„Es sind Zeiten, die den Spiegel brauchen“: Chefredakteur Klaus Brinkbäumer zum 70. Geburtstag des Nachrichtenmagazins

Geburtstagsfeier mit dem Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (li.), Ursula von der Leyen und Bürgermeister Olaf Scholz
Geburtstagsfeier mit dem Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (li.), Ursula von der Leyen und Bürgermeister Olaf Scholz

Der Spiegel wird 70. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz lud deshalb zu einem Senatsempfang ein. Begleitet wurde das Ereignis von Prominenz aus Politik und Wirtschaft. In der Überzahl waren vor allem Vertreter aus der Medienzunft - mit dabei ehemalige Spiegel-Chefredakteure wie Stefan Aust und Wolfgang Kaden oder die Eigentümer des Hamburger Nachrichtenmagazins.

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Der Spiegel wird 70 alt – ein runder Geburtstag für eines der wichtigsten Nachrichtenmagazine Deutschlands, das Woche für Woche in der Medienstadt Hamburg entsteht. Wie bei solchen Anlässen üblich, lud Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz daher heute zu einem Empfang in den Großen Festsaal des Rathauses ein.

Und die Veranstaltung wurde zu einem Plädoyer für einen investigativen Journalismus in Zeiten von Fake-News und „Lügenpresse“. „Sagen, was ist“ – Magazingründer Rudolf Augsteins mahnender Leitspruch sei daher für Scholz „aktueller denn je“. Denn eine „gelingende Demokratie“ ohne Journalismus mag er sich nicht vorstellen. „Voraussetzung für die Demokratie ist schließlich, dass wir Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden und so auch Lügen als Lügen enttarnen können“, so der SPD-Politiker.

„Sagen, was ist“ – auch für Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ist der Leitspruch des Firmengründers wichtiger denn je, da über die neuen sozialen Medien wie Facebook und Twitter die Möglichkeit bestünde, Gerüchte und Lügen zu verbreiten. Sie seien für allzu viele Menschen ebenso unterhaltsam und „nach einer Weile ebenso wahr wie die Wahrheit“. Denn Facebook und Twitter würden nun einmal alles verbreiten, egal ob erfunden und belegt und alles sehe authentisch aus, beklagt er. Doch darin liege die Gefahr: „Wenn Algorithmen zu Chefredakteuren werden, werden Menschen, die rassistische Texte lesen wollen, mit rassistischen Texten beliefert.“ Vor allem der neue US-Präsident Donald Trump nutze dieses Medium. „Wichtige Zeiten für den Spiegel sind das, es sind Zeiten, die den Spiegel brauchen. Lügner müssen Lügner genannt werden. Rassisten sind zu beschreiben als das, was sie sind“, so der Blattmacher. Das sei aufwendig und verlange Korrespondenten und gut ausgebildete Redakteure und Dokumentare, also das Gegenteil von „churnalism“, wie der Fließbandjournalismus in Großbritannien genannt wird.

Nicht verkneifen konnte sich Brinkbäumer einen Wink über die Berichterstattung von Branchendiensten, die immer wieder über aktuelle Zerwürfnisse im Spiegel-Hochhaus berichten. „Hin und wieder lese ich Texte über unsere etwas seltsam mit sich umgehende Branche, und in den Medienmedien lese ich dann wie zerstritten wir seien, wie selbstbezogen, reformverweigernd, aber ich habe in bisher knapp 24 Jahren in diesem Haus keinen Spiegel-Redakteur und natürlich auch keine Spiegel-Redakteurin getroffen, dem oder der nicht das ganz oder gar ernsthaft am Wohl des Spiegel gelegen gewesen wäre“, sagt der ehemalige Abendzeitung-Redakteur.

Völlig ausgeblendet hat Brinkbäumer in seiner Rede – wie bei solchen Anlässen üblich – die Probleme im eigenen Haus an der Ericus-Spitze. So leidet das norddeutsche Unternehmen seit Jahren unter rückläufigen Auflagen und schrumpfenden Anzeigenerlösen und damit unter einem sinkenden Umsatz und Gewinn. So verringerte sich der Umsatz in den vergangenen zehn Jahren von 322 auf 284 Millionen Euro. Spiegel-Verlagschef Thomas Hass war daher gezwungen, beherzt gegen zu steuern. Er rief Mitte 2015 die „Agenda 2018“ aus, eine Mischung aus Wachstumsprojekten durch neue Produkte wie das Best-Ager Magazin Spiegel Classic und einer radikalen Schlankheitskur.

Betroffen ist hier vor allem das Personal, das die Einschnitte schmerzhaft zu spüren bekommt. Erstmals in seiner Firmengeschichte sprach das Spiegel-Management Mitarbeitern Ende vergangenen Jahres betriebsbedingte Kündigungen aus. Zudem haben inzwischen 111 Mitarbeiter freiwillig – gegen Zahlung einer Abfindung – auf ihre Jobs verzichtet. Führungsfragen belasteten vor allem zum Jahresende die Arbeit der Redaktion. Überraschend wurde vor wenigen Wochen Florian Harms, Chefredakteur von Spiegel Online, durch seine Vize-Chefin Barbara Hans ausgewechselt. Doch Schwamm darüber. Es wird gefeiert. Da sind solche Fakten eher Nebensächlichkeiten.

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