Medienevent bei Axel Springer: digitale Leistungsschau, ein kleines Print-Wunder und ein Hauch von Steve Jobs

"Halt, eine Sache noch." Die beiläufige Bemerkung von Unternehmenssprecherin Edda Fels am Ende der Axel Springer-Produktschau war – natürlich – eine Reminiszenz an Steve Jobs' legendäres "One More Thing". Es folgte die News des Abends: der Launch einer werktäglichen Sportzeitung namens Fußball Bild. Eine geballte Ladung Druckerschwärze als Gegenpol zur konsequenten Digitaloffensive des Hauses.

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Wer zu Gast ins Axel Springer Haus kommt, setzt selten allein einen Fuß vor den anderen: Anmeldung, Safety Check, Eskorte zum Fahrstuhl, hoch in den 19. Stock (dem Veranstaltungsstock im Springer-Haus), Tür auf, Begrüßung durch die Gastgeber. Beim Medienkonzern aus Berlin hat alles seine Abläufe, alles strikt nach Plan. Diesen Eindruck wollte das Unternehmen auch am Mittwochabend vermitteln, als Vorstandschef Mathias Döpfner und sein Management zum alljährlichen Presse-get-together in die Event-Etage lud.

Das Verlagshaus, über Jahrzehnte konservatives Bollwerk mit seinen starken Printmarken bei Zeitung und Zeitschriften, hat sich eine Wandlung verordnet. Es erscheint heute liberaler als ehemals und vor allem umtriebiger. Die neuen Medien, das Internet und die Social Media-Giganten werden umarmt statt, wie in der Branche immer noch verbreitet, gefürchtet. Der Journalismus, so das Credo, ist durch die digitale Umwälzung nicht gefährdet, sondern stärker geworden. Und auch ein Geschäft lasse sich damit zukünftig machen, man müsse nur herausfinden, wie genau das geht.

Bei Axel Springer verwenden Blattmacher wie Manager viel Energie darauf, Schritt zu halten mit der digitalen Entwicklung und auszutesten, was im Hinblick auf die Monetarisierung am besten funktioniert. Die Marke Bild, das einst eindimensionale und schwerfällige Flaggschiff, der größte gemeinsame Nenner unter den Medien, ist dafür ein Beispiel. Facebook Live, Instagram oder Snapchat sind Kanäle, in denen Nutzer die Inhalte heute bereits zuhauf finden. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Redaktionen in den neuen digitalen Welten bewegen, hat auf das ganze Haus abgefärbt, angefeuert durch den Enthusiasmus der wichtigsten Führungskräfte, die Konzernchef Döpfner vor knapp vier Jahren zur Lehrzeit ins Silicon Valley entsandt hatte, damit sie von der kalifornischen Startup-Szene und deren Gründergeist lernen. Später ließ Döpfner das komplette Topmanagement ins Valley ausrücken, die Reise stand unter dem Motto „Leaving The Comfortzone“. Inzwischen gibt es nicht nur dort eine ständige Springer-Vertretung, sondern auch ein Headquarter in New York, dem Zentrum der US-Contentindustrie.

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Im Steve-Jobs-Pulli: Springers USA-Chef Jens Müffelmann

Vor knapp 100 geladenen Medienjournalisten und Gästen aus dem eigenen Haus präsentierten Verlagsmanager und Chefredakteure am Mittwochabend die Entwicklung ihrer Projekte. Nicht nur die Vortragsfolien auf Englisch zeigten: Springer continues internationalization. Im schlichten Steve-Jobs-Outfit präsentierte sich US-Statthalter Jens Müffelmann, um Einblicke in die Strategie eines Medienunternehmens zu geben, das die Digitalisierung länger und entschiedener vorantreibt als die allermeisten Wettbewerber und das dabei zunehmend auf englischsprachige Content-Angebote setzt. Der Fahrplan in den USA ruht auf vier Säulen: Develop, Invest, Collaborate, Expand. Mit den Beteiligungen an den Onlinevideo-Spezialisten NowThis und Thrillist sowie den Angeboten The Dodo und Seeker habe man in den USA eine reichweitenstarke Unternehmensgruppe geschaffen. An der Group Nine Media ist Springer zweitgrößter Anteilseigner hinter Discovery, die in diesem Jahr 100 Millionen Dollar investierten. Stolz zeigte sich Müffelmann über die aktuelle Unternehmensbewertung, die Marktteilnehmer inzwischen bei mehr als einer halben Milliarde US-Dollar ansiedeln.

