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„Das Wort Sturmgeschütz ist mir zu militaristisch“: Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über 70 Jahre Spiegel

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: Mit der AfD „kritisch und hart auseinandersetzen“
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: Mit der AfD "kritisch und hart auseinandersetzen"

Am 4. Januar vor 70 Jahren startete Rudolf Augstein mit dem Spiegel Deutschlands erstes Nachrichtenmagazin. Das Blatt entwickelte sich zum legendären Flaggschiff des Politjournalismus, das in Zeiten von Medienkrise und digitaler Umwälzung durch unruhige Fahrwasser steuert. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über neue Produkte und das bevorstehende Wahljahr.

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Am 4. Januar jährt sich die Geburtsstunde des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zum 70. Mal, Sie feiern Jubiläum. Was wünschen Sie sich für den Verlag im nächsten Jahr?
Klaus Brinkbäumer:
Bedeutenden Journalismus. Dass wir also weiterhin die großen politischen Geschichten oder Gespräche und die großen investigativen Berichte wie zuletzt Football Leaks bei uns im Spiegel haben.

Mit Spiegel-Jubiläen ist immer auch die Erinnerung an Gründer Rudolf Augstein verbunden. Unter seiner Ägide galt das Blatt als „Sturmgeschütz der Demokratie“, und Augsteins Leitspruch war „Sagen, was ist!“. Inwiefern sehen Sie sich heute mit dem Magazin beidem verpflichtet?
Sagen, was ist? Selbstverständlich. Das Wort „Sturmgeschütz“ ist mir zu militaristisch. Damit ist aber gemeint, Verteidiger der Demokratie zu sein. Das wollen und müssen wir meiner Ansicht nach noch viel mehr sein, insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen Demokratie derart ernsthaft in Frage gestellt wird: durch Terrorismus, durch Rechtspopulisten, durch Angriffe auf Medien, durch Lügenpresse-Kampagnen. Das verlangt von uns Medien, dass wir uns genau dafür einsetzen: für die Pressefreiheit und die Demokratie.

Wie gut sind Sie gefeit davor, keinen Fake News, also  Falschinformationen, aufzusitzen?
Wir haben hervorragende Redakteure in den Fachressorts, wir haben eine Dokumentation und sehr gute Juristen. Dennoch: Fehlerfrei ist der Spiegel nicht, darum haben wir die Korrekturspalte im Heft, und online vermerken wir Korrekturen sofort. Sind wir gefeit davor, dass uns jemals eine Fake News durchrutscht? Nein, sind wir nicht. Aber dass uns bei der Bewertung eines Dokuments oder einer uns zugetragenen Information Fehler passieren, ist selten. Da funktioniert unsere Selbstkontrolle gut.

Was müssen Medien anders machen in publizistischen Zeiten, in denen wie jüngst bei den US-Wahlen die Medien zum Spielball wurden? Welche Lehren ziehen Sie daraus, gerade mit Blick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr in Deutschland und den im Vorfeld geführten Meinungsumfragen?
Mit Umfragen vorsichtiger umzugehen, ist gewiss eine Lehre für uns. Es gab bei der Trump-Wahl einen wesentlichen Fehler, den wir beim Spiegel nicht gemacht haben. Viele, vor allem amerikanische Medien haben Trump unterschätzt und nicht gedacht, dass er bis zum Ende erfolgreich sein könne. Sie haben ihn als Unterhaltungsstar aufgebaut und groß gemacht, weil er seit seiner Fernsehshow „The Apprentice“ genau das war: eine Berühmtheit, ein Quotengarant. Bis die ernsthaften Recherchen über sein Firmenimperium oder seinen Rassismus einsetzten, war er längst der republikanische Kandidat.

Was lernen wir nun aus der Trump-Wahl für die Auseinandersetzung mit der AfD? Zwei Extreme sind für den Spiegel ausgeschlossen: Dass wir die Partei gar nicht behandeln, ist keine Möglichkeit, weil sie ja existiert und gewählt wird. Sie nur zu verdammen ist ebenfalls keine Option, weil sie eine ernstzunehmende Partei ist. Wir werden recherchieren und uns kritisch und hart mit ihr auseinandersetzen.

