Streit über Berichte zu Silvester-Übergriffen: Die Zeit zieht gegen Hamburger Abendblatt vor Gericht

Wird vom Hamburger Abendblatt für die Gerichtsberichterstattung ihrer Reporter kritisiert: die stellvertretende Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert
Wird vom Hamburger Abendblatt für die Gerichtsberichterstattung ihrer Reporter kritisiert: die stellvertretende Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert

Die Zeit und das Hamburger Abendblatt berichteten im Zusammenhang mit den Silvester-Übergriffen von einem Prozess am Landgericht Hamburg, das am Ende drei angeklagte Flüchtlinge freigesprochen hat. Beide Zeitungen kamen in ihrer Analyse zu unterschiedlichen Ergebnissen und überzogen sich daraufhin gegenseitig mit Vorwürfen der unsauberen Recherche. Nun landet der Streit selbst vor Gericht.

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Es ist bald ein Jahr her, dass sich in Köln und auch in Hamburg die so genannten „Silvester-Übergriffe“ ereigneten. Mit einem Fall, der sich auf der Großen Freiheit auf St. Pauli zugetragen haben soll, beschäftigte sich jüngst das Landgericht in Hamburg. Drei Flüchtlinge sollen im Schutz der Menschenmenge eine junge Frau angegrapscht und belästigt haben. Der Prozess, der mit einem Freispruch für die Angeklagten endete, wurde unter anderem von der Wochenzeitung Die Zeit und dem Hamburger Abendblatt analysiert, die sich nun gegenseitig bekriegen.

Am 15. Dezember veröffentlichte das Abendblatt einen Artikel, der die Vorsitzende Richterin massiv kritisiert und ihre Entscheidung hinterfragt. Teil des Stücks ist auch eine Abrechnung mit der Zeit, deren Reporter zu einem anderen Ergebnis gekommen sind. In seinem Artikel wirft Abendblatt-Autor Holger Schöttelndreier den „von der Leine“ gelassenen Zeit-Redakteuren nicht nur eine falsche Einschätzung, sondern auch noch – wortgewaltig – unsaubere Recherche vor: „Die Ergebnisse dieser Recherche sind von Qualitätsjournalismus so weit entfernt wie der Silvester-Mob von einvernehmlichem Sex.“

Anders als das Abendblatt hatten die Journalisten der Zeit den Punkt, der zum Freispruch führte, nicht der Vorsitzenden Richterin als Fehler angelastet, sondern – wie die Vorsitzende selbst auch – den Ermittlern. So habe die Polizei unter anderem unmittelbar nach der Anzeige zu lange für eine Zeugenvernehmung gebraucht und das Opfer als Zeugin mit Suggestiv-Fragen beeinflusst. Dabei beruft sich die Zeit auch auf eine Gerichtsaussage einer Kommissarin, die ein nicht professionelles Verhalten eingeräumt habe.

Die Kommentierung ihrer Arbeit durch Abendblatt-Mann Schöttelndreier scheint in der Redaktion der Zeit übel aufgestoßen zu sein. Die Vorwürfe seien zu Unrecht erhoben worden, heißt es in einer Replik, die die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe abgedruckt und auch online veröffentlicht hat. In dem Artikel kündigt die Wochenzeitung an, gegen mehrere „Falschaussagen“ Schöttelndreiers juristisch vorgehen zu wollen.

So hatte die Zeit in ihrer Berichterstattung festgehalten, dass der Ermittlungsfehler vor allem darin bestand, die Hauptbelastungszeugin zu lange mit Fotos aus der Tatnacht allein gelassen zu haben. Die Vernehmung sei erst später erfolgt. „Eine frei erfundene Behauptung“, urteilt das Abendblatt. Die Zeit aber beruft sich auf die Aussage der Zeugin vor Gericht sowie die der Kommissarin, die sich nicht mehr genau erinnern könne.

Darüber hinaus wirft das Abendblatt der Zeit vor, zwei (Gerichts-)Fälle durcheinander zu bringen. Was Die Zeit beschreibe, habe sich nämlich nicht Hamburg zugetragen, sondern in Bremervörde, behauptet Schöttelndreier weiter. Die Zeit: „Jedes Wort in unserem Artikel bezieht sich auf den Hamburger Prozess. Unsere Recherchen ergaben zudem, dass kein Abendblatt Journalist die Richterin Meier-Göring zu dem Thema befragte.“ Darüber hinaus sei Zeit-Redakteur Sebastian Kempkens der einzige Journalist gewesen, der die Hauptverhandlung von Anfang bis Ende verfolgt habe. Auf welcher Grundlage diese Behauptung fußt, erklärt die Zeit jedoch nicht.

Damit falle aber ein weiterer Vorwurf, den das Abendblatt erhebt, auf die Zeitung zurück: die Abwesenheit. So beklagt sich das Abendblatt nämlich über einen weiteren Artikel von Staranwalt Johann Schwenn, der zwar am Prozess nicht beteiligt war, den Fall aber aus Juristensicht eingeordnet und kommentiert hat. Dieser hatte am 11. Dezember geschrieben und den stellvertretenden Chefredakteur des Abendblatts, Matthias Iken, für seinen zuvor erschienen Leitartikel zum vorliegenden Fall kritisiert. So rieb sich Schwenn vor allem am Vorwurf des Abendblattes, die Richterin habe mit ihrem Freispruch für die Flüchtlinge „Wahlhilfe für die AfD“ betrieben.

