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Medien über 70 Jahre Spiegel: mehr „publizistische Qualität“ oder „weniger Reporterglück“ als früher?

Die erste und die aktuelle Ausgabe des Spiegels
Die erste und die aktuelle Ausgabe des Spiegels

Der Spiegel feiert seinen 70. und wird so selbst zum Objekt der Berichterstattung. Die einen meinen, dass die „publizistische Qualität „noch besser als in früheren Jahren“ sei. Andere ärgern sich über „mit Getöse dargebotene Titelgeschichten über Fußballer, die Steuern sparen wollen“ und Dritte bemängeln, dass die Blattmacher „seit Jahren vor allem das Schönschreiben belohnt“. Das Echo der Medien.

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In ihre Analyse zum Zustand des Nachrichtenmagazins kommen die taz-Autoren Daniel Bouhs und Anne Fromm zu dem Ergebnis, dass der Spiegel vor allem bei der Investigativen Recherche „schwächeln“ würde. Sie schreiben unter anderen: „In einer Zeit, in der Onlinemedien das schnelle Nachrichtengeschäft erledigen, muss sich ein Wochenmagazin neu aufstellen. Dazu gehören auch die Analyse und der einordnende Kommentar. Nur bilden die eben nicht den Markenkern des Spiegels.“ Weiter heißt es: Auch in der Redaktion sehen das einige so. Unter den Rechercheuren beobachte man verwundert, dass seit Jahren vor allem das Schönschreiben belohnt werde: tolle erste Sätze, goldene Zitate, die schönen Geschichten.“

In der FAZ fasst Michael Hanfeld erst die Geschichte des Magazins zusammen. Dann schreibt er: „Siebzig Jahre später hat es den Spiegel einige Male durchgeschüttelt, vor allem in der Zeit nach dem langjährigen Chefredakteur Stefan Aust, vor allem im Ringen um die richtige publizistische Strategie – mit dem gedruckten Magazin, dem Online-Auftritt und der Fernsehproduktionstochter.“ Doch noch immer wäre der alte Leitspruch aktuell und wichtig: „Man muss den drei Worten nichts hinzufügen, darf nichts weglassen, man muss es einfach machen: sagen, was ist.“

Mit viel Humor begeht Sven Crefeld im Deutschlandfunk den Geburtstag, indem er die Schlagzeilen der ersten Ausgabe „vom damals ins Heute übersetzt“. So hießt es im Januar 1947 „Die armen Nazis“, daraus könnte im Jahr 2017 „Der Mann mit der Hitler-Tolle“ werden. Oder aus „Wiener Werben“ wird „Österreich fordert die Grenzen von 1937“.

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Der Evangelischen Pressedienst hat sich bei Medienwissenschaftlern umgehört. So meint Stephan Weichert, dass die publizistische Qualität „noch besser als in früheren Jahren“ sei, „weil die Redakteure offenbar weniger eitel von oben herab, sondern näher an der Lebenswirklichkeit ihrer Leser reportieren“. Medienkritiker Lutz Hachmeister beurteilt das Magazin und seine Ableger etwas anders: „Das publizistische Leitmedium unserer Tage ist Twitter – da relativiert sich die Bedeutung aller einzelnen Blätter.“ Kritisch fügt er noch an: „Mit Getöse dargebotene Titelgeschichten über Fußballer, die Steuern sparen wollen, kann man sich aber sparen.“

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Journalismus-Professor Volker Lilienthal (nur Paid): „Trotz seiner Wertungslust, manche sagen auch: Abwertungssucht gegenüber politischen Autoritäten, hat der Spiegel immer auch das Handwerk des Recherchierens hochgehalten – und damit eingelöst, was oben gefordert wurde. Die großen Beispiele wie „Bedingt abwehrbereit“, Flick-Affäre und Neue-Heimat-Skandal werden in diesen Tagen immer wieder bemüht. Dabei wird so getan, als gebe es dergleichen heute gar nicht mehr. Kann sein, dass der Spiegel in jüngerer Zeit weniger Reporterglück hatte, dass Enthüllungen aus Hamburg seltener wurden. Doch eine Trendwende lässt sich erahnen.“

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Alle Kommentare

  1. Die Medienbranche überhöht sich selbst und merkt nicht, dass sie sich immer weiter dem Abgrund nähert
    – Vertrauen und zahlende Kunden verliert, die dann für die Misere
    verantwortlich gemacht werden.

    Treffender kann man es nicht ausdrücken „Dieses Scheißblatt“, was unzureichend verkürzt: der Blätterwald ist voller solcher Gewächse.
    Als Makulatur übrig geblieben sind die Landespressegesetze in denen mediale Aufgaben und Vorgehensweisen vorgegeben werden, an denen sich niemand hält. Begleitet durch einen zahnlosen Tiger, der sich „Deutscher Presserat“ nennt. Der Streit innerhalb dieses Klientels spricht Bände.
    Die Akteure führen sich selbst ad absurdum.

  2. Die Oberen des SPIEGEL sind ja von sich so eingenommen…, als gäbe es um sie herum keine Medienpräsenz, SPON lesen kann man sich getrost sparen, da alles nur von Agenturen abstammt…, und diese Zeilen haben die Dorfblätter auch…!!!

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