerstört worden. Wir wissen nur noch nicht, welches Menschen.“ Kachelmann war nach einem acht Monate dauernden Gerichtsprozess, der bundesweit für Aufsehen sorgte, 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden und kämpft seither für seine Rehabilitation wie auch darum, dass die Anzeigeerstatterin strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird.

Zum am Freitag bekannt gewordenen Ermittlungsverfahren gegen den langjährigen Bild-Chefredakteur sagt der 58-Jährige: „Schadenfreude wäre doppelt respektlos. Ist er ein Opfer einer Falschbeschuldigung, weiss ich ich, was er durchmacht und ich wünsche das wirklich niemandem. Ist die Frau das Opfer, wäre ein so flaches Gefühl wie Schadenfreude gegenüber dem Täter völlig unangemessen ihr gegenüber.“ Und über Diekmann, dessen Blatt und Online-Plattform er in mehr als hundert Fällen wegen Eingriffs in seine Privatsphäre verklagt hatte: „Ich möchte deswegen ihm nicht Dinge wünschen müssen, die ich niemandem wünsche. Ich wünsche uns allen nur eines: eine gute Staatsanwaltschaft, ein gutes Gericht, wenns soweit kommt.“

Offen ist für Kachelmann, ob die Medien aus den Erfahrungen in seinem Fall gelernt haben: „Man wird sehen, ob der angeblich geläuterte Korpsgeist der Hyänen hält, falls es in einer Hauptverhandlung ans Eingemachte geht.“ Und weiter: „Weil Hubert Burda stillhalten wird, gibt es keine gekauften Zeuginnen, die für 50000 Euro berichten, dass sie auch schon mal mit Diekmann gebadet hätten und ihnen später übel wurde. Die Frage ist, wie sich die kleinen People-Magazine verhalten, deren Chefredakteure nicht mental davon abhängen, in der Elbphilharmonie fünf Plätze schräg hinter Friede Springer sitzen zu dürfen.“

Dass die Feministin und Emma-Herausgeber Alice Schwarzer, die aus dem Kachelmann-Prozess sehr tendenziös für Bild berichtet hatte, sich hier zu Wort meldet, glaubt er nicht: „Sie wird nicht die Hand beissen, die ihr aus der Bedeutungslosigkeit als Gast in Panelshows in dritten Programmen geholfen hat.“ Kachelmanns Rat an alle Journalisten, was den Umgang mit dem Ermittlungsverfahren gegen Diekmann angeht: „Nicht Richter spielen, bevor das Gericht gesprochen hat. Wir wissen nichts. Alles ist möglich.“

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