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Facebook in Zeiten des Terrors: die für manchen unbequeme Wahrheit über das angebliche Netz der Hater & Hetzer

Trauer und Betroffenheit nach dem Anschlag von Berlin – auch in den sozialen Netzwerken
Trauer und Betroffenheit nach dem Anschlag von Berlin – auch in den sozialen Netzwerken

Es ist vorbei, die Jagd nach Anis Amri ist zuende. Mit der Erschießung des mutmaßlichen Berlin-Attentäters endet die Fahndung nach einem beispiellosen Terroranschlag in der deutschen Geschichte. Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass mehr aufzuarbeiten ist, als die Sicherheitslage der Republik. Es wäre an der Zeit, auch die Rolle des von der Politik viel gescholtenen Social Webs zu überdenken.

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Heiko Maas hatte sein Wahlkampfthema gefunden. Noch am vergangenen Sonntag keilte der Bundesjustizminister gegen das Social Web im Allgemeinen und Facebook im Besonderen und forderte Staatsanwaltschaften und Gerichte auf, Verbreiter von Fake-News und Beleidigungen im Internet hart zu bestrafen und dafür auch Gefängnisstrafen zu verhängen. Dass der SPD-Politiker damit auch das Netzwerk selbst in Verruf brachte, in dem sich fast 30 Millionen Menschen in Deutschland bewegen, nahm er dabei offenbar in Kauf. In dieses Bild passt, dass die Staatsanwaltschaft München Ermittlungen gegen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wegen „Volksverhetzung“ aufgenommen hat.

Nur einen Tag später kam es zum LKW-Attentat in Berlin. Als klar wurde, dass es sich nicht um einen grausigen Unfall, sondern um einen Terroranschlag handelte, verbreiteten sich die Schockwellen über das Social Web, via Twitter und vor allem Facebook. Doch die in letzter Zeit von Regierungspolitikern propagierte Darstellung, dass gerade Facebook vor allem für politische Hetze missbraucht wird, erwies sich in den Tagen danach als falsch – zumindest, was die überwältigende Mehrheit der Reaktionen betrifft. Das vor einem Dutzend Jahre als Freizeit- und Spaß-Community gestartete und inzwischen weltweit mit Abstand größte soziale Netzwerk war nach dem Anschlag vor allem Kommunikations-Tool und ein Ort der Anteilnahme. So hatte Facebook als Reaktion auf die Bluttat eine Funktion geschaltet, in der sich User mit Wohn- oder Aufenthaltsort Berlin als „safe“ melden konnten.

Mag man über den Nutzwert solcher Lebenszeichen in einer Millionen-Metropole auch streiten, so fällt doch auf, dass die mit Abstand meist geteilten Postings diejenigen waren, die zum Gedenken und zur Vernunft mahnten. In den Stunden und Tagen nach dem Grauen auf dem Weihnachtsmarkt am Kurfürstendamm war Facebook nicht die Zentrale der Hater und Hetzer, sondern ein Ort der Deeskalation und Menschlichkeit. Nach einer Erhebung des Social Media-Analysedienstes 10000Flies war ein Video von N24 mit 16 Millionen Views und fast 190.000 Shares der meist geteilte Inhalt, und für diesen Begleittext gab es zudem mehr als 320.000 Likes: „Wir wollen euch informieren. Was wir nicht wollen: Dass hier Leute durchdrehen und andere Leser attackieren. In diesen Stunden ist das noch unpassender als sonst. Bitte reißt euch zusammen und verhaltet euch hier so, wie ihr euch auch im analogen Leben verhalten würdet.“

Fast ebenso oft wurde bei Facebook das Video weitergereicht, in dem ein Chor von Menschen verschiedener Nationalität und ethnischer Herkunft an der Gedächtniskirche „We are the World“ singt: Fast 280.000 Shares und sogar 7,2 Millionen Views bei YouTube sind die bisherige Bilanz. Gemessen an der Reichweite der kollektiven Statements von Solidarität und Mitmenschlichkeit sind die Postings der Scharfmacher und politischen Trittbrettfahrer des Anschlags deutlich weniger relevant, auch wenn es sie – wie stets nach solchen Ereignissen – auch in diesen Tagen gab. „Spitzenreiter“ in dieser Kategorie war der Tweet des nordrhein-westfälischen AfD-Landesvorsitzenden Marcus Pretzell bei Twitter, der auf knapp 2.000 Likes und gut 900 Retweets kam.

Bei Twitter, das in punkto Reichweite im Vergleich zu einem Netzwerk wie Facebook geradezu verschwindend klein ist, war der im Zusammenhang mit dem Terroranschlag meist geteilte Tweet der Fahndungsaufruf der Bundesanwaltschaft nach dem flüchtigen mutmaßlichen Attentäter. Und zwar ist es richtig, dass neben Pretzell Rechtspopulisten wie Frauke Petry oder Beatrix von Storch in den Reichweiten-Toprankings der Reaktionen zum Anschlag weit vorn auftauchen – aber dort sind zumindest bei Twitter auch die Erklärungen von Regierungssprecher, Auswärtigem Amt sowie von Koalitionspolitikern zu finden, die diese unmittelbar nach der Tat abgegeben haben.

Es gehört in den Bereich der Legendenbildung, das Social Web per als Hort des Irrationalen und als Gefahr für die Demokratie zu stigmatisieren. Und auch die in letzter Zeit oft beklagte Gefahr durch Fake-News spielte nach dem verheerenden Anschlag von Berlin in den Netzwerken praktisch keine Rolle. Dass Agitateure nach solchen Vorfällen gerade auf dem viralen Marktplatz ihre Chance suchen, ist in einer Demokratie nicht zu verhinden. Aber es kommt eben auch darauf an, dass dem rechten Populismus von der herrschenden Politik eine starke und mehrheitsfähige Agenda entgegen gesetzt wird. Dass diese gerade im Social Web noch unterentwickelt ist, war auch eine Erkenntnis dieser Woche. Und so wundert es nicht, dass das erfolgreichste Posting von Justizminister Heiko Maas eine politische Anleihe aus längst vergangenen politischen Zeiten war:

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