Warum Fake-News bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt so gut wie keine Rolle spielten

Social Media beim Anschlag von Berlin
Social Media beim Anschlag von Berlin

Wie haben wir den furchtbaren Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin über die Medien wahrgenommen? Am Fernseher? Über Online-Medien? Social Media? Am Tag nach dem Ereignis zeigt sich, dass Facebook und Twitter nicht nur Fake-News-Schleudern, sondern eben auch nützliche Werkzeuge und Hilfsmittel sein können, wenn es darum geht, eine solche Tat schnell zu erfassen und damit umzugehen. Sie ersetzen klassische Medien nicht, ergänzen sie aber.

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Das Fernsehen hat in solchen sich entwickelnden Situationen wie dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt oder zuletzt dem Amoklauf in München gattungsbedingte Probleme, der Lage gerecht zu werden. Die Sender müssen eine Entscheidung treffen, ob und wann sie ihr normal laufendes Programm unterbrechen und in eine andauernde Sonder-Berichterstattung einsteigen. Dabei können die TV-Verantwortlichen eigentlich nie eine komplett zufriedenstellende Entscheidung treffen. In Ausnahmelagen weiß man zunächst oft wenig, Spekulationen schießen ins Kraut. Trotzdem haben die Sender die Bürde, permanent zu senden. Also wird vieles wiederholt, es werden Experten vor die Kameras gestellt und man schaltet zu Korrespondenten, die meist auch nicht mehr wissen als das, was zuvor schon dutzendfach gesagt wurde. Dazu laufen in Dauerschleife immergleiche Bilder vom Ort des Geschehens.

Das kann man kritisieren. Diese Kritik ist nach einer solchen Ausnahmesituation freilich genauso reflexhaft und ritualisiert wie die Berichte über das Ereignis selbst. Vermutlich erfüllen die Sender in solchen Situationen auch ein psychologisch-emotionales Bedürfnis, das über das Vermitteln von Fakten hinaus geht. Man ist fassungslos, man kann nichts tun – also bleibt man bei einer dieser Sondersendungsschleifen dran.

Wenn um um die Effizienz der Informationsvermittlung geht, sind Onlinemedien in solchen Extremsituationen dem TV voraus. Alle relevanten Online-Medien waren schnell mit Live-Tickern dabei. Und diese Ticker arbeiten effizient und größtenteils seriös. Eindrücke von vor Ort, Bilder, offizielle Statements, Tweets alles fließt ein und wird permanent aktualisiert – aber eben nur, wenn es einen neuen Inhalt gibt. Dabei zeigt sich auch, dass Social Media in solchen Momenten überaus hilfreich ist. Wie schon beim Amoklauf von München hat auch beim Weihnachtsmarkt-Anschlag von Berlin die Polizei vorbildlich über Twitter informiert. Auch andere Infos und Stellungnahmen kamen zuerst via Twitter, z.B. jene von Bundesjustizminister Heiko Mass, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernimmt. Medien haben solche Informationen schnell und übersichtlich eingebaut und eingeordnet.

Facebook hat auch schnell reagiert und seine Safety-Check-Funktion aktiviert, mit deren Hilfe Nutzer in Berlin sich selbst als „sicher“ markieren konnten. In solchen unübersichtlichen Lagen, in denen womöglich auch Mobilfunknetze überlastet sind, ein nützliches Werkzeug. Was die Infos angeht, ist Twitter dem Social Network Facebook in Extremsituationen aber überlegen.

Was dagegen eine absolut untergeordnete Rolle spielte, waren die noch eben in aller Munde geführten Fake-News. Natürlich gab es solche unverantwortlich in die Welt hinausposaunten Fake-News auch gestern zu Berlin. U.a. machte kurz die Falsch-Information Runde, dass sich die Terrororganisation IS zu dem Anschlag bekannt habe, was u.a. vom AfD-Politiker Markus Pretzel sofort unverantwortlich ausgeschlachtet und weiter verbreitet wurde.

