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Hinterm Horizont geht’s weiter: Warum SpOn-Chefredakteur Florian Harms (vorerst) seinen Posten behält

Bleibt bis auf Weiteres im Amt: Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms
Bleibt bis auf Weiteres im Amt: Spiegel-Online-Chefredakteur Florian Harms

Die Gesellschafterversammlung beim Spiegel ist gelaufen – ohne spektakuläre Ergebnisse. Aufatmen kann vor allem Florian Harms. Der Spiegel Online-Chefredakteur bleibt im Amt, zumindest bis auf Weiteres. Nach MEEDIA-Informationen fand ein Führungswechsel bei den Anteilseignern (Mitarbeiter KG, G+J sowie Augstein-Erben) kein Wohlwollen. Eine klare Niederlage für SpOn-Geschäftsführer Jesper Doub.

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Dennoch scheint mit Blick auf die Zukunft derzeit nichts in der Gemengelage an der Ericusspitze klar, nur soviel steht fest: Das Stück, das zuletzt aufgeführt wurde, ist weit unter dem Niveau, das man der Mannschaft des führenden deutschen Nachrichtenmagazins unter anderen Umständen attestieren würde. Aber die Kunst der Außendarstellung gehört bekanntermaßen nicht zu den zehn größten Tugenden des Hauses, weswegen Kenner der Ränkespiele hinter den Kulissen von den aktuellen Eruption nicht wirklich überrascht sind. Wie Pfeile aus dem Nichts zischten die Solidaritätsbekundungen der Berliner und Hamburger SpOn-Leute den Gesellschaftern um die Ohren und könnten am Ende doch den treffen, den sie verteidigen sollen: Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms, der – ob zu Recht oder nicht – in den Verdacht gerät, beim Sturm im Wasserglas oder der Palastrevolte (was es genau ist, wird sich noch herausstellen) mitgezündelt zu haben. Wie zu hören ist, hat die unerwartete Protestwelle auf die Gesellschafter Eindruck gemacht. Ein neuerlicher öffentlich ausgetragener Machtkampf beim Nachrichtenmagazin, verlautet aus deren Umfeld, müsse verhindert werden. Ausgerechnet mit der Entlassung eines Chefredakteurs ins Jahr des 70-jährigen Jubiläums des Magazins zu starten, hätte eine fatale Außenwirkung. Das Anzeigengeschäft, das bereits 2016 deutlich unter den Erwartungen geblieben sei, könne erneut leiden. Für die vormals renditeverwöhnten Eigentümer ein Horrorszenario.

Was war passiert? Über Tage hatte eine angeblich anstehende Personalie Wellen geschlagen. Der Branchendienst Horizont fühlte sich beim Blick auf den Spiegel wie im „Tollhaus“, und fast könnte man meinen, Florian Harms sei der Dreh- und Angelpunkt in der Galaxis der Hamburger Investigativen. Dabei gab es, abgesehen vom gebetsmühlenhaft wiederholten Geraune aus Frankfurt, für die SpOn-Mitarbeiter keinen stichhaltigen Hinweis, dass eine Ablösung ihres Chefs bevorstehe. Wenn angesichts einer so unklaren Lage schon mal vorsorglich öffentlich lancierte Protestnoten kursieren, dann hilft das langfristig niemandem. Keine Führungskraft, die ein reales Verständnis von Konzernprozessen hat, wünscht sich derartige Solidaritätsbekundungen. Der Spiegel ist mal wieder da, wo er nicht sein will: Er rangiert ganz oben im Zitate-Ranking, nur dummerweise in eigener Sache. Keine Frage, dass dieser Punkt auf der Agenda der Gesellschafterversammlung gestern unter „Aktuelles“ ganz oben gestanden haben dürfte. Solche Zankereien lenken ab, kosten Zeit und Energie, die man doch zur Lösung ganz anderer Probleme benötigen würde.

Wie immer, wenn es um Enthüllungen aus dem Innenleben des Spiegel-Hochhauses geht, sind viele Halbwahrheiten im Spiel, und oft hilft es, sich das Gesamtbild anzuschauen, das durch solche Berichte gezeichnet wird: Man erkennt, wem diese Lesart nützt. Beim seit der vergangenen Woche kursierenden Szenario von Horizont erstaunt, dass etwa der Chefredakteur von Spiegel Online als „Lame Duck“ gezeichnet, Print-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer jedoch als alternativlos hingestellt wird. Es ist nur wenige Wochen her, da raunten Deep Throats aus dem Spiegel-Umfeld, beide Chefredakteure stünden vor der Demission. Der eine wegen chaotischen Führungsstils, der andere wegen eines ausgeprägten Phlegmas und fortgeschrittener Entscheidungsschwäche. Solche Ferndiagnostik echter oder selbst ernannter Insider hat es beim Spiegel schon immer gegeben; am Ende blieb danach meist recht lange alles beim Alten. Dass es diesmal nicht so laufen sollte, liegt nach Informationen von MEEDIA am Entscheidungsdruck, den Spiegel Online-Geschäftsführer Jesper Doub aufgebaut hatte. Zwischen ihm und Harms soll die Chemie schon länger nicht gestimmt haben; der Manager soll seinem Chefredakteur einen problematischen Führungsstil und mangelnde Kooperationswilligkeit attestiert haben. Offenbar sah Doub seine Ziele bei der Weiterentwicklung und Monetarisierung des Digitalangebots gefährdet. Dass der erst seit 17 Monaten amtierende Geschäftsführer sich in der Personalfrage Harms nun nicht durchsetzen konnte, ist für ihn eine gravierende Niederlage.