Kann die Bundestagswahl 2017 für den Verlag ein Auflagenbringer werden? Die verkaufte Auflage des Spiegel ist seit Herbst 2015 unter die Schwelle von 800 000 Exemplaren pro Erscheinungsintervall gerutscht. Das E-Paper stagniert bei rund 53 000 Exemplaren. Warum verliert Der Spiegel so viele Leser?
Ich stelle kein Desinteresse an Politik fest – und schon gar kein Desinteresse am Spiegel. Die gesamte Medienbranche steckt mitten im Strukturwandel. Der Auflagenverlust beim «Spiegel» ist jedoch sanfter als bei Konkurrenten. Und wir gewinnen online Nutzer und haben damit über alle Verlagsprodukte hinweg mehr Leser als je zuvor: Mehr als 13 Millionen Menschen nutzen «Spiegel»-Inhalte – und die Zahl wächst stetig. Der Spiegel ist unabhängig, und darum ist es unsere Aufgabe im Verlag, das Verhältnis von Einnahmen und Kosten gesund zu halten. Deswegen gibt es erstmals eine Spar-Agenda, deswegen müssen wir weitere Einnahmequellen erschließen: neue Produkte entwickeln und Erlöse ins Digitale verlagern. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies möglich ist. Die New York Times schafft das, das Wall Street Journal, die Financial Times. Und wir schaffen das auch.

Wird es dann nicht dringend Zeit, dass der Verlag für das Angebot Spiegel Plus bei Spiegel Online mehr Geld nimmt?
Seit Mitte des Jahres bieten wir mit Spiegel Plus einzelne Artikel auf Spiegel Online zum Verkauf an, dies war der erste Schritt. Wir lernen viel über die Bedürfnisse unserer Leser und arbeiten nun – wie angekündigt – daran, demnächst weitere Modelle anbieten zu können, zum Beispiel digitale Abo-Modelle. Spiegel Plus wird im nächsten Jahr schlagkräftiger werden, und wir bereiten den Start weiterer Bezahlangebote vor, von Spiegel Daily zum Beispiel, einer digitalen Tageszeitung.

Ihr Ziel ist es ohnehin, die Print-Redaktionen mit der Online-Redaktion enger zu verzahnen. Wie viel von dem, was Sie sich vorgenommen haben, haben Sie schon erreicht?
Die Partnerressorts von Der Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV verzahnen sich und verbessern systematisch ihre Zusammenarbeit. Das Ziel ist es, unsere Publizistik auf allen Plattformen – Print, Website, Apps, TV-Sender, Social Media – zu choreografieren und möglichst viele Leser und Nutzer zu erreichen. Sehr positive Ergebnisse sind in der Berichterstattung sichtbar, zuletzt beim US-Wahlkampf und datenjournalistischen Projekten wie «Football Leaks»: Datenjournalisten, Dokumentare, TV-, Online- und Print-Kollegen aus drei Ressorts – Sport, Wirtschaft, Deutschland – haben perfekt zusammengespielt. Dass wir dann noch das Netzwerk EIC mit zwölf internationalen Partnern ins Laufen gebracht haben, so dass ein abgesicherter Datenaustausch möglich wurde, ist ein riesiger Fortschritt. 1993, als ich hier angefangen habe, war «Der Spiegel» noch sehr starr getrennt in einzelne Ressorts.

Hat da die jüngste Abberufung des Online-Chefredakteurs Florian Harms nicht erneut für unnötige Turbulenzen gesorgt?
Für kleinere Turbulenzen sorgen Personalien ja immer, sie bringen uns aber nicht vom Kurs ab. Wir sind hier längst wieder dabei, über journalistische Projekte zu reden.

Diesbezüglich ist Ihr Ziel, im Verlag das Innovationstempo zu erhöhen. Aber was bringt es, jetzt ab 21. März 2017 einen weiteren Ableger wie Spiegel Classic anzubieten, der betagtere Leser ansprechen soll?
Spiegel Classic ist eines von vielen neuen Produkten, die wir in den letzten Monaten entwickelt haben. Aus der Marktforschung wissen wir, dass es eine Lücke für solch ein Heft gibt, das Themenschwerpunkte setzen wird und sich sehr klug an eine ältere Zielgruppe richten soll. Wir testen es, hängen die Erwartungen jedoch nicht allzu hoch. Was mir wichtig ist: Dass wir den Spiegel und Spiegel Online mit aller Kraft, Wucht und Entschlossenheit weiterführen und zusätzlich schnell sind im Ausprobieren. Das gelingt inzwischen, und das tut uns gut.

