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Kai Diekmann und der Sex-Vorwurf: Mit Bild im Fahrstuhl nach oben, mit dem Spiegel wieder nach unten

Bild-Herausgeber Kai Diekmann: Eine Mitarbeiterin beschuldigt ihn der sexuellen Belästigung
Bild-Herausgeber Kai Diekmann: Eine Mitarbeiterin beschuldigt ihn der sexuellen Belästigung

An diesem Freitag feiert sich der Spiegel, und das gleich doppelt: Im Hamburger Rathaus fand der Festakt zum 70. Geburtstag statt, zugleich verbreitete das Nachrichtenmagazin eine Vorab-Meldung, die es in sich hatte: Die Staatsanwaltschaft ermittele gegen Bild-Herausgeber Kai Diekmann wegen sexueller Belästigung einer Mitarbeiterin. Der Spiegel landet damit einen bundesweit beachteten Scoop – der allerdings auch Fragen nach medienethischer Verantwortung aufwirft.

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Mit Bild fuhr Kai Diekmann im Fahrstuhl nach oben, jetzt fährt er mit dem Spiegel wieder hinab: Die Vorab-Meldung, mit der das Hamburger Nachrichtenmagazin die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Potsdam gegen den 52-Jährigen am Freitag öffentlich machte, schlug nicht nur in der Branche ein wie eine Bombe. Ein Bild-Herausgeber, der sich einer Mitarbeiterin beim Baden nach einer Klausurtagung unsittlich nähert und sie sexuell belästigt, passt buchstäblich ins Bild. Gleich mehrere Boulevard-Stereotype werden damit bedient. Eine Story, wie gemalt für die Kritiker der Praktiken des publizistischen „roten Riesen“ aus dem Springer-Reich und deren Sicht der Dinge: ein Macho-Blatt, das bis heute mit nackten Tatsachen und anzüglichen Fotos von jungen Frauen Auflage macht, gelenkt von selbstherrlichen Alleinherrschern, für die es keine moralischen Grenzen gibt. Man ahnt schon, dass allein die Enthüllung der Ermittlung Wasser auf die Mühlen einschlägiger Lobbyisten sein wird.

Bislang gibt es ein Ermittlungsverfahren, und wer sich die Mühe macht, dessen Details in Erfahrung zu bringen, hat vorerst Schwierigkeiten, daraus ein stimmiges Bild abzuleiten. Man muss davon ausgehen, dass allein der Vorwurf der Mitarbeiterin, die Diekmann selbst vor rund zwei Jahren eingestellt hatte, vom Unternehmen sehr ernst genommen wurde. Die Angestellte hatte sich nach dem von ihr beschriebenen Ereignissen an die Verlagsführung gewandt. Diese entschied, externe Experten zur Klärung der Angelegenheit einzuschalten.

Der angebliche Tat-Zeitpunkt war der späte Abend des 22. Juli 2016. An diesem Tag fand rund um den privaten Wohnsitz Diekmanns der gesellschaftliche Ausklang der jährlichen Klausurtagung der Bild-Gruppe statt. Etliche Teilnehmer nutzten diesen Anlass zu einem sommerlichen Bad im Potsdamer See. Was dabei zwischen dem Bild-Herausgeber und der Springer-Angestellten kurz vor Mitternacht geschah, ist völlig unklar. Sicher ist nur, dass die Frau Vorwürfe der sexuellen Belästigung durch den Chef der roten Gruppe erhebt und bis heute daran festhält.

Staatsanwaltschaft bestätigt lediglich ein Ermittlungsverfahren

Diekmann selbst dagegen bestreitet die Anschuldigungen in vollem Umfang. Die vom Konzern beauftragte juristische Klärung ergab, dass sich Diekmann aus Unternehmenssicht keines strafrechtlich relevanten Verhaltens schuldig gemacht hat. Dieses Ergebnis, das offenbar bereits Ende Sommer vergangenen Jahres feststand, bedeutete auch, dass keinerlei disziplinarische Maßnahmen gegen Diekmann verhängt wurden. Hätten sich die Vorwürfe nach Überzeugung des Verlagshauses bestätigt, wäre nach den Regeln von Axel Springer eine fristlose Kündigung unausweichlich gewesen.

Statt dessen übergab der Verlag dem Vernehmen nach die kompletten internen Untersuchungsergebnisse mit ausdrücklichem Einverständnis von Kai Diekmann an die zuständige Staatsanwaltschaft, wie es heißt, zur endgültigen und rechtsverbindlichen Klärung der Frage, ob ein strafrechtliches Verhalten Diekmanns vorliegt oder nicht. Offenbar hatte die Behörde bereits am 4. Oktober Kenntnis von dem Vorgang. Formal kommt der Schritt des Unternehmens einer Anzeige gleich, selbst wenn das Ziel die Entlastung des Beschuldigten sein sollte. Die Mitarbeiterin, die zuvor im Zuge der internen Nachforschungen gegenüber dem Medienhaus auch die Zahlung einer nicht unerheblichen Geldsumme in den Raum gestellt haben soll, erstattete offenbar ihrerseits Strafanzeige, nachdem sie von der Unterrichtung der Staatsanwaltschaft durch Axel Springer erfahren hatte. Die Forderung nach einer Geldentschädigung seitens einer Mitarbeiterin gegen ein Unternehmen ist nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG, umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz genannt) im Falle schuldhaften Verhaltens eines Vorgesetzten dann möglich, wenn es sich um eine offizielle Betriebsveranstaltung gehandelt hat. Bei dem Bild-Event am 22. Juli war dies der Fall.