Wer aber wie Doub die Frage nach der Abberufung von Florian Harms in den Mittelpunkt stellt, macht bereits den ersten Kardinalfehler. Es geht nicht um den SpOn-Macher und schon deshalb war es von vornherein mehr als wahrscheinlich, dass der SpOn-Chefredakteur seinen Posten über den Jahreswechsel behält. Die Gesellschafter, so war klar, würden alles daran setzen, die Situation im Interesse der Sache zu beruhigen. Ohnehin schienen die zunächst öffentlich kolportierten Gründe für eine Trennung von Harms wenig einleuchtend: In einer Branche, die seit gut zehn Jahren um die Etablierung von Paid Content-Angeboten ringt, kann ein nur wenige Monate laufendes Experiment (hier mit dem Dienstleister Laterpay) kaum ein so genanntes Killer-Kriterium sein. Daran änderten auch die wiederholten Medienberichte eines großen Branchendienstes nichts. Hinterm Horizont geht’s weiter – auch für Florian Harms, zumindest fürs Erste. Angesichts der gegenwärtigen Verfassung der Spiegel-Gruppe wäre der Chefredakteur von Spiegel Online nur dann akut gefährdet, wenn die eigenen Mannschaft gegen ihn meutert. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Sollte sich Doub langfristig doch durchsetzen, kommt eher eine „weiche“ Lösung in Betracht, mit der vor Mitte kommenden Jahres nicht zu rechnen ist. Offen ist derzeit, welche Rolle Gesamtgeschäftsführer Thomas Hass bei dem Machtpoker spielt. Ohne seine Unterstützung wäre es kaum denkbar gewesen, dass pünktlich zur letzten Gesellschafterversammlung des Jahres plötzlich soviel Dampf auf dem Kessel. Hass wird sich, zumindest intern, erklären und wohl auch für die Negativberichterstattung rechtfertigen müssen.

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Denn beim Spiegel geht es nicht um Harms, sondern um mehr. Seit längerem ringt die Ericusspitze mit der Frage, ob den Onlinern der Zugang zur Mitarbeiter KG geöffnet werden soll. Harms gilt als Motor in dieser Frage und er hat stichhaltige Argumente auf seiner Seite. Schließlich steht das Digital-Business für die Zukunft – warum sollte man die für dieses Fach zuständigen Redakteure von der Mitbestimmung ausschließen? Magazin-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ist dem eigenen Bekunden nach dafür, aber er hat eigentlich keinen Grund, sich hier mehr zu engagieren als durch gelegentliche Sonntagsreden. Für viele altgediente Printleute hat die Gleichstellung der Digitalredakteure keine Priorität, man ist halt im Prinzip dafür. Genauso wie bei der Frauenquote und mit ähnlichem Erfolg in der Sache. Schon möglich, dass ein Unruheherd in der leidigen Angelegenheit schnell lästig und sein persönlicher Einsatz für den SpOn-Chefredakteur zum Problem im Haus werden kann. Dass er mit gleicher Logik womöglich auch den Zugang zu mehr Heftinhalten fordert, werden viele (mit guten Gründen) nicht gern sehen. Andererseits: Harms ist Lobbyist des Digitalen, und er macht hier so gesehen nur seinen Job.

Und wer wie der SpOn-Chefredakteur – keiner weiß es so genau – eine Mannschaft von 180 bis 200 Leuten auf der Payroll hat, dürfte es kaum für nötig befinden, zur Abrundung des Themenangebots beim Printmagazin vorstellig zu werden. Man muss keineswegs mit Harms auf einer Linie liegen, um zu erkennen, dass bei aller möglichen und auch angebrachten Kritik an der Entwicklung von Spiegel Online das Digitalangebot bei Weitem nicht das beherrschende Problem des Hauses ist. Es ist eher so, dass sich die elementaren Defizite des Spiegel auch hier auswirken, vor allem, wenn es um Innovationen geht. Damit tut sich die Gruppe in fast allen Bereichen schwer, und die derzeitigen Entwicklungsprojekte – Daily, Spiegel Classic oder ein ominöses Programmie – zeigen das gattungsübergreifend. Aber es wäre unfair, dies den beiden amtierenden Chefredakteuren zum Vorwurf zu machen. Auch mit Spiegel Reporter oder New Scientist konnte der Verlag schon früher keine erfolgreichen Line Extensions etablieren. Und natürlich nagt das Image, ein „One Trick Pony“ zu sein, an den Verantwortlichen im gesamten Haus, die vor Augen haben, wie andere Verlagshäuser (siehe Zeit Mann oder FAZ Quarterly) neben ihren Top-Marken neue Werbeträger für Anzeigenkunden schaffen.

Spiegel Classic, das Magazin für Best Ager, soll nun im März auf den Markt kommen. Ob und wann weitere Projekte umgesetzt werden, ist zur Zeit ungewiss. Auf offizielle Anfrage von MEEDIA gab sich der Spiegel Verlag einsilbig. Mit einer Pressemitteilung der Gesellschafter zu den Beschlüssen der Versammlung ist dem Vernehmen nach vorerst nicht zu rechnen. Der Spiegel will sich hierzu offiziell nicht äußern. Der Kampf hinter der Fassade des 13-stöckigen Spiegel-Hauptquartiers in der Hamburger Hafencity, so dürfte sicher sein, ist aber noch lange nicht zu Ende.

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