Zufrieden gab er sich auch mit der Entwicklung von Business Insider, dem eigentlich einzig geplanten „Anker-Invest“, das Springer in den USA tätigen wollte. Zwar kostet das US-Portal, das zahlreiche internationale Ableger gestartet hat, derzeit noch mehr Geld, als es einbringt. Allerdings habe man im vergangenen Jahr die Reichweite massiv steigern können. Im November wären die Uniques im Vergleich zum Vorjahr um rund 50 Prozent gewachsen, so Müffelmann. Die Auskoppelung von Insider – das Portal bedient ein größeres Themenspektrum und erreicht nach Springer-Angaben rund 1,6 Milliarden Video-Abrufe pro Monat auf Facebook – sei ein Beleg für eine erfolgreiche Expand-Strategie. 2016 kam innerhalb der Expansionsstrategie dann doch ein weiterer „Anker-Invest“ hinzu: Im Juni übernahm der Medienkonzern 93 Prozent an eMarketer einem Anbieter von Analysen, Studien und digitalen Marktdaten für Unternehmen und Institutionen mit Sitz in New York, dessen CEO Terry Chabrowe sein Unternehmen am Mittwoch vorstellen durfte. Springers Wachstumsstrategie in den USA visualisierte Müffelmann mit zwei Bildern seines Büros, das von einem (!) Quadratmeter in der Adresslage 300 Park Avenue auf stolze 9,1 Quadratmeter gewachsen ist. Damit unterbiete man immerhin immer noch das Büro des Vorstandschefs, der stolz darauf sei, sich mit seinem Büro auf knappe 11 Quadratmeter verkleinert zu haben.

Samsung-Partnerprodukt Upday: „Unsere Autobahn zum Kunden“ / Demnächst Launch in zwei weiteren europäischen Ländern

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Im gewohnt schwarzen Anzug: Springer-CEO Mathias Döpfner

Auf Internationalisierungskurs befindet sich auch der im vergangenen Jahr mit Samsung ins Leben gerufene News-Aggregator Upday, dessen Chefs Peter Würtenberger und Jan-Eric Peters ein Update gegeben haben. Nachdem man zuletzt die Markenpräsenz des südkoreanischen Tech-Herstellers gestärkt habe, habe man sich auch auf den Launch in weiteren Ländern einigen können, so Würtenberger. Im kommenden Jahr sollen neben den bestehenden Märkten Deutschland, UK, Frankreich und Polen auch Spanien und Italien hinzukommen. Insgesamt will man bis zum Jahresende auf mehr als 20 Millionen Samsung-Geräten installiert sein. Dass die Zusammenarbeit mit den Koreanern nicht immer einfach zu sein scheint, machten manche Beschreibungen Würtenbergers deutlich. So sei das Projekt „abenteuerlich“ und ein „heißer Ritt“. Mit dem Geschäft habe man sich durchaus „in die Hände eines Giganten begeben“. Mit der Entwicklung der Zusammenarbeit und des Produktes sei man aber durchaus zufrieden. Kein Wunder: Mit der garantierten Installation auf Samsung-Smartphones fahre man direkt auf der „Autobahn zum Kunden“, erläuterte Peters. In der Vermarktung erhofft man sich vor allem, durch die Nutzung der Userdaten ein profitables Geschäft zu machen. Zu wissen, welche Themen Nutzer bevorzugen sei vor allem für Targeting und Native Advertising der „wirkliche Schatz von Upday“, so Würtenberger.

Dass man bei allen digitalen Aktivitäten das klassische Geschäft nicht vergesse, betonte am Ende des Abends noch einmal Springer-CEO Mathias Döpfner. Nicht nur mit der Einführung der immer mal wieder geplanten aber verworfenen täglichen Sportzeitung Fußball Bild zeige man, dass man auch im Print-Geschäft weiterhin Erlöspotential sehe. Das recht konventionell gestrickte Fachblatt für Fans kommt im klassischen Bild-Layout und mit dem bekannt knalligen und offensiven Umgang mit Kickern, Sieg und Niederlage daher. Es zielt auf Markterweiterung, ernsthafte Kannibalisierungseffekte mit Blick auf das Mutterblatt, so Verlagschefin Donata Hopfen, habe man in den Testgebieten nicht erkennen können. Das Medienhaus scheint in Fußball Bild einen Weg zu sehen, die galoppierenden Verluste im Vertrieb zumindest teilweise abzufedern. Für jeden, der weiß, wie oft die tägliche Sportzeitung bei Springer schon zur Marktreife entwickelt und dann wieder verworfen wurde, ist die Nachricht an sich ein kleines Print-Wunder.

Insgesamt  fokussiert Axel Springer aber weiter das Digitalgeschäft und sieht sich durch die nach wie vor zweistelligen Wachstumsraten und die „enorme Profitabiliät“ (Vorstandschef Döpfner) der digitalen Rubrikenmärkte im eingeschlagenen Weg bestätigt. Bei den neu gestarteten oder zugekauften Content-Anbietern und bei der systematischen Bespielung der Social Media-Plattformen durch die Kernmarken steht vorläufig noch der Reichweitenaufbau im Vordergrund. Die Umsatzentwicklung, so ist man im Springer-Führungsteam sicher, werde dann unweigerlich folgen.

Es ist erst drei Jahre her, dass der damalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann (heute Herausgeber der „Roten Gruppe“) nach seiner Zeit im Silicon Valley zum traditionellen Dezember-Event mit den Journalisten provokativ im Hoodie der Generation Startup erschien und die Kleiderordnung des Verlagshauses sprengte. Diekmann war am Mittwochabend übrigens unauffällig in Jeans und Sakko zugegen. Zur Schau getragene äußere Zeichen der gewaltigen Neuorientierung des Hauses scheinen nicht mehr nötig – die Veränderung ist ohnehin längst fast überall im Verlag sichtbar.

(ms/ga)

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