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Alle Kommentare

  1. Ich habe in Sichtweite des Spiegelbüro in HH gearbeitet, wochenlang Demos vor dem Haupteingang des Spiegel, aufgrund der einseitigen Berichterstattung gegen Russland. Tja, wenn man keinen Journalismus, sondern Meinungsmache für den militärischen-industriellen Komplex betreibt, sollte es nicht verwunderlich sein, dass die Leser rebellieren. Wir haben im Büro immer herzlich gelacht, wenn der Kollege Schulz mal wieder Märchen aus dem Spiegel vorgelesen hat: „Hillary Clinton die gute Fee….hahaha; Obama unterstützt die moderaten Rebellen….lol“. Danke für die Lacher. BTW, wirklich alle in der Abteilung haben Ihre Abos gekündigt.

  2. Lieber schöne Worte benutzen als hässliche Wahrheiten anzugehen – der Spiegel ist bald weg vom Fenster.

  3. Als sich nach der Trumpwahl die mittelalten deutschen weissen Männer vom Spiegel darüber ausgekotzt haben das mittelalte amerikanische weisse Männer sich geweigert haben Clinton zu wählen obwohl die versprochen hat die Macht der mittelalten weissen Männer zu brechen hab ich mich entschieden den Spiegel nicht mehr zu kaufen.

    Das kam nicht von heute auf morgen – der Spiegel wirkt auf mich schon seit längerer Zeit mehr wie ein Werbeprospekt, nicht wie ein Nachrichtenmagazin.
    Ganz besonders übel stoßen mir die Werbungen auf die von Bundesländern oder dem Bund geschalten werden – wer sich auf solche Anzeigen einlässt muß sich nicht wundern wenn sie als Druckmittel verwendet werden wenn das ehemalige Nachrichtenmagazin mal eine Nachricht bringt die Ministern nicht passt. Schlimmer noch ist die Scheere im Kopf die dafür sorgt das man nicht alles schreibt was man sollte.

    Ganz ohne Presse bin ich allerdings nicht: FAZ, taz, JungleWorld im Web und dank Herrn Hensel auch die gedruckte Ausgabe von Tichys Einblicke und eine Patenschaft für die Achse des Guten.

  4. Solange der SPIEGEL die Wünsche der großen Koalition widergibt und sie befürwortet, ist er kein kritisches Presseorgan. Der SPIEGEL sollte sich wieder regierungsunabhängig machen.

