„Mich befremdet die Kritik“: SZ-Magazin-Chef Klotzek reagiert auf Pallenberg-Wut wegen Facebook-Story

Wie exklusiv ist die Titelgeschichte des SZ-Magazin? Sascha Pallenberg streitet mit Chefredakteur Timm Klotzek (re.)
Wie exklusiv ist die Titelgeschichte des SZ-Magazin? Sascha Pallenberg streitet mit Chefredakteur Timm Klotzek (re.)

Mit der Geschichte über die Situation und die Arbeitsbedingungen der Content-Moderatoren, die im Auftrag von Facebook in Berlin potenziell verbotene Inhalte prüfen und löschen, hat das SZ-Magazin einen echten Debatten-Treffer gelandet. Das Web und die Politik diskutieren. Es gibt aber auch Kritik. So wirft der Mobilegeeks-Macher Sascha Pallenberg den Münchnern einen "exklusiven Story-Klau" vor. Dem widerspricht allerdings Chefredakteur Timm Klotzek.

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Das SZ-Magazin hat für seine aktuelle Titelgeschichte „Blick ins Grauen“ mit Arvato-Mitarbeitern gesprochen, die im Auftrag von Facebook beanstandete Beiträge prüfen. Dabei zeichnen die Autoren ein erschütterndes Bild der Menschen, die fast stündlich mit schrecklichsten Grausamkeiten konfrontiert werden. Zudem enthält die Story Auszüge aus den geheimen Lösch-Regeln des weltgrößten Social Networks.

Verkauft wird das Stück von der Redaktion als „exklusive SZ-Magazin-Recherche“, in der „erstmals Mitarbeiter aus dem 600 Mann starken Lösch-Team in Berlin über ihre belastende Arbeit“ sprechen würden. In der Online-Ankündigung des Magazin-Textes heißt es zudem: „Die Titelgeschichte des SZ-Magazins ist der erste Einblick in das verschwiegene Geschäft der Facebook-Content-Moderatoren in Berlin.“

Dem widerspricht allerdings höchst wortgewaltig Sascha Pallenberg. Der Gründer des Tech-Blogs Mobilegeeks, der gerade erst seinen Wechsel in das Content-Team von Mercedes Benz bekannt gegeben hatte, hat sich über die Münchner „sehr geärgert“.

So schreibt er:

Wenn ihr in Deutschland genau jetzt das Fenster aufmacht, einen Finger anleckt und raus in den Wind haltet, dann könnt ihr diesen Impuls mit knackigen 150BPM sicherlich spüren. Butterfly Effect ftw! Richtig, das ist mein Puls, der durch eine leicht geschwollene Halsschlagader auch optisch ablesbar ist.

Auslöser seiner Wut ist die SZ-Story, die die Münchner eben nicht exklusiv hätten. Tatsächlich veröffentlichte Carsten Drees bereits am 24. November bei Mobilegeeks das Stück „Insider packt aus: das passiert bei Facebook, wenn ihr ein Bild oder Profil meldet“.

Erwähnt wurde der Mobilegeeks-Artikel in der SZ-Titelgeschichte mit keinem Wort. Deshalb Pallenbergs Ärger:

Wer sich die über 5000 Worte lange SZ-Magazin Recherche durchliest, der findet dort vor allen Dingen eines … Aussagen von Mitarbeitern zu Inhalten, denen sie ausgesetzt werden. Zu Verschwiegenheitsklauseln und dass das ja alles ganz geheim ist, was sie dort machen. Aber vor allen Dingen auch, wie sehr diese durch die Inhalte belastet werden. Fair enough, aber nichts, nicht einmal ansatzweise etwas, dass uns nicht seit vielen Monaten bekannt ist.

Der Wut-Text endet mit dem Aufruf an die Leser, den SZ-Hashtag #InsideFacebook zu kapern.

Gegenüber MEEDIA kontert der Chefredakteur des SZ-Magazins, Timm Klotzek, allerdings Pallenbergs Vorwürfe:

Mich befremdet die Kritik, vom Ton her, vor allem aber inhaltlich. Mobilegeeks hat wie sie selbst schreiben mit einem einzigen Menschen gesprochen, einem Ex-Mitarbeiter von Arvato. Dieser verschweigt gegenüber Mobilegeeks die psychologische Belastung der Lösch-Team oder er kennt sie nicht. Oder Mobilegeeks halten die psychologische Belastung der Arvato-Mitarbeiter in Berlin für nicht berichtenswert.

Weiter sagt Klotzek gegenüber MEEDIA:

Das SZ-Magazin hingegen hat über sehr lange Zeiträume mit sehr vielen involvierten Menschen gesprochen, uns liegen große Mengen interner Dokumente vor, einen Teil zeigen und erklären wir seit Freitagmorgen auch auf sz.de, uns die Exklusivität der SZ-Magazin-Geschichte abzusprechen ist absurd. Und natürlich nur Nebenstrang in der wirklich wichtigen Debatte um die Transparenz bei Facebook.

Der Pallenberg-Aufruf, den Hastag zu kapern, funktioniert gar nicht mal schlecht. Im Social-Web finden sich längst viele Hinweise auf die Mobilegeeks-Story. Das verstärkt den Ärger, sorgt aber auch dafür, dass das Thema noch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und das dürfte wiederum sowohl im Interesse von Klotzek, als auch von Pallenberg sein.

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Alle Kommentare

  1. Die oben dargestellte Kritik/ Auseinandersetzung zeigt mir ein weiteres Beispiel des destruktiven Energieverschwendens auf Nebenschauplätzen.

    Ist nicht das einzig Wichtige , DASS hierüber berichtete wird und dass so schnell wie möglich eingefordert wird , dass diese Menschen geschützt und unterstützt werden , wenn sie schon das von anderen angerichtete Elend an sich heranlassen müssen ?!

    Zu den Zielen und Praktiken von Facebook erübrigt sich jeder Kommentar.

  2. Exclusiv war die Story nur für die Menschen in der SZ-Filterblase. Wer öfters mal über den Tellerrand blickt für den war das nichts neues.
    Eigentlich war die Belastung der Mitarbeiter schon so bekannt, das ihnen vom Bohemian Browser Ballett im August 2016 ein eigener Image-Film gewidmet wurde…

    1. „Belastung der Mitarbeiter“ – einfach lächerlich. Was soll denn ein Rettungssanitäter sagen? Oder ein Fernsehredakteur, der Unfall-NiFs stanzt. Beide sehen acht Stunden ebenfalls schreckliche Bilder. – Die angebliche Recherche der SZ ist nichts weiter als von Interessen getrieben, um Facebook an den Pranger zu stellen.

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