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Das war aber die Ausnahme und nicht die Regel. Buzzfeed hat sogar schnell einige Fake-Nachrichten identifiziert und somit entlarvt. Generell muss man festhalten: Die Medien haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut und schnell informiert. Social Media hat mehr genützt als geschadet. Und all das ohne überflüssige und potenziell schädliche Anti-Fake-News-Gesetze.

Man durfte freilich nicht den Fehler machen, Kommentar-Tweets anfangen zu lesen oder zu tief in Kommentarspalten bei Facebook abzutauchen, wo sich mit Fassungslosigkeit, Wut, Trauer, Verdächtigungen, Spekulationen und Pöbeleien die ganze Bandbreite menschlicher Erregung niederschlug. Beschränkte man sich aber auf offizielle Quellen und konsumierte man Social Media gefiltert durch Medien, waren dies eine eindeutige Bereicherung der Berichterstattung. In Extremsituationen zeigt sich besonders deutlich, dass Social Media und klassische Medien durchaus voneinander profitieren können.

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Alle Kommentare

  1. Hauptsache mal wieder auf der AfD herumgeprügelt.

    Skandalös war das Relativieren von ARD und ZDF. Jeder, der über einen halbwegs gesunden Menschenverstand verfügt, wusste um welche Art von Attentat es sich hier handelte.

    Dann stundenlang zu senden „es könnte sich um einen Unfall gehandelt haben“ ist angesichts der bekannten Tatumstände übelste Volksverdummung.

    ARD und ZDF gehört die gelbe Karte gezeigt.

    1. Sehr geehrter Herr Paschulke, als seriöser Berichterstatter steht man eben nun mal in der Pflicht den Sachverhalt im Allgemeinen zu relativieren, solange keine klare Gewissheit herrscht, um nicht etwas zu verbreiten, was sich im Nachhinein als falsch herausstellen könnte. Natürlich können Sie sich Ihre eigene Meinung dazu bilden und diese auch Kundtun, aber die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich da eben etwas zurück halten.
      MfG

  2. Da kann Maas und seine SPDgenoss*innen sich jetzt wieder der Legalisierung der Kinderehe widmen.
    Doch keine Festungshaft bei Fake news erforderlich.
    Aber erstaunlich wie schnell die von der AfD die Dinge auf dem Schirm haben und ansprechen über die zukünftig dann auch die anderen Schnarchnasen sprechen werden, natürlich unter Ausschluss der pösen AfD.

  3. @Herr Paschulke: Es ist bis zum jetzigen Zeitpunkt so ziemlich nichts gesichert. Nur weil Sie oder ich persönlich einen bestimmten Tathergang annehmen, ist dass noch lange kein „gesunder Menschenverstand“.
    Das die Medien daher relativieren MÜSSEN, bis Erkenntnisse vorliegen und nicht voreilig schlussfolgern dürfen, ist alles andere als „Volksverdummung“.

    @Bentley: Herr Pretzell retweetet eine Falschmeldung und daraus leiten Sie ab, dass er Dinge besonders schnell auf dem Schirm hat? Und dabei ist dann egal, ob diese zu dem Zeitpunkt dem Stand der Erkenntnisse entsprechen? Aha.

    Ich kann ja durchaus verstehen, wenn sich AFD-Anhänger wie Sie beide generell missverstanden fühlen und darauf gelengtlich mit Sarkasmus oder Wut reagieren. Nur gehört es in der politischen Auseinandersetzung dazu, dass man einigermaßen versucht, sein Handeln und Tweeten und kommentieren daran auszurichten, was einigermaßen erwiesen ist.

  4. @Lothar Bach: Meiden Sie auch Diagnosen, gefiltert durch Ärzte? 😉

    Nur weil die „Medien“ nicht ansatzweise perfekt sind und in vielen Fällen zugegebenermaßen sogar tendenziös berichten, bedeutet dass ja noch lange nicht, dass die Alternativen nur einen Deut besser sind. Erfahrungsgemäß ist sogar eher das Gegenteil der Fall.

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