  5. Der Spiegel ist also fest entschlossen, den Fehler des Springer-Verlags noch einmal konsequent zu wiederholen. Dort hat man die Digitalisierung zu einem Effizienzproblem gemacht. Digitale Endgeräte ersetzen das Papier, folglich muss der Journalismus nur auf allen Kanälen ausgespielt werden, der vorher in neuen Zentralredaktionen „modern“ erstellt wird. Das habe die überall, aber nicht im Silicon-Valley gelernt, dem Urlaubsziel von so machem Verlagsverantwortlichem. Der Name Silicon-Valley stammt nicht, wie fälschlicher Weise angenommen wird, von den Silikonimplantaten (englisch: Silicone) junger, aufstiegsorientierter Frauen, die versuchen, nerdige Multimillionäre von ihrer Digitalkompetenz zu überzeugen. Das ist die Sichtweise derjenigen, die Ursache mit Wirkung verwechseln. Erst ist man hipp und reich, der Rest folgt dann automatisch. Nicht umgekehrt. Nein, Silicon, zu deutsch: Silizium ist ein Grundstoff der Halbleiterindustrie. Die daraus hergestellten Bauteile befinden sich in den vernetzten Computern, die in Kombination mit Künstlicher Intelligenz in wenigen Jahrzehnten unser gesamtes Wirtschaftsleben umwälzen werden. Vergleichbar etwa mit dem Effekt der Einführung von Elektrizität & Elektromotor vor mehr als hundert Jahren. Die neu verfügbare Elektrizität war damals das, was heute das Digitalnetz ist. Sie war die Universaltechnologie, mit der das gesamte zivilisierte Leben verbessert, und die Güterproduktion revolutioniert werden konnte. Nur stand damals Deutschland mit an der Spitze der technologischen Entwicklung, während heute praktisch die gesamte Technik und das „Now How“ importieren werden muss. Dafür stellen wir dann hunderte von Geschichtserzählern an Schulen und Universitäten an, die unseren Kindern erklären, wie Rückständig und Unmodern das Kaiserreich gewesen ist. Das Geld wäre wohl in der umfassenden Förderung der Digitaltechnik weit besser angelegt. Um beim Thema zu bleiben: Jenseits der springerschen Selbsthypnose bleibt der Erfolg der Digitalisierungsstrategie weitgehend aus. Die Bild-Zeitung entwickelt sich zum selbstreferentiellen Werbeträger – die Marke wird also, wie sonst nur bei Heuschrecken üblich, bis zum publizistischen Tod ausgequetscht. Bei der Welt verlängert sich das Print-Siechtum ins digitale. Nur den Sonntagszeitungen geht es besser. Kaum haben die Manager „Triple-Play“ auf dem Radar, schon werden alle Benutzer mit blödsinnigen Autostartvideos gequält, wie anno dazumal. Nach dem bekannten Kartoffel-Theorem: Jetzt ist die Kartoffel da (= das Video teuer produziert), nun muss sie auch gegessen werden. Schon mal an die teuren Datentarife und die oft schlechte Netzqualität gedacht? Klickt man dann auf ein Video – das ist jetzt überall so -, sieht man zuerst Werbung. Tolle Idee, echt zukunftsträchtig. Selbst wenn der Inhalt von Youtube oder einer anderen Plattform gestohlen wurde („Quelle: Internet“ ist da kein Running Gag, sondern ernst gemeint!). Klar, Leistungsschutz- und Urheberrecht sind wichtig. Natürlich nur für die Anderen, die bezahlen sollen. Bei der Nutzung deutschsprachiger Medienangebote (jetzt leider auch NZZ) muss man andauernd etwas Aus- oder Einschalten, diese oder jene Paywall beachten, sich Anmelden, Daten für Nichts eingeben und komplizierte Bezahlsysteme studieren. Alle diese Maßnahmen haben einen gemeinsamen Hintergrund. Die Verlage ignorieren den Nutzen für den Leser/Benutzer, und orientieren sich weitgehend an verlagsinternen und/oder selbstgeschaffenen organisatorischen Notwendigkeiten. Das alte Top-Down-Prinzip in neuem Gewand. Jetzt also auch der Spiegel, die (mit „Bild“) am besten aufgestellte deutsche Marke, wenn man Print und Online zusammen sieht. Das Print-Produkt soll stabilisiert werden, und „Online“ mehr Geld verdienen. Funktioniert noch einige Zeit, aber wie lange noch? Das alles erinnert an den modernen Vierkampf im Versandhausgeschäft. Otto-Versand, Quelle und Neckermann gegen Amazon (und viele kleinere Onlinehändler). Katalog gegen Internet. Ergebnis: Zwei Tote, der Otto-Versand hat mit Glück die Kurve bekommen, und baut jetzt alles nach, was Amazon (und Zalando) vorgemacht haben. Wenn der Newsmarkt sich in absehbarer Zeit neue digitale Plattformen sucht (Facebook wird es nicht sein), wird es ganz große Augen in den Vorstandsetagen geben. Vorher werden schon einige Verlage in die Insolvenz gegangen sein. Du Mont ist nur der erste Kandidat, um den es – pressehygienisch betrachtet, auch nicht schade ist. Wenn Dummheit, ideologische Verblendung, Arroganz und Inkompetenz nicht zum Scheitern führen, wer wird dann noch an die Marktwirtschaft glauben?

  6. Dieses „Interview“ verletzt so ziemlich alle grundsätzlichen Regeln, die diese journalistische Form einem ausübenden Akteur abfordert. Vom Befragten will ich gar nicht reden. Es ist Gewäsch in Zeiten, in denen Sturmgeschütze gefragt sind. Und es stellt sich mir erneut die Frage, inwieweit sich die Finanzierung von Meedia auf ihren Umgang mit Burda&Bertelsmann etc. auswirkt.

  7. Ihren Ausführungen kann ich nur zustimmen. Der SPIEGEL war vielleicht mal ein Sturmgeschütz der Demokratie. Seit einigen Jahren hingegen dient er ja quasi als Regierungsmedium. Der Auflagenschwund tut das seinige dazu. Vom Sturmgeschütz zum links-grünen Rohrkrepierer.

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