Schöttelndreier sieht eine Verschwörung der ehemaligen Gerichtsjournalistin und Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert, die „Pitbull“ Schwenn als Rückendeckung engagiert habe. Dabei zieht er Parallelen zur umstrittenen Rolle Rückerts im Vergewaltigungsprozess gegen Wetter-Moderator Jörg Kachelmann.  Der Fall sei „wie gemacht für Schwenn und Rückert, Schwert und Feder des demokratischen Rechtsstaats. Darüber hinaus bringt Schwenn persönlich zumindest viel Sympathie für die ‚erfahrene und allseits geachtete Richterin‘ Anne Meier-Göring (O-Ton Schwenn) mit“, eifert der Abendblatt-Mann.

Zum Abschluss reibt sich Die Zeit noch an einer Darstellung Schöttelndreiers bezüglich der Recherche der Zeit. So hätten die Redakteure „hartnäckig“ versucht, Kontakt zur Hauptbelastungszeugin herzustellen. Wie Die Zeit schreibt, haben die Redakteure versucht, die Zeugin auf ihrem Handy anzurufen und ihr eine Kurznachricht geschrieben. Die Zeugin meldete dies bei der Polizei. Die Zeit dazu: „Wer das als ‚hartnäckig‘ betrachtet, hat wenig Ahnung von Recherche.“

Gegenüber der Hamburger Morgenpost teilte das Abendblatt mit, dass man der Ankündigung, juristische Schritte einzuleiten, gelassen entgegensehe.

 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, Holger Schöttelndreier sei stv. Chefredakteur des Abendblatt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Verständnis. 

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Alle Kommentare

  1. Meedia hätte unter den Bericht ruhig eine Fußnote setzen können, dass das eigene Medium eine kleine Kusine der ZEIT ist (via Holtzbrink Medien / Handelsblatt-Gruppe).

  2. Frau Rückert ist nicht, wie im drittletzten Absatz des Artikels behauptet, Chefredakteurin der ZEIT.

  3. Die Sache ist gewiss nicht einfach. Aber, dass sie so weit treibt, ist schon erstaunlich. Man möge sich erinnern: Frau Rückert mengt sich nicht zum ersten Mal über die gebotene journalistische Sachlichkeit hinaus mit Emphase in ein Verfahren ein. Den „Star“?-Anwalt Schwenn verbinde ich mit grundsäzlichen Vokabeln zum Rechtsstaat eigentlich nicht. Den Reporter der Abendzeitung mögen andere einschätzen – aber wenn er so weit geht, wie er geht: dann könnte es spannend werden. Denn es geht auch um Vorurteile: Zeit seriös, Abendblatt Teil-Boulevard. Ist es so? Schaun mer mal. Frohe Weihnachten.

  4. Prima! Lasst sie sich gegenseitig verklagen, dann wissen wir am Ende Bescheid. Denn DIESE Justiz, die ständig Beleidigungen von Polizistinnen einfach einstellt und damit diesen unverschämten Idioten, die sich einen Dreck um „unsere Werte“ und um ‚“unsere“ Gleichberechtigung scheren, auch noch zeigen, hier darf man Polizistinnen anspucken und beleidigen und NICHTS passiert. Wir brauchen dringend an diesem Punkt eine Reform UND andere Strafen, denn so kann es nicht weiter gehen, dass Antänzer, Diebe, Sexualstraftäter, Islamisten und so weiter tun können, was sie wollen und den Opfern noch den Stinkefinger zeigen, wenn sie diese lächerlichen „Strafen“ bekommen und sofort wieder auf ihre Opfer losgelassen werden. WO SIND WIR EIGENTLICH? RECHTSSTAAT WOHL NUR FÜR VERBRECHER UND MIGRANTEN, die uns belügen. Aber nicht für die Bürger, die bei Verkehrsvergehen, Führerschein-Entzügen, die einfach mal so Existenzen vernichten können (ganz im Gegensatz zur Existenz eines Diebes, Antänzers, Einbrechers, Drogenverkäufers… DIE wird geschützt oder wie?), Steuervergehen, Niederlassungs-Vergehen usw. alles straf-bewehrt für brave Bürger und Steuerzahler aber NICHT FÜR MIGRANTEN UND ANDERE TÄTER. Haben die Staatsanwälte, die Richter und Richterinnen eigentlich überhaupt kein schlechtes Gewissen bei so ungleichen Verurteilungen und Verfolgungen bei Bürgern versus bei Verbrechern?

  5. Die deutsche Justiz hat ja nichts anderes zu tun, als über Journalistengezänk und „Fake News“ zu urteilen. Unstrittig ist, dass unser politisches System auf ganzer Linie versagt, dies in Ordnung zu bringen ist weder Sache der Justiz noch der Presse, sondern Aufgabe des Wählers. Die anderen Dinge sind Nebensache.

  6. Und die Androhung vor Gericht zu ziehen ist ein Synonym für die übliche Hetze der Zeit durch den Hinweis „Es wurde Strafanzeige erstattet“?
    Zumindest dürfte sich zukünftig die Staatsanwaltschaft und die Polizei in Hamburg offener zeigen, wenn es um die Verfolgung strafbarer Äußerungen unter Verantwortung der Zeit in deren Kommentarbereichen geht.
    Das wird ein Spaß

  7. Liebe Kollegen, Herr Schöttelndreier ist nicht stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatt. Schaut doch einfach mal ins Impressum. Mit verärgertem Gruß, Oliver Schirg

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