Die strafrechtlichen Ermittlungen dauern auch nach drei Monaten weiter an, die Staatsanwaltschaft selbst gibt sich auf Anfrage von MEEDIA bedeckt: Bestätigt wird lediglich ein Ermittlungsverfahren gegen den Bild-Herausgeber, zum Inhalt oder dem zugrundeliegenden Tatvorwurf äußert sich die Behörde nicht. Die Lage ist daher unklar. Zwar wäre es denkbar, dass ein Unternehmen angesichts solcher Vorwürfe durch eine Untergebene vorschnell den Vorgesetzten von jedem Verdacht befreit – es passt indes kaum zur Realität der von Compliance geregelten Unternehmenswirklichkeit eines Aktienkonzerns mit zahlreichen internationalen Investoren. Die Gefahr eines Bumerang-Effekts bei Vertuschung eines sexuellen Übergriffs erscheint dabei nicht unbeträchtlich.

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Der Spiegel nimmt große Verantwortung auf sich

Mit der Veröffentlichung des Inhalts der Vorwürfe, die gegen Diekmann erhoben worden sind, geht der Spiegel nun dennoch an die Öffentlichkeit – und drüber hinaus, was die Ermittler in Potsdam offiziell zu bestätigen bereit sind. Das Nachrichtenmagazin nimmt damit auch eine große Verantwortung auf sich. Denn gerade beim Vorwurf von Sexualdelikten gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor der Grundsatz „schuldig bei Verdacht“. Die Veröffentlichungen werden auch im Fall Diekmann nachwirken, völlig unabhängig davon, ob die Ermittlungen eingestellt werden und sich der Verdacht möglicherweise nicht erhärtet. Dass es sich bei dem „Verdächtigen“ um den langjährigen Chef, der im Umgang mit Persönlichkeitsrechten nicht zimperlichen Bild-Zeitung handelt, darf dabei für ein Leitmedium wie den Spiegel kein Freibrief sein.

Der Fall Kachelmann hat den Medien drastisch vor Augen geführt, welche gravierenden Folgen eine Berichterstattung auch nach einem Freispruch haben kann. Viele Chefredakteure, wohl auch im Hause Springer, haben daraus gelernt und wären heute in einigen Fällen der Berichterstattung zurückhaltender. Dabei war die Lage beim Vergewaltigungs-Vorwurf gegen den Wetter-Moderator auch rechtlich eine andere: Es gab eine Festnahme, kurz danach eine Anklage, später einen Prozess. Nichts davon ist bei Diekmann bislang der Fall. Wie das Verfahren rechtlich und hinsichtlich seines Rufes für Diekmann ausgeht, ist derzeit offen. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es zu einer Anklage oder auch einem Prozess kommt. Eine Berichterstattung, wie sie nun der Spiegel vorgegeben hat, wäre dann aber immer noch möglich und wohl auch geboten. Jetzt ist die Sache in der Welt, und niemand, auch nicht die Branchen-Medien, können daran vorbei.

Diekmanns Weggang vom Springer-Verlag bekommt neue Lesart

Für viele erscheint der überraschende Abgang des Bild-Herausgebers bei Springer zum 1. Februar dieses Jahres eine neue Lesart bekommen zu haben. Wie der Spiegel schreibt, könne der Vorwurf die Trennung „beschleunigt“ haben. Im Umfeld des Unternehmens wird dagegen beteuert, dass die Entscheidung Diekmanns, den Verlag zu verlassen, bereits im Herbst 2015, also vor mehr als einem Jahr, getroffen worden sei. Demnach bestehe kein Zusammenhang. Dass die Tatsache, dass Führungskraft und Medienhaus demnächst getrennte Wege gehen, beide Seiten angesichts der kommenden Medienberichte auch erleichtern dürfte, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Für Kai Diekmann ist das schwelende Verfahren eine heikle Sache. Nach MEEDIA-Informationen heißt es internen Vermerken der Staatsanwaltschaft Potsdam, dass wegen des Verdachts der Vergewaltigung förmlich ermittelt wird, und zwar nach Paragraf 177 StGB, der laut Gesetzbuch sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung sowie Vergewaltigung unter Strafe stellt. Wann über die Erhebung einer Anklage entschieden wird, steht noch nicht fest.

 

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